Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1992
- Issue
- No. 56 (1992)
- Date
- 1992-01-01
- Page
- Seite 9 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Gestalten in der Gemeinde Breslau ln der Küche stand meine Mutter und rührte an einem ihrer tadellosen Jomtov-Kuchen. Der Mann mit dem sie sprach war mir nicht bekannt. Er war hochgewachsen, hatte glatte flachshelle Haare, seine Augen waren hellblau und freundlich. Er beschrieb meiner Mutter ein Rezept für eine Torte. Meine Mutter hörte aufmerkasm zu, und sagte wie nebenbei: das ist Herr Erich Breslauer, ein Kunstbäcker. Ich blieb an der Tür stehen und begutachtete ihn etwas kritisch, wie es eine 14jährige tut. Es war etwas ungewöhnliches an ihm. Nicht zuletzt überlange, spitzgefeilte Fingernägel, die nicht zu seinem farblosen Aussehen passten. Als er wegging sagte meine Mutter fast unbetont: Er ist in einem jüdischen Waisenhaus aufgewachsen, er wird mir demnächst eine Torte backen. Vielleicht kann man etwas für ihn tun. In den nächsten zwei Jahren sah ich ihn oft. Er war sehr freundlich zu uns Kindern, und er schien uns, meiner jüngeren Schwester und mir, von einer besonderen, schwer beschreibbaren ihm unbewussten Unschuld die jede herablassende Kritik an ihm unanständig erscheinen liess. Mein Vater verstand sich gut mit ihm. Er erklärte ihm den Sachverhalt in verschiedenen Situationen, in denen sich Breslauer zurechtfinden sollte um eine kleine Parnosse zu gründen. Die erste Anstellung war als Gemeindediener ats welcher er dem amtierenden Dayan der Grossgemeinde, Rabbiner Wassermann, zur Hand gehen sollte. Er bereitete das Lernzimmer zum gemeinsamen Gemorohlernen vor, und er war glücklich wenn er dem von ihm sehr geliebten Raw zur Hand gehen konnte. Er erzählte meinem Vater, nebenbei, dass ihm der Raw seinen Spazierstock zur Reparierung des abgefallenen Handgriffs übergeben habe. — Einige Tage später bat er meinen Vater ihm einen hohen Betrag für das beste Silbergeschäft in der Stadt auszulegen. Es stellte sich heraus, dass er eine elegante Silberkrücke für Rabbiner Wassermann in Auftrag gegeben hatte. Als Antwort auf die erschreckte Frage warum er denn soviel Geld für eine einfache Instandsetzung ausgegeben habe, sagte er einfach: Aber für den Herrn Rabbiner ist doch nichts gut genug! Dann liess ihm Vater einen sogenannten „Bauchladen“ anfertigen, ein Tablett mit 2 Schulterriemen, zum Verkauf von Orangen, — die sehr gern gekauft wurden, in Parks und Ausstellungsplätzen. Er kaufte einen kleinen Vorrat, und eilte froh in dieses Unternehmen. Er brachte den Erlös zu meinem Vater, der ihn auffällig gering fand, besonders da alle Orangen ordnungsgemäss verkauft wurden. Breslauer war kein starker Rechner — er gab mehr Kleingeld zurück als die empfangene Geldnote wert war. Die Zeiten wurden schlechter und gefährlicher. Die Nachfrage nach „Geschaumerter“ Milch (überwacht vom Melken bis zur Verteilung durch ein jüdisches Gemeindemitglied) wurde immer grösser, und so Messen ein paar unserer und seiner Freunde, eine in 6 Abteilungen geteilte Kiste für ihn, bei einem Tischler bestellen, für 6 grosse Milchkannen, die aut einem Dreirad angebracht werden sollte. Er kam sehr zufrieden mit der ersten Ladung vorgefahren. Mein Vater, der Holzkaufmann war, erschrak als er den Holzbehälter Jüdischen sah. „Breslauer!“ rief er, „das ist doch Mahagoniholz! Das kostet doch ein Vermögen!“ Breslauer verstand die Erregung nicht, — nichts war gut genug für seine Gemeinde... Ich floh im Sommer 1938 in die Schweiz, um dort möglichst ein Zertifikat zur Einreise nach Erez Israel zu erreichen. Ich war entsetzt von der Verhaftung und dem Transport meines Vaters, zusammen mit allen Gemelndemitgliedern, nach Buchenwald zu hören. Weniges hörte man von den entsetzlichen Quälereien mit denen sadistische junge Nazilümmel sich einen Spass machten. Stundenlanges Stehen auf einem Fleck, mit bis zur völligen Erschöpfung erhobenen Händen, Verbot eine „Latrine“ aufzusuchen, wodurch sich viele Nierenschäden zuzogen, an welchem auch mein Vater nach wenigen Jahren, die ihm in Israel vergönnt waren, in Jerusalem starb. Anlässlich einer der „Paraden“ während der ein besonders berüchtigter Befehlshaber die Gefangenen anschrie, sie lächerlich machte und seine Abscheu von ihnen als widerliche Mitmenschen schreiend erklärte — drängte sich Breslauer vor, 'nachdem er sich „zum Worte gemeldet“ hatte um seinen Raw und seine Freunde zu verteidigen. Das war reiner Wahnsinn, denn jeder Widerspruch wurde mit Aufhängen gerächt. Und siehe da —- wie ein Mann schoben sich die Breslauer Gemeindemitglieder, Zentimeterweise von beiden Seiten der ersten Reihe zusammen und drückten Erich Breslauer