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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1992-01-01 · No. 56 (1992) · p. Seite 10

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Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1992
Issue
No. 56 (1992)
Date
1992-01-01
Page
Seite 10 (sequence 11)
Language
German
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DAS TRAGISCHE MISSLINGEN EINES HEROISCHEN VERSUCHS Berti Grass1 war der einzige von zwanzig führenden Menschen der Habonimbewegung, der in Deutschland und später in einem der europäischen Exilländer für die Bundesarbeit zurückblieb und dort seinen Tod fand. Leider ist nur sehr wenig über ihn geschrieben worden, und sein dramatisches, man kann heroisches Ende sagen, wird in Geschichtsbüchern zum Holocaust nicht erwähnt. Er ist es wert, nicht vergessen zu werden. Berti Grass formte im besetzten Dänemark unter den landwirtschaftlichen Chaluzim aus Zentraleuropa eine kleine Gruppe (30 junge Frauen und Männer war ihre Höchstzahl, die aus Furcht vor den zu erwartenden Massnahmen der Naziokkupation einen Weg von Dänemark nach Erez Israel suchten. Sie arbeitete mit den Methoden und Vorsichtsmassnahmen einer Untergrundbewegung, um nicht von der deutschen Wehrmacht und der dänischen Administration ertappt zu werden. Berti Grass wurde 1915 in Frankfurt/M. geboren, wo er seine Jugend verbrachte. Er war der Sohn einer orthodoxen Familie, die zur orthodoxen Breuer-Austrittsgemeinde2 gehörte. Berti löste sich von der religiösen Bindung seiner Familie und wurde zur Zeit der Hitlerepoche Mitglied der zionistischen säkularen Jugendbewegung „Habonim“. Er war gutaussehend, selbstsicher, ein entschlossener Mensch, dessen organisatorische Fähigkeiten bald entdeckt wurden. Er gewann die ihn Umgebenden leicht für seine positiven Ziele. Berti bereitete sich in Gut Neuendorf bei Berlin auf seine Auswanderung nach Erez Israel vor. Nach seiner landwirtschaftlichen Ausbildung forderte man ihn jedoch auf, seine Alija zu verschieben. Die Bundesleitung des Habonim übertrug ihm leitende Posten im „Habonim“ und „Hechaluz“ in Breslau. Nach erfolgreicher Tätigkeit in Breslau übernahm er die Verantwortung für den Bund in Hamburg. Während der Kristallnacht (9. November 1938] wurde er von der Gestapo ins Konzentrationslager Buchenwald eingeliefert. Er wurde freigelassen und übernahm die Erziehungsabteilung der Jugendalija in Dänemark. Die Tatsache, dass die Bundesleitung — und ich unter ihnen — für Bertis Alijaaufschub verantwortlich war, veranlasst mich, diese Zeilen über Berti und den „Neuen Weg“ zu schreiben. Ihm gebührt ein Ehrenplatz in der Geschichte dieser verhägnisvollen Epoche des II. Weltkriegs. Dänemark hatte vor dem II. Weltkrieg die Einreise von Landarbeitern aus Zentraleuropa erlaubt, sofern sie beabsichtigten weiterzuwandern. In diese Kategorie fielen Chaluzim aus Zentraleuropa, so dass 1500 Mitglieder des Hechaluz nach Dänemark kamen. Ausserdem erlaubte Dänemark den Aufenthalt von 300 deutsch-jüdischen Jugendlichen im Alter von 14—16 Jahren, die ihre Auswanderung nach Palästina vorbereiteten. Berti Grass stand durch seine Tätigkeit mit den potenziellen Umsiedlern in Verbindung. Die dänische Regierung und die Bevölkerung im allgemeinen waren hilfreich und freundlich. Dänemark war ein Paradies im Vergleich zu Nazideutschland. Sogar nach der Invasion der Wehrmacht (1940) blieb Dänemark ein Staat mit aussergewöhnlichen Rechten. Der König, das Parlament, die Gerichtshöfe und das normale Zivilleben dieses nordischen Staates überstanden (Zum Andenken an BERTL GRASS, Hechalutzsekretär, Breslau, 1937/8) die ersten Jahre der Okkupation; sogar die Juden blieben unbelästigt. Die Wehrmacht hatte vorerst gute Gründe, bei den Dänen keine offene Feindschaft zu erwecken, da sie an anderen Fronten zu kämpfen hatte. Diese Situation änderte sich nach dem Angriff Deutschlands auf die Sowjetunion im Juni 1941 und besonders nach den deutschen Niederlagen in Stalingrad und El Alamein (1943). Erst dann begannen die deutschen Autoritäten direkte antijüdische Massnahmen zu planen. Bis dahin lebten Juden in Dänemark, unter ihnen die zentraleuropäischen Flüchtlinge, in dem Wahn, dass ihre vorläufige Geborgenheit im „Protektorat“ Dänemark gesichert sei. Nur wenige beschäftigten sich nach der Okkupation mit individuellen oder kollektiven Fluchtabsichten. Zu denen, die die Situation schon zeitig ernst nahmen, gehörte ein kleiner Kreis um Berti Grass, der sich „Neuer Weg“ nannte und bei Ausbruch des russisch-deutschen Krieges über die Zukunft nachzudenken und Pläne zu schmieden begann. Man verwarf damals den Gedanken, nach Schweden zu fliehen, denn die schwedische Regierung blockierte den Übergang. Noch gut erinnerte man sich an die Erklärung des schwedischen Premierministers Albin Hansson zu Beginn der deutschen Besetzung Norwegens und ‘Dänemarks: „Eine fremde Macht habe dieselben Pläne für