Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1993
- Issue
- No. 57 (1993)
- Date
- 1993-01-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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WO WAREN DIE GEWERKSCHAFTEN? WO WAREN DIE SOZIALISTEN? (DER ANTISEMITISMUS IN DER SOZIALISTISCHEN BEWEGUNG UND IN DEN GEWERKSCHAFTEN IN DEUTSCHLAND VOR HITLER) Eine weitverbreitete Ansicht ist es, dass der Antisemitismus in Deutschland nur in den rechten, reaktionären-nationalistischen Kreisen verbreitet war, aber nicht in den sogenannten sozialistischen und humanistischen Kreisen. Aber wer sich mit dieser Materie befasst, wird bald feststellen, dass dem nicht so ist. Es ist interessant zu sehen, dass Menschen verschiedener Weltanschauungen, konservative, progressive, national-liberale und radikale, weiche politisch einander bekämpften, dieselben judenfeindlichen Ansichten zum Ausdruck brachten. In den Jahren Weimarer Republik waren die sozial demokratische Partei und die mit ihr verbundenen Gewerkschaften einer der wichtigsten Machtfaktoren. Dazu gesellte sich noch die K.P.D. Innerhalb der Gewerkschaften, nahm die der Transportarbeiter, Eisenbahner u.s.w., wegen ihrer Stärke einen besonderen Platz ein. Aber 9 oder 10 Jahre später waren diese „sozialistischen“ Eisenbahner bereit die Transporte von Millionen Juden in die Vernichtungslager zu bringen. Wir wissen nichts von Arbeitsverweigerung und Streiks. Auch die Verhaftungen von jüdischen Sozialisten, Demokraten und Reichsbannermitgliedern, wurden von den ehemaligen „Genossen“ schweigend hingenommen. Wir wissen lediglich nur von einer „Loyalitätsversicherung an Hitler“, 20. März 1933, von dem Vorsitzenden des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes, Leipart (ein wichtiges Vorstandsmitglied der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands), in der es heisst: „Die Gewerkschaften würden ihre Aufgabe erfüllen gleichviel welcher Art das Staatsregime ist“. (Walter Theimer: Von Bebel bis Ollenhauer, Lehnen Verlag, München, S. 80). Wahrscheinlich war eine der „zu ■erfüllenden Aufgaben“, jüdische Menschen in Viehwaggons in die Vernichtungslager zu bringen. Angesichts dieser Einstellung erhebt sich von allein die Frage nach der Ursache dieses Verhaltens dieser Sozialisten und „Humanisten“? War die breite Masse in der sozialistischen Bewegung, welche viele jüdische Mitglieder, auch in ihrer Leitung, aufzuweisen hatte, antisemitisch eingestellt? Bis zur Zeit der französischen Revolution basierte der Antisemitismus hauptsächlich auf den Grundsätzen der christlich-religiösen Judenhasses. Aber als infolge der Aufklärungsepoche der Einfluss von Kirche und Religion rapide zurückging, nahm der tief eingewurzelte Antisemitismus andere, „moderne“, Formen an: z.B. Judenhass aus nationalen, rassischen oder sozialen Gründen. Fourier (1772—1837) war einer der ersten, welcher zu Zeiten der französischen Revolution den Antisemitismus aus „sozialen Gründen“ propagierte. Das Jahr 1848, auch das „Jahr der Freiheit“ oder „Frühling der Völker“ genannt, war mit Ausschreitungen gegen die Juden verbunden. Schon am 24. Februar 1849, d.h. bald nach Ausbruch der Revolution in Paris, fingen die Gewaltakte gegen Juden an. An diesem Tag wurde die Sommerresidenz von James Rothschild in Brand gesteckt. Diese Pogrome breiteten sich insbesonders in Elsass-Lothringen aus und viele Häuser von