in die zweite, hintere Reihe, ohne die Haltung, den Standort und die aufmerksam dem Befehlshaber zugewandten Gesichter zu ändern, stätig, ohne Blicke auszutauschen — bis sich Erich Breslauer ausser Gefahr und in der zweiten Reihe befand. Auch er kam nicht von Buchenwald zurück. Er war ein Zaddik unter vielen Gerechten. Segen seinem Andenken.; Chaja Baror (geb. Schneller) Material Ober den Neuanfang und das Leben der Einwantlerer aus Deutschland in Erez-Israe! in den dreissiger und vierziger Jahren gesucht. Der Autor SHLOMO EREL teilt uns mit, dass er an einer ANTHOLOGIE — DEUTSCH¬ SPRACHIGE EINWANDERER IN DEN JAHREN DER STAATSWERDUNG ISRAELS ERZÄHLEN arbeitet. Er ist an Korrespondenz, Tagebüchern und Aufzeichnungen in deutscher Sprache für die Veröffentlichung interessiert. Schon gedrucktes und noch nicht erschienes Material kommt in Frage. Die Thematik ist weit gespannt und kann die folgenden Gegenstände umfassen: Motive der Einwanderung; Individuelle Schwierigkeiten; Ängste um die zurückgebliebene Familie; Der Zusammenprall von West und Ost; Der Kibbutz als Weg und Ausweg; Landwirtschaftliche Siedlung; Jugendalija; Der Ärzteberuf in Palästina; In Jerusalem; Erfolg im Einleben. Uber nähere Information und zur Übersendung von Material wenden Sie sich an: Shlomo Erel, 32, Brennerstr., 46342, Herzlie, Tel: 052-551844. PROF. ISAAK HEINEMANN (Fortsetzung von Seite 4) Schaft“. Er schrieb auch im „Morgen“ und im Phiioverlag. Er war ein glänzender Redner, der beste Lehrer der zukünftigen Rabbiner und Lehrer. Seine pädagogische Begabung ermöglichte es ihm, seine Schüler zu denkenden Menschen zu erziehen. Seinen Schülern war er ein Meister, der sie für das Judentum und die Wissenschaft begeisterte. Stets war er auch an den persönlichen Problemen seiner Schüier interessiert. Mit seinem poetischen Pathos und jugendlichem Schwung führte er seine Schüler in die Geisteswelt Israels und in die Kultur Hellas ein. Stets war er der tiefgründige Philologe, dem die Wissenschaft ein Herzensanliegen war. Er sprach zu den Menschen und nicht über ihre Köpfe hinweg. Er suchte die Persönlichkeit des Denkers der hellenistischen Epoche und der mittelalterlichen Religionsphilosophen Israels aus ihrer eigenen „Mitte“ zu begreifen und ihre Problematik und Widersprüche aus der Tatsache zu erklären, dass Religion und Wissenschaft aus verschiedenen Seelentiefen stammen. Für ihn trat die Persönlichkeit des Denkers — ihr Urerlebnis und ihr Bildungserlebnis — in seiner wissenschaftlichen Arbeit in den Vordergrund. Indem er dem spezifischen Jüdischen im Denken unseres Volkes nachspürte, diente er zugleich auch der allgemeinen Kultur, die sich durch den Zusammenklang aller Instrumente zu einer wahren Symphonie der Werte entwickeln konnte. Damit wurde auch dem modernen Juden, der vor der Problematik der Auseinandersetzung mit der nichtjüdischen Umwelt stand, der Weg gewiesen. „Nicht da ist die Synthese des Judentums und der .Bildung-der Welt, wie sie uns vorschwebt, in vollem Masse geglückt, wo der Strom der Kultur nur durch trübe Seitenbäche den Weg ins Judentum fand, wie fast durchweg in der Zeit der rabbinischen Weisheit, nicht da ist sie auch nur einigermassen gelungen, wo die führenden Lehrer des Judentums die Heilige Sprache vergassen mit ihrem unübersetzbaren religiösen Inhalt wie in der Zeit des alexandrinischen Judentums. Nur wenn der Jude es verstanden hat.’im eigenen Meister zu sein und Schüler aller echten Geister zu sein’ konnte und kann jenes kulturfrohe und geschichtsbewusste Judentum erwachsen, nach dem wir uns sehnen“. Im Geiste dieses kulturfrohen und geschichtsbewussten Judentums wirkte Heinemann und viele seiner Schüler. Die Verfolgung der Hitlerzeit vertrieb auch ihn aus Deutschland. 1939 wanderte er in Erez Israel •ein. Dort unterrichtete er viele Jahre am Lehrerseminar in Jerusalem. Die letzten Jahre seines Lebens lebte er in stiller Zurückgezogenheit. Trotz seines Alters war er ununterbrochen schöpferisch tätig. Sein bleibendes Denkmal setzte er sich durch sein Buch, das allgemein anerkannt wurde: „Taame hamizwoth“, über die Gründe der Mizwoth in unserem Schrifttum. Ein anderes Standardwerk von ihm war sein Buch „Darke Ha’Agada“ (die Wege der Agada), welches 1950 erschien. Leider war er schon früh schwerhörig. Doch diese Schwerhörigkeit verbitterte ihm nicht das Leben und vereinsamte ihn nicht. Heinemann trug sie mit der Heiterkeit, mit der er gesegnet war. Die Welt, in der Prof. Heinemann lebte, ist zerstört und vernichtet. Aber alles, das, was er seinen Schülern übergeben hat, lebt in ihren Herzen und in ihrem Denken. Es wird hoffentlich in künftigen Generationen weiterwirken. Egon Israel Loewenstein, Jerusalem. 9