Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1992
- Issue
- No. 56 (1992)
- Date
- 1992-01-01
- Page
- Seite 17 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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DAS SCHAARE-ZEDEK HOSPITAL [Fortsetzung von Seite 12) „dazu hatte sie nie Zeit“, wie sie es einmal in einem Rundfunk Interview ausdrückte. Sie war Tag und Nacht mit dem Krankenhaus verbunden, brachte es auch nicht zu einer Wohnung. In dem neuen Komplex, wo sie zwei Tage nach Vollendung des hundertsten Lebenjahres (1884—1984) starb, hatte man ihr ein Zimmer reserviert. Das amerikanische Magazin “Time” nannte sie 1975 eine „lebendige Heilige“. Den Eindruck erhält man auch, wenn mann ihre Errinnerungen liest, welche sie im Jahre 1970, während einer nach einer Augenoperation bedingten Ruhepause, Frau Trude Fränkel diktierte, und die das Krankenhaus in englischer Übersetzung, mit Bildern geschmückt, veröffentlicht hat. Ihre Mutter verstarb früh, „so hatte ich eine schwere Jugend und wollte das geben, was ich versäumt habe: Mutterliebe und Liebe zu den Menschen. Deshalb erwählte ich diesen Beruf“. Sie wird Krankenschwester am „Salomo Heine Hospital“, Hamburg, gestiftet von einem Onkel Heinrich Heines. Sie gehört zu den zwei ersten jüdischen Schwestern, die 1913 das Staatsexamen bestehen, mindestens in Hamburg. Dr. Wallach, der 1916 nach Deutschland kommt, sucht eine all-round Schwester, die alle vorkommenden Aufgaben zu übernehmen hat. Im dem Krankenhaus empfiehlt man ihm Schwester Selma Mayer. Sie willigt ein nach Jerusalem zu kommen. Nach vierwöchentlicher Reise — man befindet sich im ersten Weltkrieg — über Budapest, Konstantinopel (Istanbul), Damaskus, erreicht sie Jerusalem im Dezember 1916. Sie schildert die Schwierigkeiten und Enttäuschungen, die sie im Hospital erwarten, die ihr so recht zum Bewusstsein kommen, in der Kriegszeit fehlt es an allem, insbesondere an Lebensmitteln und Medikamenten. Schwester Selma, eine Bezeichnung, die hier Jahrzehnte bekannt gewesen ist, muss eine starke Persönlichkeit gewesen sein, die es verstand, mit dem nicht immer leicht zu behandelnden Dr. Wallach umzugehen. Gegen ihn gelingt es ihr, im Jahre 1934 die Einrichtung einer Schwesterschule durchzusetzen. Die Schule wurde bald bekannt, den praktischen Unterricht leitete sie nach den Erfahrungen aus ihrer Lehrzeit in Hamburg. Jahrzehnte später treffen wir Krankenschwestern, die stolz sich darauf beziehen, durch ihre Hände gegangen zu sein. Laut Vertrag von 1916 gebührte ihr alle drei Jahre ein dreimonatiger „Heimaturlaub“ in Europa. (Da sie bis in das letzte Lebensjahr noch teilweise tätig ist, überlassen wir es den Finanzgewaltigen auszurechnen, welche Summen — mindestens theoretisch — ihr „als Abfindung“ gebührt hätten?) Das erste Mal fährt sie im Jahre 1922/23. Bei der zweiten Europareise wird ihr ein leitender Posten in Leipzig angeboten, durch frühere Kolleginnen vermittelt, den sie nach längeren Überlegungen ausschlägt, denn sie hatte schon ein Mädchen, das die Mutter im Hospital „vergessen hatte“, adoptiert, und sie fühlte sich verpflichtet, sich um deren Zukunft zu kümmern. Nur langsam verbessern sich die finanziellen Bedingungen für das Personal, für die Schwestern