Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1992
- Issue
- No. 56 (1992)
- Date
- 1992-01-01
- Page
- Seite 19 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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GESCHICHTSFORSCHUNG UND GESCHICHTSBEWUSSTSEIN Die vor fast einem Jahre überraschende Nachricht, dass Dr. Hans Meyer, s.A. am 21. Mai 1991 plötzlich verschieden ist, regt an, dieser Persönlichkeit, die eine für seine Generation vielleicht typische Biographie hinterlassen hat, zu gedenken. Er gehörte zu der Gruppe des deutschen Judentums, denen das Entwurzelt werden'zum Teil ihres Lebens wurde. Er wurde am 3. Oktober in Crone an der Brahe, Provinz Posen geboren. Die Juden der Provinz stellten eine; beinahe in sich geschlossene Gesellschaft dar, die in der jüdischen Identität wie in der deutschen Kultur verwurzelt waren. (Nach den Ereignissen, die folgten, fällt es schwer, diese Begriffe als positive festzuhalten). Das waren die Lebensziele der Generation um die Jahrhundertwende, für die sie — oft freiwllig — im ersten Weltkrieg kämpfen. Sie zahlten teuer für ihren Glauben an Deutschland. Ais die Provinz dem neuen Polen zugesprochen wurde, 'optierten’ sie für Deutschland. Die Familie Meyer siedelte 1918 nach Bromberg über, in der Hoffnung, in dieser — damals noch deutschen Stadt — sich eine neue Heimat aufzubauen, im Dezember 1921 musste sie weiterwandern, nach Berlin. Der Junge besuchte kurze Zeit die Mittelschule der Jüdischen Gemeinde, dann das Königstädtische Realgymnasium, ein Wohnungswechsel der Eltern brachte ihn auf das Dorotheenstädtische Realgymnasium. Es sind die Erlebnisse und Lehrer, die den späteren Rabbiner und historischen Wissenschaftler prägten. Der Schüler und spätere Student war ein aktiver Sportler, Mitglied des Rudervereins jüd. Studenten. Das erste Studienjahr verbrachte er in Frankfurt/M, wo er Geschichte, Soziologie und Pädagogik belegte, gleichzeitig besuchte er die Breuersche Jeschiwa. Im Jahre 1930 kehrte er nach Berlin zurück, wo er neben Philosophie Ge- Rabbiner Prof. Dr. HANS (Chanoch) MEYER s.A. schichte als doppeltes Hauptfach wählte: mittelalterliche wie neuzeitliche Geschichte. Er promovierte 1933 bei Hermann Oncken. Es folgten vier Lehrjahre, 1934—1938, im Rabbinerseminar, wo er, kurz vor Beendigung aller jüdischen Tätigkeit in Deutschland, den Rabbinertitel erhielt. Als Forschungsstudent, Research fellow of History, kann er sich ein Jahr den Studien an der Hebräischen Universität, Jerusalem widmen. Im damaligen Palästina benötigte man keine Wissenschaftler oder gar in Deutschland ausgebildete Rabbiner. Er arbeitete von 1940 bis 1945 in der Textilfabrik Ata, dann erinnerte sich Hans Beith an ihn, der Verantwortliche der Jugend Alija, er überträgt dem jungen Paar die Leitung eines Heimes für problematische Fälle überlebender Kinder aus den Konzentrationslagern. Während des Unabhängigkeitskrieges wird er im Gallil eingesetzt, dann unterrichtet er in Tel Chanan, einem Vorort Haifas. Die Jewish Agency schickt ihn 1952 nach Antwerpen, die dortige hebräische Schule zu leiten. Von 1955 bis 1958 leitete er eine Schule in Haifa, dann folgte er einem Ruf nach Dortmund als Landesrabbiner von Westfalen, der sich eine Dozentur an der Ruhruniversität Bochum anschloss, wo er über jüdische Geschichte wie jüdische Geistesgeschichte referierte. Die Universität verlieh ihm den Professorentitel. Dort begann er die „Documenta Judaica“ herauszugeben, beginnend mit den „Erinnerungen“ von Max Lazarus, 1967, D. H. Winter, „Geschichte der jüd. Gemeinde Moisiing/Lübeck“, 1968, Hermann Stern: „Warum hassen sie uns eigentlich?“, 1970, und „Lebensweg und Werk eines jüdischen Pädagogen, Erinnerungen von Joseph Gutmann, 1977. Diese Schriften wurden von ihm redigiert und mit ausführlichen Erklärungen und Bemerkungen versehen. Vorher, 1962, stellte er die Sammelschrift zusammen, „Aus Geschichte und Leben der Juden in Westfalen": er beteiligte sich an der „Ernte der Synagoga, Zeugnis jüdischer Geistigkeit“, wie an der Festschrift für Rabb. Dr. Lichtigfeld s.A. Der Lebensweg Hans Meyers s.A. spiegelt ein Stück der Geschichte der Juden wieder Er gehörte noch zu der Generation, die den ersten Weltkrieg als Erlebnis aufgenommen hat, der die Wanderungen mitgemacht hat, von Crone nach Bromberg, nach Berlin, nach Erez Israel. Sein Lebensbild wurde durch eine innere Religiosität geformt wie seinem Geschichtsbewusstsein, das ihn zur pragmatischen Geschichtsauffassung brachte, die lehrt, durch historische Vorgänge, die Gegenwart verstehen zu lernen. Eine Idee, die von Lassalle vertreten wurde, über die sein Lehrer Oncken eine Monographie verfasste. ★ In Jedem der Gespräche, die mit ihm geführt