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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1992-01-01 · No. 56 (1992) · p. Seite 14

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Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1992
Issue
No. 56 (1992)
Date
1992-01-01
Page
Seite 14 (sequence 15)
Language
German
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Geschichte Schlesien war niemals ein selbständiges politisches Gebilde; es war immer nur ein Nebenland mächtiger Nachbarstaaten und meist auch ein Zankapfel zwischen ihnen. Nie aussetzende Kämpfe und Kriege schwächten die Staatsgewalt im Lande und ermöglichten vielen kleinen Fürsten und Herren, ebenso auch den Städten eine weitgehende Selbständigkeit zu erringen. Die Unabhängigkeit der ersteren war den Juden im Lande günstig, weil sie ihnen oft Schlupfwinkel eröffnete, wenn der allgemeine Wind ihnen ungünstig war. Die Selbständigkeit der Städte wurde ihnen infolge des Geschäftsneides der Bürger oft verderblich. Die Juden waren schon vor der deutschen Einwanderung ins Land gekommen und sie hatten unter der Herrschaft polnischer Fürsten im grossen und ganzen Freiheit, fast unbeschränkte Berufswahl, die Möglichkeit Grundbesitz zu erwerben und viele Handwerke auszuüben. Sie störte nichts ausser den noch ziemlich zaghaften Versuchen der Kirche, ihr Judenrecht mit seiner scharfen Trennung der Juden von den Christen und mit dem Verbote obrigkeitlicher Stellungen für sie auch hier einzubürgern. Der Tatareneinbruch 1241 hat dann wohl diesen alten jüdischen Niederlassungen ein Ende bereitet. Mit der deutschen Besiedlung, in deren Gefolge auch viele neue Juden ins Land kamen, wurden die Bürger der aufblühenden deutschen Städte unbedingte Herren des Wirtschaftslebens und suchten die Juden, wie im alten Deutschland, von Handel und Handwerk auszuschliessen und auf wenige verachtete Berufe zu bescnränken. Die Juden haben sich lange zur Wehr gesetzt, zum Beispiel die Unterbringung von Dirnen und anderem lichtscheuen Gesindel in der Nähe ihrer Tempel bekämpft und zäh daran festgehalten, dass nur die Landesfürsten ihre Richter sein könnten. Schliesslich mussten sie sich doch dem städtischen Gericht allenthalben fügen, an die Städte steuern und ihre wirtschaftlichen Satzungen anerkennen. Die Städte gehen bald weiter; gefördert von der Kreuzfahrergesinnung, die die Abwehr der Hussiten in Schlesien gegen Ende des Mittelalters erzeugt hatte, suchten sie sie jetzt mit Gewalt oder durch schärfste Einschnürung aus ihren Mauern, ja sogar aus ihren Schlupfwinkeln auf dem -platten Lande zu vertreiben. Sie hätten sicher vollen Erfolg gehabt, wenn nicht gerade um die Wende des Mittelalters, die deutschen Siedlungen im benachbarten Polen dem polnischen Nationalhass erlegen wären. Um den polnischen Handel, der für die schlesischen Städte eine Lebensfrage war, nicht einzubüssen, war man froh, in den polnischen Juden, unter denen es viele ehemalige Flüchtlinge aus Schlesien gab, geeignete Vermittler zu finden. Unter dem Schutze der österreichischen Behörden (seit 1526) konnte eine ganze Anzahl wieder nach Schlesien kommen. Es bildeten sich jetzt von neuem viele kleine Kolonien in Glogau, Zülz, Dyhernfurth und auch in Breslau. Sie blühten auf, und ihre Mitglieder konnten auch bald daran denken, auch ihre wis- ’ senschafidichen und religiös-sozialen Bestrebungen wieder aufzunehmen und zu pflegen. Eine