wird ein Acht-Stunden-Tag eingeführt, die Bezahlung der der anderen Krankenhäuser angeglichen. Schwester Selma war nicht nur Oberschwester, Operationsschwester, zeitweilig auch für den Wirtschaftsbetrieb verantwortlich, sie musste als Hebamme einspringen, wenn diese, die ausserhalb des Hauses wohnte, und durch Boten gerufen werden musste, nicht rechtzeitig zur Stelle war. Eines Tages verlangt sie von Dr. Wallach, sich zu entscheiden, für welche Aufgaben er sie haben will. Er ernennt sie zur „Oberschwester“, wohl wissend, dass sie Tag und Nacht erreichbar ist. GESCHICHTE DER JUDEN IN SCHLESIEN (Fortsetzung von Seite 14) und Verfolgung, schliesslich Vernichtung bis auf kleine Inseln, auf denen ein zaghaftes, armes Völkchen kümmerlich sein Leben fristen konnte. Das Angrenzen an Polen und die Bedeutung des polnischen Handels für das christliche Bürgertum verbesserte hier einigermassen ihre Lage zu einer Zeit, als sonst in Deutschland das jüdische Leben noch schwer zerrüttet war. Mancher lernte sich an grösseren Geschäften betätigen, auch ohne dass er einem Fürsten als 'Hofjude, wie das im Westen jetzt öfters vorkam, zu dienen brauchte. Die Aufklärung des endenden 18. Jahrhunderts hat unter den schlesischen Juden sehr tiefe Wurzeln geschlagen, ohne dass jedoch die religiösen Formen völlig zusammenbrochen wären. So scharf die Grenze war, die die schlesischen Juden gegen die Glaubensgenossen im Osten zu ziehen suchten — sie konnten nicht hindern, dass sie dort eine starke Wirkung ausübten. Wie die polnischen Juden die schlesischen Schulen, die bekannten Breslauer Ärzte und die schlesischen Bäder mit ungemeiner Bewunderung betrachteten und es als selbstverständlich ansahen, dass die grosse Hospitalstiftung der Baronim Hirsch für sie, nicht zu ihnen, sondern nach Breslau verlegt wurde, so haben sie die schlesischen Juden auch sonst als ihre Vorbilder betrachtet und viel von ihnen zu lernen gesucht. Vielleicht kommt dem schlesischen Judenutm in der Aufwärtsbewegung der Juden des Ostens noch einmal eine wichtige Rolle zu. Eins macht dieses besonders wahrscheinlich. Das schlesische Judentum hat im Gegensatz zu der sträflichen Gleichgültigkeit weiter jüdischer Kreise gegen die jüdische Wissenschaft ihr, die ja das beste Bindemittel für alle Zweige des Judentums der Welt sein muss, auch in den Tagen der Blüte eines geschichts- und oft auch gedankenlosen Liberalismus immer eine Stätte bereitet. Die Wichtigkeit des um die Mitte des 19. Jahrhunderts gegründeten Breslauer theologischen Seminars für die Heranbildung eines kenntnisreichen Rabbinerstandes ist gar nicht abzuschätzen. Diese Anstalt darf es immer als ihren grossen Ruhmestitel betrachten, dass an ihr H. Graetz fast ein ganzes Leben gewirkt und dort seine grosse Geschichte der Juden geschrieben hat, der die Bedeutung einer ganzen Akademie für die Wissenschaft des Judentums zukommt. Bei der Feier des 70. Geburtstages von Graetz hat der Rabbiner, der Berlin bei dieser Feier vertrat, nicht mit Unrecht die starke und grosse Berliner mit der viel kleineren Breslauer Gemeinde verglichen. Erstere repräsentiere einen Hauptort jüdischen Lebens, Breslau aber habe es verstanden, der Hauptsitz der jüdischen Wissenschaft auf der ganzen Erde zu sein