Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1993
- Issue
- No. 57 (1993)
- Date
- 1993-01-01
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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ZUR BEDEUTUNG DES OBERSCHLESISCHEN JUDENTUMS (Fortsetzung von Seite 7) Nachdem Hahn 1870 aus der Firma ausgeschieden war, führte Salomon Huldschinsky sie allein weiter. Zu Beginn der 80er Jahre traten die Söhne des Gründers, Erwin und Oskar, in das väterliche Unternehmen ein. Als der Vater bald darauf starb, firmierte es als S. Huldschinsky & Söhne. Zur treibenden Kraft wurde Oskar Huldschinsky, der in seinem Cousin Bendix Meyer einen aussergewöhn- 'lich begabten Techniker und talentierten Betriebsdirektor fand. Zwar schied Bendix Meyer wegen Differenzen mit Oskar Huldschinsky 1893 aus der Firma aus, doch blieb er als technischer Berater weiterhin verbunden. Als Edwin Huldschinsky sich 1894 aus dem Unternehmen zurückzog, wurde Oskar alleiniger Inhaber. Noch im gleichen Jahr wandelte er es in eine Aktiengesellschaft um. Bis 1894 hatte sich das zunächst bescheidene Röhrenwerk zu einem stattlichen Hüttenbetrieb mit einem SM-Stahlwerk, mit Walzwerksanlagen sowie einer Rohr- und Fittingsanlage entwickelt. Mit der Umwandlung der Huldschinsky-Werke In eine Aktiengesellschaft war ein weiterer Ausbau verbunden. Durch ihn sollte sie sich „vom Bezug der Rohrstreifen unabhängig machen und daran sollte sich die Erweiterung der Betriebsanlagen anschliessen um durch Weiterverarbeitung und Veredelung des Eisens ein weitumfassendes Erzeugungsprogramm zu gewinnen.“ Im Jahre 1898 wurde das Aktienkapital der Huldschinsky'sehen Hüttenwerke AG von bisher 3 auf 20 Millionen Mark erhöht. Infolgedessen standen erhebliche Mittel für eine Erweiterung der Produktionsanlagen zur Verfügung. So machte der nunmehr vorgenommene Bau eines Puddelwerks das Unternehmen unabhängig vom Fremdbezug schweisseiserner Streifen. Zwar erwies sich der Bau einer Bessemer-Anlage als Fehlinvestition, weshalb sie wieder stillgelegt wurde, doch die Einführung des Erhardt’schen Ziehverfahrens 1898 gelang es, Lokomotivrohre, Hocjidruckbehälter sowie Armaturen für Hochdruckrohrleitungen nach dem Erhardt-Verfahren herzustellen. Unermüdlich wurde die Verfeinerung der Stahlproduktion bei Huldschinsky vorangetrieben. Im Jahre 1900 kam es zur Aufstellung einer 3000 t-Schmiedepresse; sie diente der Herstellung ganz schwerer Schmiedestücke. 1901 wurde eine automatische Schweissanlage und ein Bandagenwerk errichtet. Ebenfalls 1901 konnte eine neue Abteilung für Eisenbahnmaterial in Betrieb genommen werden. Um 1904 umfassten die Huldschinsky'schen Hüttenwerke AG das wohl umfangreichste Produktionsprogramm aller oberschlesischen Unternehmen, weshalb erhebliche Mengen Rohstahls für die Weiterverarbeitung aufgekauft werden mussten. Hierher ergab sich die Frage, ob man ein neues, grosses eigenes Stahlwerk errichten oder sich mit einem schon bestehenden Stahlwerk, das über ausreichende Rohrstahlkapazitäten verfügte, vereinigen sollte. Da auf dem Gelände der Huldschinskywerke kein Platz für den Bau eines Stahlwerks von grosser Leistungsfähigkeit zur Verfügung stand, wurde der Vorschlag Rudolf Hegenscheidts, Vorstandsmitglied der Oberschlesischen Eisenbahnbedarfs AG, lebhaft begrüsst, Huldschinsky an „Oberbedarf“ anzugliedern. Am 25. Januar 1905 erfolgte unter „Billigung und Gutheissung“ der Generalversammlungen beider Gesellschaften