Schweden, wie sie sie gegen die beiden anderen skandinawischen Länder ausgeführt hatte“.3 Die Gruppe „Neuer Weg“ glaubte nicht an eine Flucht mit Booten via England nach Erez Israel. Sie wussten von der Internierung zentraleuropäischer Flüchtlinge in Grossbritannien. Durch den Krieg mit Sowjetrussland wurde auch die Hoffnung eines Fluchtwegs durch Russland zerstört. So riskant und verrückt es erscheinen mag, man spielte mit dem Gedanken einer Flucht über Deutschland nach dem Balkan und der Türkei — mit dem Ziel Erez-Israel. Nur verzweifelte, isolierte Menschen ohne anderen Ausweg konnten diesem Vorschlag zustimmen. der sie zurück in die Höhle des Löwen nach Nazideutschland führen würde. Berti Grass und seine jungen Freunde glaubten keinen anderen Weg zu sehen und fassten den Mut der Verzweiflung und planten die Durchführung dieser gewagten Idee. Man suchte nach der besten Fluchtroute und kam zu dem Ergebnis, dass man per Eisenbahn auf einer engen Plattform zwischen den Rädern die Fahrt von Dänemark über Deutschland in die Balkanländer durchführen könnte. Nur bestimmte Waggontypen und Linien kamen für solch eine Fahrt in Frage. Waggons wurden untersucht, Fahrpläne geprüft. Durch rigoroses Training in den Jahren 1941/42 wurde diese anstrengende Fahrt vorbereitet. Man lernte mit so wenig Wasser- und Nahrungsmittelvorrat so lange wie möglich auszukommen. Leni Mokotow-Hirschfeld und Hella Köpper erzählten mir, dass sie und anderer Frauen an diesen Übungen teilgenommen hatten. Zwei Frauen hatten in Deutschland ihren Tod gefunden, als man an die Durchführung des Plans ging. Man lernte mit Kompass und Morseapparat umzugehen, übte grosse Strecken (bis zu 30 km) zu Fuss zu gehen und lernte, welche Pflanzen sich im Notfall für die Ernährung eigneten. Später wurden tatsächlich Versuche unternommen, Inlandsstrecken unter dem Waggon zu durchqueren. Einige Gruppenmitglieder bewiesen, dass der Grenzübergang nach Deutschland überquerbar war. Die Gruppe beschloss, dass jeder, der den Versuch im Feindesland (Deutschland) und im Balkan übersteht, zurückkommt und der Gruppe seinen Bericht abgibt, denn man sah in dem Unterfangen ein. kollektives Unternehmen und nicht die Rettung einzelner. Die drei tatsächlichen Versuche, über Deutschland in die Türkei und dann nach Erez Israel vorzudringen, hatten einen tragischen Ausgang. Fünf junge Menschen fanden bei diesen gewagten Experimenten ihren Tod — Ruth Mokri, Ella Reinach, Heinz Reinach, Jehuda Axt und Berti Grass. Sie wurden in Deutschland von der Gestapo gefasst und ermordet. Alfred Glück — er lebt heute in Herzlia — ist der einzige, der überlebte und seine persönlichen Erfahrungen in Artikeln niedergeschrieben hat.'1 Berti Grass unternahm den verhängnisvollen Weg allein im Jahre 1943 und erreichte Sofia. Auf seinem Rückweg nach Dänemark, um seinen Erfolg den Freunden zu berichten, wurde er jin Hamburg von der Gestapo gefasst und nach Auschwitz deportiert. Auch Alfred Glück wurde mit seinem Kollegen Jehuda Axt auf einer Fahrt mit einem Maschinentransport von einer dänischen Fabrik in die Türkei in Singen an der Schweizer Grenze gefasst und nach Auschwitz gebracht. Glück berichtete über eine kurze, zufällige Begegnung mit Berti im Lager, als Jehuda Axt und er dort eingewiesen wurden. Berti konnte ihnen nur kurz über seine Erfahrung auf dem Weg in die Balkanländer und über seine Verhaftung in Hamburg auf seinem Rückweg erzählen. Später wurde er nicht mehr gesehen und im Juli 1943 umgebracht. Das Fiasko, der Tod von fünf Menschen, und die Tatsache, dass niemand der Gruppe bis nach Erez Israel vorgedrungen war, hat viele fragen lassen, ob das Vorhaben des „Neuen Weg“ nicht ein wahnwitziges, selbstmörderisches Spiel mit dem Tod gewesen war, ohne Erfolgschancen. Die traurigen Resultate haben nachträglich bewiesen, dass die Gruppe nicht zu den Gewinnern des Krieges gehörte. Dies trifft aber auch für viele Kämpfer im Ghetto-Warschau und einige jüdische Fallschirmspringer, unter ihnen Enzo Sereni, die Dichterin Channah Szenesh und Chaviva Reik, zu.5 Trotzdem ist das ernste Wollen und der Wagemut der Gruppe zu bewundern. Diese jungen Frauen und Männer waren ein wahres Zeichen jüdischen Widerstandes in einer Epoche jüdischer Passivität — auch unter den Juden Dänemarks. Es ist war, dass die Hechaluzleitung in Kopenhagen vor der Undurchführbarkeit des Planes warnte.0 Es ist auch bekannt, dass die Leitung der jüdischen Gemeinden in Dänemark zu Disziplin, d.h. Tatenlosigkeit aufrief. Die Reaktion dieser 30 jungen Menschen auf die nahenden Gefahren bleibt historisch gesehen bewundernswert. Als ich Björn Dworsky, Vertreter der Histadrut in Skandinavien — ein in Norwegen geborener Jude — fragte, ob er rückblickend und in Anbetracht der historischen Umstände die Ziele der Gruppe für wahnwitzig halte, erzählte er mir, dass von den 1700 norwegi- (Fortsetzung auf Seite 11) 10

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