und werde diese hohe Stelle behaupten. Menorah, IV. Jahrgang, Mai 1926. Nummer 5, Frankfurt/Wien Auf der Bildern sehen wir Schwester Selma nicht nur in jungen Jahren, auch später, merklich gealtert, wie sie sich um Patienten bemüht. ★ Dr. Wallach und Schwester Selma, zwei Pioniere im Gesundheitswesen des Landes. Sie sind heute, einige Generationen später, zu legendären Figuren geworden. Man spricht noch immer vom „Wallach Hospital“, obwohl Dr. Wallach schon 1947 die Leitung übergeben hatte. Schwester Selma blieb bis zur Übersiedlung in den neuen Gebäudekomplex aktiv, wenn auch schon andere die Titel Oberschwester, Operationsschwester, übernommen hatten. Es war ihr Ziel, ihre innere Verpflichtung, wie die des Hauses in jenen Tagen, Mitmenschen zu helfen, auch wenn die Arbeit wenig verlockend gewesen ist. Die Beiden lebten in jener Epoche, als ein Jahrzehnt nach Dr. Wallach, 1913 Albert Schweizer das Tropenhospital in Lambarene eröffnete, ein Werk, das 1952 mit dem Friedensnobelpreis gewürdigt wurde, und Elias Auerbach 1909 in die seinerzeit ottomanische Kleinstadt Haifa als Arzt ging. In ihren hundert Lebensjahren konnte Schwester Selma ihre selbstgewählte Aufgabe erfüllen: leidenden Menschen zu dienen, „Liebe zu Menschen" zu geben“. KLEIN- UND KLEINSTGEMEINDEN IN OSTDEUTSCHLAND (Fortsetzung von Seite 2) Die letzten Jahre des deutschen Judentums haben in diesen Kleingemeinden anregend wie klärend gewirkt, trotzdem die Menschen in den kleinen Orten stärker als in den Grossstädten zu leiden hatten. Man fand in den wenigen Jahren zum Judentum zurück. Am Freitag Abend kommt man wieder in der Synagoge zusammen, auch wenn keiner einen ordentlichen G“ttesdienst abhalten konnte, bemühte man sich, aus dem Slddur zu lesen. Generationen währende Feindschaften einzelner Familien, die meistens noch verschwägert waren, werden beigelegt, vielleicht auch nur, weil man sich nicht mehr erinnern konnte, warum man „broges“ spielt. Bis mindestens Herbst 1938 bestanden Ausweismögiichkeiten in die Grossstadt, in diesem Falle Berlin, die Pläne zur Auswanderung werden zurückgestellt. Dann bemüht man sich, doch noch herauszukommen, einige kommen nach Shanghai, wenigen gelingt die Ausreise nach Übersee oder Erez Israel. ★ Von den Vorfahren haben viele in solchen Kleingemeinden gelebt oder mindestens ihre Jugend verbracht. Viele der Nachfahren sind im Holocaust umgekommen, andere leben in der Welt zerstreut. Die dritte, vierte Generation hat keine Vorstellung von dem Leben der Juden in den Landstädten und Dörfern des ehemaligen Deutschen Reiches. Wir haben versucht, an einem Beispiel aufzuzeichnen, das für Tausend andere steht, vielleicht auch unsere Generation anzuregen, das wenige, was ihnen im Gedächtnis erhalten geblieben ist, zu erzählen. Der Begriff „Kleingemeinden“ ist heute auch in Deutschland unbekannt — die heutigen Gemeinden sind oft zahlenmässig klein, aber bestehen in grossen Städten. Für die westlich der Elbe gelegenen Ortschaften bestehen Erinnerungen; viele der Gemeinden bemühen sich, etwas von der jüdischen Vergangenheit in ihr Heimatmuseum aufzunehmen; was östlich der Elbe liegt, insbesonders östlich der Oder, wo es viele Kleingemeinden gab, ist entgüitig untergegangen und vergesssn. 17