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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1993-01-01 · No. 57 (1993) · p. Seite 2

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Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1993
Issue
No. 57 (1993)
Date
1993-01-01
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Capistrano, ein Breslauer Judenfeind in der Mönchskutte Der von dem bekannten Breslauer Historiker Willy Cohn, im Jahre 1926 geschriebene Artikel, ist heute genau so aktuell, wie vor 64 Jahren. Als eine der wohltätigsten Gaben der Vorsehung möchte ich das Vergessen ansehen; nicht nur, dass im Leben des einzelnen vor Jahren erlittenes Leid in der Erinnerung verblasst, auch im Leben der Völker ist es glücklicherweise nicht anders. Keine Gemeinschaft aber kann sich so dieser Tatsache erfreuen, wie Israel; denn würden wir uns in jedem Augenblicke der zahllosen Verfolgungen erinnern, die unser Volk in den zweitausend Jahren der Zerstreuung erlitten hat, so könnten wir das Leben nicht ertragen. Ist es aber dann nicht ein Unrecht, wenn wir in diesem Aufsatz die Erinnerung an einen grossen Bedrücker wieder wachrufen? „Vergiss es nicht'“, so steht schon in der Thora geschrieben, wenn von Amalek die Rede ist. Dieses Nichtvergessen ist auch heute von Bedeutung, wo ein Teil der Judenheit, in äusserer materieller Sicherheit dahinlebend, sich nicht der Tatsache erinnert, dass die Vergessenheit auch solche Zeiten gekannt hat und dass es trotzdem zu Rückschlägen kam. Immer wieder steht Amalek gegen Juda auf, ob er Capistrano heisst oder Ford oder Hitler! Die moderne Geschichtswissenschaft sieht im Ablauf der Ereignisse heute vor allem auch wirtschaftliche Zusammenhänge. Diese Erkenntnis hat ganz besonders der jüdischen Geschichte genützt. Man kann durchaus beweisen, dass die meisten Verfolgungen des Mittelalters derartige Ursachen hatten und dass das ideelle Moment lediglich vorgeschoben war. Es ging in erster Reihe um die Beseitigung der Judenschulden durch Vernichtur.'g aller Aufzeichnungen und durch Totschlägen der Gläubiger. Das beste Mittel, um die Massen gegen die Juden aufzureizen aber war der Vorwurf der Verletzung christlicher religiöser Empfindungen. So war es auch als der Franziskanermönch Johann Capistrano in Breslau auftrat. Um das Jahr 1385 war er in den Abruzzen geboren worden. Im Alter von 17 Jahren trat er in den Franziskanerorden ein und schloss sich hier der strengsten Richtung an. Er war von einem fanatischen Hass gegen Ketzer und Juden erfüllt. Es wird erzählt, dass er im Jahre 1450 eine Disputation mit dem gelehrten Juden Rabbi Gamaliel gehabt haben soll. Doch trifft es sicher nicht zu, wenn von christlicher Seite erzählt wird, dass er ihn mit vierzig Gefährten bekehrt habe. Wo es irgend ging, tat er sein Möglichstes, um den Juden das Leben zu erschweren. Er hatte sich vom Papst eine ausserordentliche Vollmacht geben lassen und hielt nun darauf, dass die Juden das vorgeschriebene Abzeichen an der Kleidung trugen. Als Inquisitor trat er zunächst in Sizilien auf. Für alle Zeiten ist sein Name mit den Schandtaten, die er in der schlesischen Hauptstadt, in Breslau gegen die unglücklichen Juden verübt hat, befleckt. Als „Geissei der Hebräer'“ hat er sich hier einen schauerlichen Ruf erworben. Ein Bauer aus Langenwiese bei Öls beschuldigte die Juden, sie hätten sich an der Hostie vergriffen. Die Ältesten der Juden sollen sie auf ein Tuch gelegt und mit Fluten gepeitscht haben und dabei in den Ruf ausgebrochen sein“ „Das ist der Gott der Christen.