Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1992
- Issue
- No. 56 (1992)
- Date
- 1992-01-01
- Page
- Seite 16 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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BÜCHERECKE Joseph Walk: Jüdische Schule und Erziehung Als im Jahre 1933 die Nazis zur Macht kamen und die grosse Leidenszeit für das deutsche Judentum anfing, waren die Erziehung und Ausbildung der jüdischen Jugend eines der wichtigsten Probleme (zusammen mit den Berufs- Wirtschafts- und Auswanderungsproblemen), welche die jüdischen Gemeinden zu bewältigen hätten. Laut der nazistischen Gesetzgebung wurde ein Nummerus Clausus für jüdische Schüler auf den allgemeinen Schulen eingeführt. Kinder ehemaliger Frontkämpfer im deutschen Militär hatten am Anfang noch verschiedene Privilegien, aber auch diese Priviligierten waren. den Pöbeleien ihrer in der Hitlerjugend organisierten Mitschüler und einem Teil der „gleichgeschalteten“ Lehrer ausgesetzt, so verzichteten viele auf diese „Privilegien“ und suchten den Weg zur jüdischen Schule. Die einzelnen Fälle, welche der Verfasser bringt, wo nichtjüdische Mitschüler und Lehrer sich für jüdische Schüler einsetzten sind die Ausnahme, welche die Regel bestätigt. Um dieses Problem zu lösen, war es nötig ein jüdisches Schulwerk zu schaffen. Da die jüdischen Lehrer aus den öffentlichen Schulen entlassen wurden, war es keine Schwierigkeit geeignete Lehrkräfte für die jüdischen Schulen zu bekommen. Wenn es bis 1933 nur 10 jüdische Gymnasien in Deutschland gab (S. 27) (abgesehen von jüdischen Volks- und Privatschulen), wurden diese jetzt sehr erweitert und neugegründete kamen dazu. Da 8 von diesen 10 Lehranstalten orthodox waren und viele der neuen Schüler aus liberalen oder überhaupt indifferenten Kreisen kamen, standen Schule sowie Schüler vor dem Problem der Einordnung dieser Kinder. Im allgemeinen gab es keine Schwierigkeiten. Das jüdische Gymnasium in BresTau, das Jawne-Gymnasium in Köln und die Talmud-Tora Oberrealschule in Hamburg, sind Beispiele für die gute Integration von Kindern aller Kreise in dem formell orthodox geführten Gymnasium. Aber um allen jüdischen Kindern die Möglichkeit zu geben eine jüdische Schule zu besuchen wurden viel neue gegründet (Volksschulen und Gymnasien). Um diesen Schulen ein jüdisches Gepräge zu geben, war es wichtig viele geeignete Lehrkräfte für die jüdischen Fächer zu bekommen. Da auch die jüdischen Schulen der deutschen Schulverwaltung und dem Erziehungsministerium unterstellt waren, gab es auch auf diesem Gebiet viele Probleme zu lösen. Professor Walk behandelt alle diese mit Gründlichkeit. Viele Anmerkungen und Hinweise auf Unterredungen, Bestimmungen, Tabellen u.s.w. sind bezeichnend für die historisch-wissenschaftliche Genauigkeit dieses Buches. Das Buch ist chronologisch in 5 Kapitel geteilt: (Einleitung und 4 Kapitel). Die Einleitung behandelt die Lage der Erziehung der jüdischen Kinder in Deutschland am Ende der Weimarer Republik. Wir bekommen hier ein anschauliches Bild (Tabellen und genaue Zahlen) von der Erziehung der jüdischen Schüler in allgemeinen -Staatsschulen, wie auch in jüdischen Volksschulen und Gymnasien. Es wird hier auf die Wichtigkeit des Religionsunterrichts hingewiesen, welcher den Kindern in den allgemeinen Schulen, wenigstens etwas „Jüdischkeit“ zukommen liess. Das erste Kapitel ist den verschiedenen Fasen der Gesetzgebung im Nazideutschland auf dem Gebiet der Erziehung des jüdischen Kindes gewidmet. Der Verfasser unterscheidet 4 Epochen: 1) Vom 30.1.1933 bis 15.9.1935; 2) 15.9.1935 bis 10.11,1938 (Novemberpogrom 1938); 3) vom 10.11.1938 bis zum im Dritten Reich (Vertag Anton Hain Meisenbeim GmbH, Frankfurt am Main, 1991) 1.10.1939 (Anfang des Krieges); vom 1.10.1939 bis zum 30.6.1942 (Verbot jeglichen Schulunterrichts jüdischer Kinder). Am 20.1.1942 fand die berüchtigte „Wannsee-Konferenz“ statt, welche das Zeichen zur Massenvernichtung der Juden gab. Das zweite Kapitel behandelt die Epoche der jüdischen Schule und Erziehung von 30.1.1933 bis 10.11.1938. Das ist vielleicht der interessanteste Teil des Buches. Wir lesen über die verschiedenen Probleme in den verschiedenen Ländern Deutschlands (Preussen, Bayern, u.s.w.); über jüdische Volksschulen und höhere Schulen. Es wird über die Lehrpläne der jüdischen Volksschulen berichtet. Die Biologielehrer waren von Staatswegen verpflichtet Rassenkunde zu lehren (!), eine Sache, welche sie, und auch die Geschichtslehrer in ihrem Fach, vor grosse Probleme stellten. Dieses Kapitel vermittelt uns einen Blick in die interne Lage des Judentums in Deutschland. Die assimilierten Kreise, welche in früheren Jahren nichts von einer jüdischen Schule wissen wollten, waren jetzt durch die Umstände gezwungen ihre Kinder in jüdische Schulen