der Zusammenschluss von Huldschinsky und „Oberbedarf“. Die hierher rührende Konsequenz war die Stillegung 8 der Walzwerkbetriebe der Huldschinskywerke, ein weiterer Ausbau des Presswerks in Gleiwitz, die Errichtung einer grossen Produktionsanlage im nahen Gleiwitzer Stadtwald, in der ab 1908 nahtlose Röhren hergestellt wurden. Bis 1914 verzeichneten die Huldschinsky-Werke als Bestandsteil der Oberschlesischen Eisenbahnbedarfs AG einen weiteren erheblichen Ausbau. Im Frühjahr 1918 zählte die Belegschaft der Huldschinsky'schen Produktionsanlagen im Verband von „Oberbedarf“ mehr als 9.000 Beschäftigte. Die Industrialisierung Deutschlands im allgemeinen und Oberschlesien im besonderen während der mehr als 43jährigen Friedensepoche von 1871 bis 1914 führte in Handels-, Wirtschafts- und Bankenkreisen zu einem wachsenden Wohlstand, an dem auch die jüdische Unternehmerschaft beteiligt war. Seinen Ausdruck fand er in vielfachen Erscheinungsformen. Insbesondere kam es zur Schaffung von Kunstsammlungen. Mit dem damit zusammenhängenden vermehrten Kunstinteresse erfolgten auf dem Sektor Kunst zahlreiche Förderungen. Nicht zuletzt -trugen jüdische Sammler durch Spenden und Stiftungen zur Mehrung des 'Museumsbesitzes in Deutschland bei. Wiewohl zahlreiche Sammlungen später wieder versteigert wurden und infolgedessen wertvolle Kunstwerke insbesondere nach Amerika gelangten, so ist doch unbestreitbar, dass ihr Vorhandensein, wenn häufig auch nur vorübergehend, zu einer reichen Kunstblüte führte. Die Machtübernahme durch die Nationalsozialisten 1933 sollte nicht nur dem jüdischen Sammlertum ein Ende setzen, sondern darüber hinaus zu einem Niedergang des gesamten Kunstlebens in Deutschland führen. Oscar Huldschinsky ist den bedeutenden jüdischen Kunstsammlern zuzurechnen. Er besass eine grossartige Sammlung holländischer und italienischer Maler, darunter zwei Werke Rembrandts, ferner Arbeiten von Frans Hals, Gabriel Metsu, Peter Paul Rubens, Jacob Ruisdael, Meindert Hobbema, Gerard Terboch, Sandro Bottecelli und Sebastiano del Piombo. Wilhelm von Bode hat sie 1908 in einem Privatkatalog beschrieben. Im Jahre 1928 wurden die Arbeiten durch den Berliner Kunsthändler Paul Cassirer, einem der damals führenden deutschen Kunsthändler und Vorkämpfer der französischen und deutschen Impressionisten, für A'A Millionen Mark versteigert. Die Handzeichnungen Oscar Huldschinskys kamen 1931 im Berliner Buch- und Kunstantiquariat von Paul Graupe, bekannt und bedeutend als Auktionshaus vor allem für wertvolle Bücher, Handzeichnungen und Graphiken, zur Versteigerung. Es ist nicht möglich, auf sämtliche jüdischen Unternehmer sowie Finanziers von Unternehmungen im oberschlesischen Raum einzugehen. Hinzuweisen gilt es jedoch noch auf die Kattowitzer Finanziers Sachs, Hammer und Rosse, denn ihrem risikoreichen finanziellen Engagement verdankt eines der bedeutendsten Unternehmen Oberschlesiens seine Entstehung und Entwicklung, und zwar die Bismarckhütte Aktiengesellschaft. Vermutlich mit Rücksicht auf den Wohnsitz ihrer Initiatoren nannte sich das seit 1872, somit ein Jahr vor Ausbruch einer schweren Wirtschaftsrezession, was die Anfänge komplizierte, bestehende Unternehmen „Kattowitzer AG für Eisenhüttenbetrieb in Kattowitz”. Zum Leiter des Unternehmens wurde Wilhelm Kollmann, der aus dem westfälischen Wehringhausen stammte, berufen. Er, der ein glühender Verehrer Otto von Bismarcks war, setzte es durch, dass