hebräische Druckerei entstand in Dyhernfurth und unter ihren Veröffentlichungen ragte eine grosse Bibliographie über das gesamte jüdische Schrifttum hervor und fand auch ausserhalb der jüdischen Gelehrtenwelt viel Beachtung. Die preussische Besitzergreifung änderte an diesen Zuständen nichts, obwohl Friedrich der Grosse der Juden in Schlesien Von FELIX PRIEBATSCH an den Juden gern seinen Mutwillen ausliess und sie durch harte Massnahmen auch durch Ausweisungsandrohungen, nicht selten ängstigte. Seine Beamten, die nicht wie der König in dem zweifelhaften, überseeischen Leinwandexport, sondern in dem polnischen Handel den Lebensnerv des Landes erblickten, waren ihnen viel günstiger gesinnt. Sie gaben ihnen zum Beispiel in Breslau den langersehnten eigenen Friedhof, während sie bisher ihre Toten nach dem entfernten Dyhernfurth hatten bringen müssen. Hatten die österreichischen Beamten die Juden allein aus merkantilistischen Gründen geschützt und gefördert, so waren ihre preussischen Kollegen durch die hundertjährige Verbindung ihres Herrscherhauses mit den holländischen Oraniern förmlich auf das holländische Beispiel gestossen worden, wo die grössere Bewegungsfreiheit der Juden sie zu sehr nützlichen, geachteten Bewohnern des Landes gemacht hatte. Hierdurch und auch durch die philanthropisch-pädagogischen Gedanken des Zeitalters bewogen, bemühten sie sich, die Juden zu fördern. Das jüdische Schulwesen wurde gepflegt, seine Ausgestaltung nach deutschen Lehrplänen vorgeschrieben. Die Erhebung der Juden zu Staatsbürgern im Jahre 1812 war die Krönung dieser Bestrebungen. Die Juden erwiesen sich dankbar; sie stellten ein starkes Kontingent zu den Freiwilligen von 1813 und zu den opferwilligen Spendern, die dem verarmten Staate die Erhebung erleichterten. Nach dem Sturze Napoleons versuchten ihre alten Feinde in Handel und Handwerk von neuem gegen sie mit Gewalt und Boykott vorzugehen; aber trotz der Förderung der jetzt ans Ruder kommenden reaktionären Regierung konnten sie ihnen nichts Ernstliches mehr anhaben. Ihre Gegner waren bald sogar froh darüber, in ihnen Mitkämpfer in den Reihen der neuen, vom Bürgertum getragenen und gegen die Allgewalt der Bureaukratie gerichteten liberalen Bewegung zu finden. Der Wohlstand und die Bildung wuchsen unter den Juden. Sie waren am Aufblühen des oberschlesischen Bergbaues mit als erste beteiligt; sie halfen in den Hungergebirgen Südschlesiens eine Leinwandindustrie schaffen. Im Gegensatz zu den bekannten Fabrikherren des Eulengebirges, die Gerhart Hauptmanns Drama „Die Weber“ gezeichnet hat, wurde über sie keine Klage über Ausnützung der Notlage der armen Weber laut. Sie begannen im Ggenteil — lange vor der sozialpolitischen Ära des endenden Jahrhunderts — soziale Hilfswerke und Fürsorgeeinrichtungen, die als vorbildlich galten, zu schaffen. Zu der gelehrten Welt stellten sie bald manchen gefeierten Namen. Von den Führern, die das erwachende politische Leben um die Mitte des 19. Jahrhunderts auch in Schlesien auf den Kampfplatz rief, waren zwei jüdischer Herkunft: der ideal gesinnte Breslauer (Sohn eines Juden) Heinrich Simon, der den Mut fand, die ersten königlichen Zugeständnisse als ungenügend und schwächlich zu verwerfen und mit dieser Ablehnung in den politischen Kampf einen besonderen Schwung brachte. Ferner der Arbeiterführer Ferdinand Lassalle, ebenfalls ein Breslauer, dessen Werk, die Organisierung der Arbeitermassen