wurden, kam sein Wissen zum Ausdruck, verbunden mit dem Interesse für Gegenwartsprobleme. Vielleicht kein Wunder bei einem Historiker, der so viele geschichtliche Ereignisse miterlebte. Mit Hans Chanoch Meyer s.A. hat unser Kreis einen Histographen verloren, für den Geschichte keine verstaubte oder abstrakte Wissenschaft darstellte, sondern eine sich immer wieder erneuernde historische Gegenwart, die er und seine Generation miterlebt, aber auch analysiert und beschrieben hat. Auch die Leser unserer „Mitteilungen“ werden sich gern der aus seiner Feder stammenden Interessanten Beiträge erinnern. Heinzwerner Goldstein rrFundsliicke, Fragmente, Erinnerungen../' die Juden in Kreuzberg Zu der Eröffnung der Ausstellung im Berliner Bezirk Kreuzberg hatten sich viele junge Menschen eingefunden, was optimistisch stimmt. Der Bezirksbürgermeister, Günter König, wies darauf hin, dass man die Schau einem Teil der Bevölkerung gewidmet hat, die in dem Bezirk lebte, um die Erinnerung aufrecht zu erhalten. Der Katalog, ein gut bebildertes Buch von 430 Seiten, weist darauf hin, dass die Schau aus „Fundstücken... Fragmenten.., Erinnerungen,,,“ zusammengetragen wurde Die Berliner Geschichtswerkstatt hat gute Arbeit geleistet. Siebzehn Mitarbeiter, meist jüngere Wissenschaftler, unter der Projektleiterin Christine Zahn, Germanistin und Musikwissenschaftlerin, haben sich drei Jahre der Aufgabe gewidmet. Das besondere der Ausstellung wie des Buches ist, dass man sich nicht nur mit „Persönlichkeiten“ befasst hat. Natürlich erscheint die Geschichte des Ullsteinverlages, oder Dr. Herman Zondeks, bis 1933 Leiter des Bezirkskrankenhauses, die Kette der Schuhgeschäfte Leiser, die um die Jahrhundertwende in dem Bezirk angefangen hat, oder der Warenhäuser Wertheim, vor fast hundert Jahren das erste in Berlin, auch in dem Bezirk. Das Ziel dieses Projekts war, das Leben der Juden zu erfassen, in Bildern, Briefen, Dokumenten, das rückblickend darzustellen, wie die seinerzeit um 6000 jüdischen Bewohner lebten, wovon sie lebten. Einige Jahre jüdischer Geschichte eines begrenzten Kreises in der Viermilionenstadt mit 170.000 Juden. Und so wurde die Schau nicht chronologisch geordnet, sondern nach Strassenzügen aufgefächert. Der Besucher, der in dem Bezirk die Jugend verlebte, wird mit Namen konfrontiert, die ihm entfallen waren, wie des Familienarztes, der Selbstmord verübt hat, als ihm die Praxis genommen wurde. Die Juden stellten dort weder eine wirtschaftlich noch gesellschaftlich einheitliche Gruppe dar. Man lebte mit und unter der Bevölkerung. Die Strassen der Innenstadt beherbergten die Verlagsanstalten, Ullstein, Mosse, Vorwärts, später das „Israelitische Familienblatt“, so wie das Theater des Kulturbundes, bekannte Ärzte und Anwälte; nach Südosten zu, wohnte der Mittelstand, Geschäftsinhaber, Handwerker, Angestellte, einige kleinere Fabrikunternehmen, wie einen bekannten Transportbetrieb, Familienärzte, Apotheker. Eine gemischte Gruppe, die sich bei den G“ttesdiensten traf, wie bei jüdischen Veranstaltungen. In den Jugendgruppen löste sich die Frage der wirtschaftlichen Position der Eltern wie des Hintergrundes auf. In den ersten Jahrzehnten des Jahrhunderts entstand eine besondere Art von Geschäften, die „Monatsgarderobe“. Ein typisches Zeichen der Existenzsuche jüdischer Einwanderer aus dem Osten, die sich aber schon in den zwanziger Jahren kaum noch von den anderen unterschieden. Ein Vergleich mit den jüdischen Vierteln der Innenstadt fällt schon dadurch weg, da es dort niemals die vielen kleinen Betstuben gab, und die dort dominierenden Rabbiner-Persönlichkeiten. Die Mehrzahl der Juden kamen um- und nach der Jahrhundertwende in den Bezirk und darin unterschieden sie sich nicht von der anderen Bevölkerung, Zuwanderer aus den Ostprovinzen, die nach 1871 in Berlin Beschäftigung suchten und fanden. Auch die Akademiker gehörten zu diesem Kreis. Eine Gruppe, die nach 1920 zuwanderte, kam aus Posen und Westpreussen, da sie für Deutschland „optierten“ und aus den damals neuen polnischen Gebieten ausgewiesen wurden. Der Bezirksbürgermeister von 1926 bis 1933 war ein jüdischer Jurist, Dr. Carl Herz, der innerhalb seiner Partei, den Sozialdemokraten, eine intellektuelle Sonderstellung eingenommen hat. Die Entwicklung der jüdischen Gemeinde, der Stadt wie des Bezirks, lässt sich an den Synagogenbauten ablesen. Die erste in Berlin wurde 1714 eingeweiht. Es vergingen 150 Jahre bevor eine zweite notwendig wurde, 1866. Dann vergrösserte sich die Gemeinde schnell. In der Lindenstrasse, schon in dem Südbezirk, an der Grenze zur Innenstadt, und auch für die Juden dort gedacht, wird der Tempel 1891 eröffnet, wo nach „Neuem Ritus“, (Fortsetzung auf Seite 20)' 19