Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1993
- Issue
- No. 57 (1993)
- Date
- 1993-01-01
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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ZUR BEDEUTUNG DES OBERSCHLESISCHEN JUDENTUMS (Fortsetzung von Seite 6) Ien-Grosshandelsfi: ma Emanuel Friedländer & Co. Das Unternehmen trug nicht nur dazu bei, der oberschlesischen Steinkohle neue Märkte zu erschliessen, es war auch massgeblich an der Entwicklung der Eisen- und Stahlindustrie des Reviers sowie der Verwertung der anfallenden Nebenprodukte, insbesondste der Koksgase, beteiligt.'1) Emanuel Friediär.ders Sohn Fritz wurde zum Gründer eines bedeutenden deutschen Konzerns der Kohle- und Chemieindustrie. Er ging hervor aus der Kohlen-Grosshandelsfirma seines Vaters. Der erste grosse Eingriff, den Fritz Friedländer in die Wirtschaft vornahm, und der sich nicht nur zugunsten der überschiesiens, sondern der des gesamten Reiches auswirkte, betraf die wissenschaftliche und wirtschaftliche Revolutionierung der Koksindus- #trie, cabei ausgehend von den in dieser Hinsicht bereits von seinem Vater entwickelten Initiativen, denn es ging um die Nutzung der Koksgase, die bisher ungenutzt in die Luft gelangen. In der Tat waren die Bemühungen, die Gase zu nutzen, von Erfolg gekrönt, und zwar infolge des Einsatzes von Destillationsöfen. Das Destillationsofensystem war übrigens von Gustav Hoffmann zu Gottesberg, im niederschlesischen Kreis Waldenburg gelegen, entwickelt worden. Die ersten Destillationsöfen kamen im Betrieb der Oberschlesischen Kokswerke und Chemischen Fabriken, die 1884 gegründet worden waren und die Kokerei Zaborce, Poremba, Skal- 1ey, den Glückkauf- und Delbrückschacht sowie die Koksanstalt Borsigwerk umfassten, zum Einsatz. 1898 baute Fritz Friedländer den Konzern in Richtung Osten aus. Er ging in jenem Jahr nach Russland und gründete mit Unterstützung der Berliner Handelsgesellschaft, d.h. mit Unterstützungen Carl Fürstenbergs, die Russische Montan-Industrie —A.—G. lrn Jahre 1900 kam es zur Gründung der Russischen Eisen-Industrie—A.—G., an der neben Fritz Friedländer Carl Fürstenberg, das Berliner Bankhaus Bleichröder, Walther Rathenau und die in Breslau und Oberschlesien aktive jüdische Unternehmerfamilie Caro beteiligt waren. Die Aktivitäten in Deutschland wurden durch das Engagement in Russland nicht beeinträchtigt, denn zur gleichen Zeit entstand unter der Leitung Friedländers die Braunkohlen- und Brikett-Industrie—A.—G. Unter der Bezeichnung „Bubiag“ wurde sie zu einem den führenden Braunkohlenunternehmen des Reiches entwickelt. Ihren eindrucksvollen Aufstieg verdankte die Gesellschaft insbesondere der Kompetenz und dem Sachverstand ihres jüdischen Vorstandsmitglieds Wolf Zitelman. — Eine weitere Gründung Fritz Friedländers war die A.—G. für Teer- und Erdölindustrie, die er -in die Rütgers-Werke, Berlin, heute Frankfurt am Main, einbrachte. Sein Interesse an der synthetischen Gewinnung von Stickstoff dokumentiert sich in der Beteiligung an der Gründung der „Oberschlesischen Karbid- und Stickstoffwerke" zu Chorzow und des Karbidwerkes „Prinzengrube“ zu Press. Hinzuweisen gilt es darauf, dass Fritz Friedländer Oberschlesien zum Standort einer grossen chemischen Farbenindustrie machen wollte. Zeit seines Lebens waren sein Sinnen und Trachten darauf