und ihre Loslösung vom Bürgertum, welthistorische Bedeutung besitzt. Eine ganze Anzahl bedeutender Persönlichkeiten, die die schlesische Judenschaft im Staatsleben, in Wissenschaft und Handel aus ihren Reihen hervorgehen sah, hat sich auch auf grösserem Arbeitsfelde in Berlin oder in Amerika mit Ehren betätigt. Ihre Zahl ist reicher als die der Söhne anderer Landschaften. Aber der Anteil an den wirtschaftlichen und gelehrten Erfolgen Deutschlands ist nicht das wesentliche, was die Geschichte der schlesischen Juden auszeichnet. Einige Meilen östlich von der Oder lief oder läuft die Grenze zwischen dem europäischen Westen und Osteuropa. Schärfer noch als bei der übrigen deutschen Bevölkerung tritt das bei den schlesischen Juden hervor. Obwohl sie meist an der polnischen Grenze wohnten, im Handel dorthin ihren Unterhalt suchten und inmitten einer damals noch zum Teil polnisch redenden Bevölkerung auf Dörfern und in kleinen Städten sassen, haben sie immer ihre westliche Orientierung scharf betont. Sie fühlten sich kultivierter als ihre östlich wohnenden Glaubensgenossen und haben die abendländische und deutsche Bildung, nachdem sie sie einmal kennengelernt, als ihr wichtigstes Bildungselement geschätzt. Sie haben sich in Stunden der Entscheidung, zum Beispiel bei der oberschlesischen Abstimmung, ohne Schwanken und ohne Zaudern, trotz aller polnischen Lockungen, sofort auf die deutsche Seite gestellt und viel in diesen bangen Tagen dafür leiden müssen. Sie haben auch ihre inneren religiösen Kämpfe innerhalb der Gemeinden mit grösserer Schärfe, als es sonst in Deutschland iibiich war, geführt, weil ihre von der Aufklärung erfassten Kreise in dem Bekenntnis zum Liberalismus ein Bekenntnis zur abendländischen Kultur und zu den deutschen Freiheitsgedanken erblickten. Es ist schwer, hiefür eine Begründung zu finden. Ihrer Hekunft nach waren die schlesischen Juden durchaus nicht einheitlich. Die Mehrzahl der alten Gemeinden war wohl durch Zuwanderer aus Deutschland gebildet worden. Nach ihrem Untergänge haben Vertreibungen aus Böhmen ihnen öfters Zuzug gebracht, ebenso die polnischen Judenverfolgungen während der schwedisch-polnischen Kriege des 17. Jahrhunderts (Chmelnicky). Die meisten Einwanderer sind aber als einzelne in der Stille ins Land gekommen. Sie sassen zumeist in Kleinstädten und Landorten und haben vielleicht dort manches von der übrigen Bevölkerung leichter übernommen, als es anderwärts geschah. Möglicherweise hat die Besonderheit des schlesischen Lebens mitgewirkt. Schlesien hat als einziges der deutschen Kolonialgebiete im Osten den kolonialen Charakter früh abgestreift und anders als die Mark oder Preussenland ein eigenes geistiges Schaffen begonnen, wie es sich sonst nur auf altem Kulturboden erzeugt. Das zeigt sich besonders in der Zeit der erneuten Judeneinwanderung im 17. und 18. Jahrhundert. Vielleicht hat das irgendwie auf die Juden eingewirkt. Der erste Jude, der in dieser Zeit wieder deutsch dichtete, war der unglückliche Breslauer Ephraim Kuh; der unstete jüdische Philosoph Salomori Maimon fand in Schlesien bei einfem Grafen den Mäcen, der ihm Zuflucht gewährte. Will man die Geschichte der schlesischen Juden mit wenigen Worten schildern, so muss man sagen: sie ähnelt an sich dem allgemeinen europäischen Judenschicksal: erst Freiheit, dann Verdrängung (Fortsetzung auf Seite 17) 14

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