Juden und Synagogen wurden in Brand gesteckt. Auch im Rheinland „organisierten“ sich Demonstrationen gegen Juden und am 26. Februar 1849 zogen Gruppen von Demonstranten gröhlend durch die Strassen und schrieen: ,,ca ira, ca ira den Juden muss der Kopf herab“. Im Gegensatz zu Frankreich, wo sich die Pogrome in Dörfern und Marktflecken abspielten, wurden in Von M. E. SSAW-SCH1RA Deutschland auch die Städte in Mitleidenschaft gezogen, ln Heidelberg wurden Geschäfte von Juden zerstört und Speicher, ausgeraubt. Auch aus Hirschberg wird über die Zerstörung von jüdischen Geschäften berichtet. Im März und April 1848 hören wir von Unruhen und Ausschreitungen in Dörfern und Kleinstädten in Würthemberg, Hessen, Baden und Bayern. In der „Neuen Rheinischen Zeitung“ (deren Redakteur Marx war), erschien am 29. April 1849 ein Artikel, in welchem die polnischen Juden als „die schmutzigste aller Rassen“ bezeichnet wurden. Diese unter sozialistischem Einfluss stehende Zeitung, wandte schon damals den Begriff „Rasse“ in Bezug auf Juden an. Der Korrespondent der „Neuen Rheinischen Zeitung“ in Wien, Müller-Tellering veröffentlichte in dieser Zeitung, die übelsten antisemitischen Verleumdungen. Die Tatsache, dass solche antisemitischen Hetzartikel in dieser sogen, „progressiven“ Zeitung veröffentlicht wurden, beweist, dass in den Augen von Marx und Engels alle Mittel erlaubt waren um die breiten Massen für die Revolution zu gewinnen. Wenn Marx und Engels sich solcher Mittel bedienten, ist das ein Beweis, dass der Judenhass in der Bevölkerung tief einjewurzelt war. So darf es uns auch nicht wundern, dass im Jahre 1893, auf dem sozialdemokratischen Parteitag in Deutschland eine Resolution angenommen wurde, welche sagte, dass trotz des reaktionären Charakters des Antisemitismus, dieser zum Schluss einen revolutionären Charakter annehmen werde. Von der Seite der radikalen Sozialisten waren die antisemitischen Angriffe extrem. Einer der Fourieristen veröffentlichte 1845 einen grossen Artikel mit der Überschrift: „Die Juden, die Könige der Epoche“. (Alphonse Toussenel, Les Juifs, rois de l'epoque: Histoire de la feodalite financiere, Paris, 1845). Nach einem grossen Eisenbahnunglück in Nordfrankreich im Jahre 1846, erschien eine antisemitische Broschüre gegen „Rothschild I, König der Juden“, und der „Sozialist“ Engels veröffentlichte in einer englischen Zeitung einen begeisterten Artikel über dieses antisemitische Pamphlet. Die Anarcho-Sozialisten, Proudhon und Bakunin, machten aus ihren antisemitischen Anschauungen keinen Hehl. Proudhon nannte die Revolution von 1848 „Wechseln von jüdischen Ausbeutergruppen“ und Bakunin nennt die Juden „eine Nation, welche mit der Arbeit des Volkes spekuliert“. Marx selbst (Enkel eines Rabbiners) Wurde schon als Kind getauft; in den Jahren 1855—56 veröffentlichte er eine Reihe von Zeitungsartikeln, in welchen er die jüdischen Bankiers als hauptsächliche Stütze der europäischen Reaktion nannte. Moses Hess schrieb schon irr» Jahre 1867 über den Antisemitismus von Marx: „Sein Grossvater war Rabbiner, sein Vater Advokat in Trier, der getaufte Jude Marx hatte sich seiner Abstammung nicht zu schämen. Aber schämen sollte er sich, in der Weise unserer germanischen Judenfeinde seine eigenen Ahnen im Grab zu beschimpfen". Auch der grosse Antipode von Marx und Engels, Lassalle (auch er jüdischer Abstammung, auf dem jüdischen