zu schicken. Da von den 10 damals bestehenden jüdischen Gymnasien 8 orthodox waren, stellten diese Kreise, welche sich im allgmeinen aus liberalen Elementen zusammensetzten, die Forderung ihren Kindern einen „liberalen Religionsunterricht“ zukommen zu lassen. Viele Kina'er dieser Kreise, welche in diese orthodoxen Schulen umgeschult wurden, passten sich trotzdem gut diesem neuen Milieu an, dank der verständnisvollen Leitung dieser Schulen. Auf die Kinder wurde kein religiöser Zwang ausgeübt, aber der Rahmen der Schule blieb orthodox und alle passten sich den Forderungen der Schule in den jüdischen Unterrichtsfächern an. Nur in Hamburg erhielten die „liberalen Kinder“ der Talmud-Tora Schule besonderen liberalen Religionsunterricht ausserhalb der Schule. Um ihre jüdische Bildung zu vertiefen, wandten sich viele Schüler aus gesetzestreuen Kreisen den schon bestehenden sowie auch neugegründeten Jeschiwoth zu. Zu den 3 in Frankfurt a/M schon bestehenden (Hoffmann-Misrachi, Breuer- Aguda, Schneider — meistens Schüler aus ostjüdischen Kreisen), gesellten sich kleine Jeschiwot in Mannheim und Berlin. Da in den dreissiger Jahren viele jüdische Jugendliche keine Zukunft in Deutschland für sich sahen, suchten sie Möglichkeiten sich beruflich auf ihre Alija nach Erez-Israel oder ihre Auswanderung nach Übersee vorzubereiten. Es entstanden Hachscharazentren, Mittlerenhachschara (15—16 Jahre), für landwirtschaftliche Ausbildung; Bäte Chaluz in Städten, wo die Chawerim am Tag bei Handwerkern arbeiteten und abends Hebräisch und andere jüdische Fächer lernten. Die Chawerot wurden meistens in Schwesternschulen oder Haushaltungsschulen für ihre Berufe vorbereitet. Die jüdische Jugendbewegung spielte in diesen Jahren eine grosse Rolle. In diesem Kapitel wird auch über das Verhältnis von Schule und ^Jugendbewegung und Schule und Elternhaus berichtet. Dank der jüdischen Jugendbewegung wurden viele Kinder aus indifferenten Kreisen jüdisch interessiert und aktiviert, eine Sache, welche auch auf das Elternhaus einen jüdisch-positiven Einfluss hatte. Das dritte Kapitel (8.10.1939) betont den rapiden Rückgang der Schüler. Am 28.10.1938 wurden alle Juden polnischer Staatsangehörigkeit aus Deutschland ausgewiesen. Auch mehr und mehr deutsche Juden wanderten aus, so dass die Zahl der Schüler berächtlicht sank. Nach den Novemberpogromen 1938 wurden viele Lehrer und Schulleiter verhaftet, jüdische Schulen zerstört oder demoliert, so dass die Weiterführung des Unterrichts nur durch Lehrerrinnen sehr erschwert wurde. Auch nach Freilassung der verhafteten Lehrer wurde die Weiterführung des jüdischen Schulwesens sehr erschwert. Dazu kamen die finanziellen Schwierigkeiten. Doch wurde der Unterricht trotz allem so gut wie es ging fortgesetzt. Die jüdischen Lehrerseminare in Berlin und Würzburg, sowie die Rabbinerseminare in Breslau und Berlin (Hildesheimer) wurden geschlossen. Nur in der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums wurde weiter gelernt und unterrichtet. Das vierte Kapitel (1.10.1939—30.6.1942) behandelt die Zeitspanne vom Anfang des 2. Weltkrieges bis zum Verbot jeglichen Unterrichts ab 7.7.1942. In diesem Erlass heisst es, „dass ab 1. Juli 1942 jegliche Beschulung jüdischer Kinder durch besoldete und unbesoldete Lehrerkräfte untersagt ist“. Hier wird die traurigste Epoche des Judentums in Deutschland geschildert. Versuche jüdischen Kindern trotz allem Erziehung und Wissen zu übermitteln, in einer Zeit wo die Transporte in die Vernichtungslager von Eltern und Kindern in vollem Gange waren. In diesem Kapitel wird auch das Problem der christlichen „nichtarischen Schüler“ aufgeworfen, welche aus den öffentlichen Schulen entfernt wurden und nun auch in jüdische Schulen überführt wurden. Der Verfasser dieses historisch wichtigen Werkes, ist der aus Breslau stammende und uns allen bekannte Prof. Joseph Walk. Bis 1936 war er Lehrer und aktiv in der jüdischen Jugendbewegung (Brith HaNoar schel Zeire Misrachi). Auch nach seiner Alija nach Erez-Israel war er pädagogisch tätig. Seine Kenntnis der Materie,seine historisch-exakten Forschungen, befähigen ihn wie kein anderen uns ein Bild von der jüdischen Erziehung im Nazideutschland zu geben. Es ist eins der wichtigsten Bücher, welches über das Judentum Deutschlands in den schwersten Tagen des Holocaust geschrieben wurde. Das jüdische Schulwerk in diesen dunklen Tagen (laut Rabb. Dr. Leo Baek am 10.1.1937) „ist vielleicht das Schönste was in den letzten Jahren geschaffen ist“, und wir alle Überlebenden neigen uns in Ehrfurcht vor den Helden des jüdischen Erziehungswesen in Deutschland. M. E. Ruta’i ISOEBEN ERSCHIENEN: | im Salomon Ludwig Steinheim Institut I Franz D. Lucas ★ Margret Heitmann | 1 STADT DES GLAUBENS | Geschichte und Kultur der Juden in Glogau | 16