das neuen Unternehmen 1873, mithin zu Beginn der Rezession und nur 1 Jahr nach seiner Gründung in „Bismarckhütte AG für Eisenhüttenbetrieb in Ober-Heiduk“ umbenannt wurde. Unter Anspielung auf seine Gründer nannte es der Volksmund „Sächsisches Hammerwerk mit Rossebetrieb“. Bis zum Ausbruch des 1. Weltkriegs entwickelte sich die Bismarckhütte zu einem erstklassigen Verfeinerungsunternehmen und einer der bedeutendsten Produktionsstätten Oberschlesiens; sie genoss weltweites Ansehen. Die Betätigungsfelder oberschlesischer Juden waren keineswegs auf Handel, Wirtschaft und Finanz beschränkt. Ein Sektor, auf dem sie sich ebenfalls engagierten, und dies ebenso zahlreich wie erfolgreich, war die Wissenschaft. Nicht nur dass Wirtschaftsführer, ehe sie unternehmerisch tätig wurden, sich mehr und mehr einer akademischen Ausbildung unterzogen — so hatte Georg Caro, bevor er in die väterliche Grosshandelsfirma zu Breslau eintrat, an den Universitäten Heidelberg, Breslau und Greifswald studiert und seine Studien mit dem Dr. jur. abgeschlossen — häufig genug widmeten sie sich im Anschluss an ein Hochschulstudium ganz und gar der Wissenschaft, so die aus der oberschlesischen Familie Pringsheim stammenden Naturwissenschaftler Nathanael, Ernst und Peter Pringsheim. Die eindrucksvollsten Beispiele für das Engagement und den Erfolg im wissenschaftlichen Bereich sind die aus Oberschlesien stammenden beiden Nobelpreisträger jüdischer Herkunft Konrad Bloch und Maria Goeppert-Mayer. Konrad Bloch wurde am 21. Januar 1912 in Neisse geboren. Er studierte an der technischen Hochschule in München, ehe er 1936 in die Vereinigten Staaten emigrierte. 1964 wurde ihm zusammen mit dem gebürtigen Münchner Fedor Lynen der Nobelpreis für Medizin „für ihre Entdeckungen des Mechanismus und der Regulation des Stoffwechsels beim Cholesterin und den Fettsäuren“ verliehen. Maria Goeppert- Mayer stammte aus Kattowitz, wo sie 1906 geboren wurde. Wie Bloch, so war auch sie in den 30er Jahren in die Vereinigten Staaten ausgewandert, nachdem sie in Göttingen bei dem gebürtigen Breslauer Max Born, bei James Franck und Adolf Otto Windaus, die sämtlich mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurden, studiert hatte. — Der Nobelpreis für Physik wurde Maria Goeppert-Mayer 1964 zuerkannt. Beeindruckend ist auch die Zahl der aus Oberschlesien stammenden Künstler und Schriftsteller, von denen die folgenden genannt seien; ohne mit der Reihenfolge ihrer Nennung eine Bewertung vorehmen zu wollen: Der Maler und Graphiker Johnny Friedlaender, der am 21. Juni 1912 in Pless geboren wurde. 1957 erhielt er, der Meister der Farbradierung, den Preis der Biennale in Tokio. Der Schriftsteller und Publizist Max Tau, geboren am 19. Janunar 1897 in Beuthen und am 13. März 1976 zu Oslo verstorben. Er, der 1950 mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels ausgezeichnet wurde, war ein Botschafter der Güte und Noblesse; sein schriftstellerisches Werk Ist um Friedensliebe und Versöhnung bemüht. Der Komponist Arnold Ludwig Mendelssohn, der am 26 November 1855 zu Ratibor das Licht der Welt erblickte. Er war ein Spross der bedeutenden Familie Mendelssohn, die hervorragende Persönlichkeiten des europäischen Geistes- und Finanzlebens hervorbrachte. Genannt sei ebenfalls der Kunsthistoriker Franz Landsberger, geboren am 14. Juni 1883 in Kattowitz. Nach dem Studium der Kunstgeschichte in Berlin, (Fortsetzung auf Seite 9)