“ Eine solche Anschuldigung genügte, um am 2. Mai 1453 sämtliche Juden Breslaus ins Gefängnis zu werfen. Ihr Schicksal war nunmehr ein furchtbares. Nach der damals üblichen Weise entlockte man Von WILLY COHN ihnen im Gefängnis unter den grausamsten Folterqualen Geständnisse von Taten, die sie niemals begangen hatten. Aber es kam ja auch gar nicht darauf an, ein ordnungsgemässiges Gerichtsverfahren durchuzführen, sondern das Ziel war lediglich: Vernichtung der Juden. Schlesiens Herr was damals der erst dreizehnjährige König Ladislaus von Böhmen. Ihn verstand man derartig zu bearbeiten, dass er wirklich glaubte, es sei in Breslau von den Juden gegen das Heiligtum in der Tat ein schweres Unrecht verübt worden. Lassen wir den König selbst sprechen: „Als ich leider grausame und erschreckliche Handlung mit dem heiligsten und hochwürdigsten Sakrament des werten Leichnams unseres lieben Herrn Jesu Christi durch unsere Juden zu Breslau haben begangen; Also dass sie das heiligste Sakrament in ihre Gewalt gebracht und dass in ihrer Synagoge, wo sie beieinander versammelt gewesen sind, darinnen mit Ruten geschlagen ur.'d so schmählich behandelt und in manche Städte und Länder namentlich nach Polen anderen Juden zugeschickt, und mit Stechen, Schlägen und Ruten in ihren Synagogen geschmäht haben.“ Zur Untersuchung der Angelegenheit wurde Johann Capistrano bestimmt. Ihm wurden noch drei Sendboten des Königs zur Verfügung gestellt. Das gesamte weltliche Gut, und darauf kam es in erster Reihe an, wurde beschlagnahmt. Elf Hefte füllen auf dem Archiv nur die amtlichen Verzeichnisse der Schuldbriefe, die bei den Juden gefunden wurden. Gross ist das Verzeichnis der Sachen, die man bei ihnen konfisziert hat, für den Kulturhistoriker eine Fülle von Material zur Erforschung der Lebenshaltung in der damaligen Zeit. Die Judengasse Breslaus befand sich damals in der heutigen Ursulinerstrasse, Und man kann sich vorstellen, welch unsagbares Elend unter diesen Menschen in diesem Augenblicke herrschte. Es lag nicht im Interesse der Bedrücker, die 318 Juden, die man aus ganz Schlesien zusammengetrieben hatte, für lange Zeit im Gefängnis zu beköstigen. Der Zweck war ja erreicht. So hat man nun kurzen Prozess gemacht. Der Führer der Gemeinde, der Rabbiner, erhängte sich im Gefängnis, 41 derjenigen, auf die der meiste Verdacht fiel, wurden verbrannt, die übrigen aber wurden aus der Stadt vertrieben. Am 30. Jänner 1455 verfügte König Ladislaus die endgültige Vertreibung der Juden aus Breslau: „Wir setzen und wollen mit wohlbedachtem Mut und gutem Rat von böhmischer königlicher Macht in Kraft dieses Briefes, dass nun fürbass kein Jude und keine Jüdin in derselben unserer Stadt Breslau für ewige Zeiten in keiner Weise ihr Wohnung haben soll.