gerichtet. In seinem Jahrbuch der Vermögen und der Einkommen der Millionäre in Berlin für das Jahr 1913 beziffert Rudolf Martin das Vermögen Fritz Friedländers, der seinen Wohnsitz In Berlin, am Pariser Platz 5a hatte, auf 46 Mill. Mark. Friedländers Wirken und Werk kann mit den wenigen Hinweisen, die gegeben wurden, lediglich angedeutet werden. Tatsache ist, dass er von seiner Bedeutung, aber auch von seinem Besitz her, gleichrangig neben den „Magnaten“ der oberschlesischen Feudalaristokratie steht, ja, dass er einen Vergleich mit dessen bedeutendstem, Guido Henkkel von Donnersmarck, aushält. Fritz Friedländer stiftete das Fideikomiss Gross-Gorschütz im Kreis Ratibor, seine Berliner Wohnung, ein Palais, von Ernst Ihne erbaut, verfügte über einen grossartigen Patio in Marmor, Säulengänge und Rundbögen. Wenn die Bedeutung der schon einmal genannten Unternehmerfamilie Caro auch nicht an die der Friedländers heranreicht, so nimmt sie sich gleichwohl eindrucksvoll aus. Bereits seit 1807 hatten Die alte Synagoge in Oppeln Ifef sich die Caros mit dem Verkauf handelsüblichen Eisens befasst, denn in jenem Jahr war durch Moritz I. Caro die Eisengrosshandlung M. I. Caro & Sohn zu Breslau gegründet worden. Sein 1819 geborener Sohn Robert, der das väterliche Unternehmen weiterführte, erwarb 1848 zu Laband bei Gleiwitz eine Mühle und „in sehr bescheidenem Rahmen“ ein Hüttenwerk, das er nach dem Namen seiner Frau „Herminenhütte“ nannte.4) Seit 1866 beteiligte sich Robert Caro an der Firma Heinrich Kern & Co. zu Gleiwitz, einem Drahtwerk. Mit den Kerns waren die Caros auch verwandtschaftlich verbunden. Entstanden war das Drahtwerk Kern in Konkurrenz zu dem ebenfalls in Gleiwitz ansässigen Drahtwerk Wilhelm Hegenscheidts. Fortgeführt wurde das Werk des 1875 verstorbenen Robert Caro von seinen beiden Söhnen Oscar und Georg. 1883 erwarben sie beiden Brüder die „Julienhütte“ zu Bobrek, eine Hochofenanlage; ausserdem wurde die „Moritzhütte“ erworben, von der die Heinrich Kern & Co. ihr Vormaterial für die Drahtherstellung bezog. In den Erwerbungen der Brüder Caro sowie ihrer Beteiligung an der Heinrich Kern & Co. erschöpften sich deren Aktivitäten im oberschlesischen Revier jedoch nicht. Im Jahre 1886 nämlich wurden die „Julienhütte", die „Herminenhütte“ und die „Baildonhütte“ bei Kattowitz unter der Firma „Oberschlesische Eisen-Ölindustrie-Actiengesellschaft für Bergbau und Hüttenbetrieb“ vereinigt; am 1. Januer 1887 nahm sie ihren Betrieb auf. Generaldirektor der Gesellschaft, die ein bedeutendes Unternehmen im Revier darstellte, wurde Oscar Caro. Ebenfalls am 1. Januar 1887 konnte die Heinrich Kern & Co. mit dem Hegenscheidtschen Drahtwerk zur „Oberschlesische(n) Drahtindustrie AG“ zusam- ’mengeschlossen werden; am 1. Januar 1889 schliesslich vereinigten sich beide Firmen zur „Oberschlesischen Eisenindustrie AG für Eisenhüttenwesen ur.'d Bergbau“, wodurch die von 1887 bis 1889 noch bestehenden Eigenständigkeiten der beiden Unternehmen beseitigt wurden. Im Jahre 1905 schied Oscar Caro aus der Leitung des Unternehmens aus. Oscar Caro gehört nicht nur zu den grossen Gestaltern der oberschlesischen Eisenindustrie; er war ebenfalls Mitgestalter bedeutender Verbandsgründungen. So gehörte er zu Initiatoren des Verbandes Oberschlesischer Walzwerke sowie des Deutschen Walzwerks-Verbandes, in