Friedhof Lohestrasse in Breslau belgesetzt), war nicht von den Anzeichen des jüdischen Selbsthasses frei. Aber Engels bediente sich der schlimmsten antisemitischen Schimpfwörter gegen ihn, wie z.B. „Der schmierige Breslauer Jud“; ,,Der polnische Schmuhl“. Der „Sozialist“ Engels war überhaupt nicht frei von der deutschen Überheblichkeit auch anderen Nationen gegenüber. So spricht er von „aufgeblasenen Kroaten“ und „faulen Slawen“. Einer der Ideologen des modernen Antisemitismus im „sozialistischen“ Mäntelchen in Frankreich, Edouard Drumont, behauptete, dass „die Hälfte des gesamten Kapitals, welches in der Welt im Umlauf ist, den Juden gehöre... Die Beschlagnahmung des jüdischen Besitztums kann 10—15 Milliarden bringen... 5—6 Milliarden würden genügen, um genug Fabriken aufzukaufen und dadurch den Arbeitern zu ermöglichen, ihre sozialen Theorien in die Tat umzusetzen“. Lassalles Nachfolger und Schüler ir.' den deutschen Arbeiterbewegung, von Schweitzer und Hasselmann, brachten ihre antijüdische Einstellung offen zum Ausdruck. Als Redakteur der Zeitung „Neuer Sozialdemokrat“ machte Hasselmann es sich zur Aufgabe die jüdischen Intellektuellen in den Augen der deutschen Arbeiter zu verhöhnen. Als eine demokratische Zeitung Hasselmann des Antisemitismus beschudigte behauptete er, dass er sich noch gemässigt ausgedrückt habe, im Gegensatz zu den antisemitischen Äusserungen von Marx in seiner „Zur Judenfrage“. Im Jahre 1862 klagte Moses Hess über den Antisemitismus, welcher in den Reihen der deutschen Sozialisten herrschte. Am 6. November 1872 veröffentlichte die Zeitung „Neuer Sozialdemokrat“ (Chefredakteur Hasselmann) einen Leitartikel, in dem es u.a. heisst, dass „diese Rasse (d.h. die jüdische) unverbesserlich ist“ und schon immer von Raub und Ausbeutung gelebt hat. Hier muss bemerkt werden, dass die sozialistische Bewegung in diesen Jahren gespalten war (Lassalianer unter der Leitung von Schweitzer und Hasselmann, und die Sozialisten unter der Leitung von Wilhelm Liebknecht). Aber auch nach der Vereinigung dieser beiden Gruppen. Im Jahre 1875 bediente man sich in den sozialistischen Parteiorganen der Ausdrücke „Judentum, Verjudung, Juda“ als Synonyma für Ausbeutung und Betrug. Bei einer Tagung der sozialdemokratischen Partei im Jahre 1893 bestätigte der Parteivorsitzende August Bebel, dass in der sozialdemokratischen Bewegung sich ein „bestimmter Einfluss“ von antismitischen Studenten der Universitäten bemerkbar mache. Einer der führenden deutschen Sozialdemokraten, Wilhelm Liebknecht, veröffentlichte im Jahre 1899 in der Wiener Zeitschrift „Die Fackel“ (redigiert von Karl Krauss) eine Serie von 3 Artikeln über den Dreifussprozess. In denselben äusserte er sich, „dass er nicht von der Unschuld Dreifuss’ •überzeugt sei, und nur wer nicht ganz normal ist, kann an dem Glauben festhalten, dass ein Militärgericht eines kultivierten Staates einen Offizier verurteilt, nur weil er dem Judentum zugehört“. Trotzdem behauptete Liebknecht, nachdem er von vielen Seiten des Antisemitismus beschuldigt wurde, kein Antisemit zu sein. Bezeichnend für die anitijüdische Einstellung vieler Sozialdemokraten ist ein Brief von dem Redakteur der „Sozialistischen Monatshefte“, Dr. Joseph Bloch, an Adolf Hepner. Hepner wollte einen anti-jüdischen Artikel in den „Sozialistischen Monatsheften“ veröffentlichen, doch Dr. Bloch wei- (Fortsetzung auf Seite 4) 3