“ Der König hat auch aus dieser Verfolgung seinen Vorteil gehabt. Nun, die Zukunft hat es anders gewollt. Die ewigen Zeiten, von denen Ladislaus sprach, waren nur vorübergehend, Breslau kam ohne Juden nicht aus. Sie waren vor allem für den Handel mit Polen unbedingt notwendig, und heute befindet sich in der schlesischen Hauptstadt eine der blühenden Gemeinden. Was aber, so könnte man fragen, was hat Capistrano mit all diesen Dingen zu tun? Er ist die Seele dieser Verfolgungen gewesen. Er hat den jungen böhmischen König in einer Weise beeinflusst, dass die obengenannten Verfügungen erlassen wurden. Der Breslauer Chronist berichtet, dass Capistrano es war, der dem Scharfrichter die Anweisung gegeben hat, wie er die Juden martern soll. Ihm stand die ganze Erfahrung der Inquisition zur Verfügung, er wusste die Anschuldigungen so zu verwerten, dass für die Juden nur der Feuertod blieb. Wer heute durch die GassenBreslaus geht, in denen damals dieses jammervolle Schauspiel sich vollzog, der sieht im Geiste die Vorfahren, wie sie in standhafter Treue bis zum letzten Augenblicke bei dem Glauben der Väter blieben. Man kann es nicht fassen, dass die katholische Kirche diesen Mann heilig gesprochen hat! Aber auch Capistrano zeigt im letzten Abschnitt seines Lebens, dass man den Juden zwar verbrennt, aber ihn doch benutzt, wenn man ihn braucht. Als er zum Kreuzzuge gegen die Türken predigte, da duldete er auch in seinem Heere die ihm so verhassten Juden. Wie leicht wäre es, eine Parallele zur Gegenwart zu ziehen. In den seitdem vergangenen fünf Jahrhunderten hat sich wenig geändert. An die Stelle des Scheiterhaufens sind andere Verfolgungen getreten. („Menorah“, jüd. Familienblatt für Wissenschaft, Kunst und Literatur, 1926, Wien—Frankfurt a.M.) ■h HBi ■■■ «g BMiia HW ■ GEDENK- UND BILDUNGSSTÄTTE IN BERLIN Zum 50. Jahrestag der Wannsee-Konferenz wurde am 20 Januar 1992 im Haus der Wannsee- Konferenz (Am Grossen Wannsee 56-58, 1000 Berlin 39) eine Gedenk- und Bildungsstätte eröffnet. Zu ihr gehört eine ständige Ausstellung, die im Erdgeschoss über die Konferenz und ihre Auswirkung im Zusammenhang der Geschichte der nationalsozialistischen Judenpolitik informiert. In vierzehn Räumen wird über die Diktatur in Deutschland, die Entwicklung in der Vorkriegszeit, den Zustand während des Krieges in Polen, die Ghettos, die Massenerschiessungen I 's zur Wannsee-Konferenz (im selben Raum, in dem die Konferenz stattfand) berichtet. In den fügenden Räumen werden die Deportationen, die Transit- und Todeslager, Auschwitz, das Leben im KZ, der Ghetto-Aufstand dokumentiert. Im mittleren Saal werden die Länder aufgeführt, von denen Deportationen abgingen, in den beiden letzten Räumen werden das Ende der Vernichtung und die Befreiung gezeigt. Schautafeln und Begleittexte sowie eine chronologische Aufstellung vermitteln erschütternde Realität und dokumentarisches Rüstzeug. Hervorzuheben ist die gute Überschaubarkeit und Lesbarkeit der bildhaften und textlichen Wiedergaben. In der Veranda ist die informative Darstellung der Geschichte des Hauses mit Fotomaterial belegt. Das Konzept der Ausstellung lag bei dem Leiter der Gedenkstätte, Herrn Gerhard Schoenberner, die Gestaltung bei Herrn Jürg Steiner. Als weitere Abteilung gehört zur Gedenk- und Bildungsstätte eine Mediothek mit umfänglicher Fachliteratur, Nachschlagewerken und Zeitschriftenmaterial. Sie besitzt eine Dokumentensammlung auf Mikrofilm/Mikrofiche, ein Bild- und Tonarchiv sowie Filme ur.'d Videos. Den Besuchern dient sie als Präsenzbibliothek. Für die Mediothek ist Frau Tarnar Laakmann verantwortlich. Drittens ist eine pädagogische Abteilung unter der Leitung von Frau Annegret Ehmann vorhanden, die von besonderer Wichtigkeit ist, da sie auf Studientagen oder in Seminaren Jugendlichen und Erwachsenen eine politische Weiterbildung anbietet. (Die Mahnung, 1.4.92) 2

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