derh neben den oberschlesischen, auch die rheinisch-westfälischen, die mitteldeutschen und die süddeutschen Walzwerke zusammengeschlossen waren. Während Oscar Caro seine Aktivitäten auf Oberschlesischen konzentrierte, waren die Georgs in erster Linie auf das Breslauer Eisenhandelsgeschäft gerichtet. Unter seiner und Leo Lustigs Leitung, der der M. I. Caro & Sohn seit 1904 als Sozius angehörte, konnte ihr eine grosse Zahl zumal in Ostdeutschland ansässiger Eisenhandelsfirmen ar,geschlossen werden. Dadurch erfuhr das Handelshaus eine erhebliche Ausdehnung. Die Erfolge, die Georg als Unternehmer zu verzeichnen hatte, trugen ihm übrigens zahlreiche Auszeichnungen und Ehrungen ein. So gehörte er als wirkliches Mitglied der ,,Schlesiche(n) Gesellschaft für vaterländische Cultur“ an. In seiner Eigenschaft als Fideikommissbesitzer, der in der Mark Brandenburg gelegenen Rittergüter Wilkendorf und Gielsdorf wurde ihm der ehrliche Adel verliehen. 1910 wurde er mit dem Kronenorden II. Klasse ausgezeichnet. Georg Caro starb am 2. September 1913. Sein Bruder Oscar überlebte ihn um 13 Jahre; er starb im Dezember 1931. Zu dem als Sozius der M. I. Caro & Sohn genannten Leo Lustig sei folgendes vermerkt: Geboren wurde er am 23. Juni 1860 in Gleiwitz. Nach dem Besuch des Gymnasiums war er zunächst Im Bankgewerbe tätig, ehe ihn Georg und Oscar Caro 1893 zum Sozius machten. Sie beauftragten ihn daraufhin, der oberschlesischen Eisenindustrie einen leistungsfähigen Grosshandel an die Seite zu stellen. Daraufhin reorganisierte Leo Lustig den 1887 gegründeten „Schlesischen Händlerkonzern“, In dem beinahe sämtliche Grosshandelsfirmen in Mittel- und Ostdeutschland vertreten waren, die mit oberschlesischen Walzwerkserzeugnissen handelten, und übernahm dessen Leitung. Es gelang ihm ausserdem, auch die Produzenten in einer Verteilerorganisation zusammenzufassen. Im Jahre 1910 vereinigte er den Schlesischen Händlerkonzern mit der Ravene AG, Berlin, zur Deutschen Eisenhandels AG, Berlin, und trat selbst an die Spitze des so entstandenen grössten deutschen Eisenhandelskonzerns. Leo Lustig war massgeblich beteiligt an der organisatorischen Zusammenfassung des deutschen Grosshandels zu einer berufsständigen Organisation durch die Gründung des Reichsverbandes des Deutschen Gross- und Überseehandels, dessen Entwicklung er in seiner Eigenschaft als Vizepräsident mitgestaltete. Ausserdem war er Vorsitzender der Wirtschaftlichen Vereinigung der Eisenhändler Deutschlands, die er in der Internationalen Handelskammer vertrat. U.a. gehörte er als Mitglied dem Aufsichtsrat der Berliner Handelsgesellschaft und der Vereinigten Oberschlesischen Hüttenwerke AG, Gleiwitz, an. Das Osteuropa-Institut an der Universität Breslau, deren Ehrendoktor er war, wurde durch ihn, der 1930 in Berlin starb, wesentlich gefördert. Den bedeutendsten, gleichwohl nur wenig bekannten Unternehmerfamilien Oberschlesiens jüdischer Herkunft sind die Huldschinskys zuzurechnen. Im Jahre 1866 hatte Salomon Huldschinsky, zusammen mit Albert Hahn unter der Firma S. Huldschinsky & Co. auf einem Gelände an der Kronprinzenstrasse in Gleiwitz, das parallel zur Eisenbahnlinie Kattowitz—Gleiwitz lag, ein Röhrenwerk gegründet. Als erstes Oberschlesiens produzierte es ab 1867 stumpfgeschweisste schmiedeeiserne Rohre und Fittings. (Fortsetzung auf Seite 8)