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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1992-01-01 · No. 56 (1992) · p. Seite 8

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Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1992
Issue
No. 56 (1992)
Date
1992-01-01
Page
Seite 8 (sequence 9)
Language
German
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Jacques Faitlowitch-„Entdecker" der Falaschas Es gehört zu den weniger angenehmen Eigenschaften in Israel aus nebensächlichen Angelegenheiten „grundsätzliche“ Auseinandersetzungen zu machen. Solange die Falaschas, die Juden Äthiopiens, tropfenweise kamen, beachtete man sie kaum, als es nach inneren Unruhen und dem Sturz des Negus, 1974, notwendig wurde, grössere Gruppen zu bringen, erhitzten sich die Gemüter. Zwar erklärte der sephardische Oberrabbiner sie schon 1973 als Juden, aber das Gesetz über das „Recht der Rückkehr“, das Einwanderer zu Staatsbürgern macht, wurde erst 1975 auf sie bezogen. Die Oberrabbiner, der sephardische wie der aschkenasische, bestanden darauf, dass sie formell zum Judentum übertreten sollten, — was von ihnen natürlich abgelehnt wurde. Es waren die religiösen Kreise, die zuerst auf sie aufmerksam gemacht haben. Im Jahre 1864 veröffentlichte Esriel Hildesheimer, der 1878 das orthodoxe Rabbinerseminar in Berlin gründete, einen Aufruf, den Falaschas zu helfen. Es sickerte das Gerücht durch, dass Missionäre ihnen erzählen, sie seien die Reste einer nicht mehr bestehenden Gemeinschaft, insbesondere die protestantische Mission ist aktiv, die schon 1826 den Schweizer Samuel Gobat nach Abessinien schickt, derselbe, der später die „preussische Schule“, die „Gobat Schule“ an den Hängen des Zionsberges in Jerusalem errichtet. Die damals junge Alliance Israelite Universelle, 1860 gegründet, schickt den Orientalisten Joseph Halevi, 1827—1917, um den Stamm zu erforschen. Sein Bericht wird abgelehnt, er klingt zu unglaublich für die Leiter der Alliance. Damit schläft die Diskussion unter den jüdischen Gruppen ein. Erst nach mehr als drei Jahrzehnten gehört Jacques Faitlowitch, 1881 in Lodz geboren, in Paris zu seinen Schülern, der sich an den Gedanken seines Lehrers erwärmte. Die Alliance weigert sich noch eine Expedition zu finanzieren, Rothschild springt ein. Faitlowitch verweilt 18 Monate, 1904/5, in Abessinien, erforscht Sitten und Gebräuche, Legenden und Erzählungen. Er, ein tief religiöser Jude, ist überzeugt, dass es sich um eine jüdische Gruppe handelt und ist um ihr Schicksal besorgt. In vielen Orten gründet er Pro Falascha Committees. Während seines zweiten Besuches, 1908/9, wird er von dem Negus Menelik II. empfangen, der ihm gerechte Behandlung der Gruppe zusichert. Bei dem dritten Aufenthalt, 1913/14, kann er mobile Schulen errichten, sowie ein Internat in Addis Abeba, ln den Kriegsjahren, 1915 bis 1920, ist er Dozent an der Genfer Universität, dann geht er nach Amerika. Die letzten zwanzig Lebensjahre lebt er in Tel Aviv, 1935 bis 1955, der Stadt, der er seine umfangreiche Bibliothek testamentarisch hinterlassen hat. Es gelingt ihm nicht, die damalige jüdische Führung zu überzeugen, sich um diese Gruppe zu bemühen. Die Ereignisse in Europa verdrängen die Gedanken an andere jüdische Gemeinschaften. Die italienische Besetzung, 1935, unterbricht die direkten Verbindungen. Zu den aliierten Truppen, die 1941 Abessinien befreien, gehören jüdische Soldaten unter Orde Wingate, die aber Begriff und Namen nicht kennen, und auch später, die Vertreter Israels, die das Land offiziell besuchen, um wirtschaftliche, kulturelle und politische Verbindungen zu knüpfen, übergehen die Frage nach dem Schicksal der Falaschas, wobei nicht sicher ist, ob sie sich überhaupt mit ihnen beschäftigt haben, von ihnen ge- Von HEINZWERNER GOLDSTEIN wusst haben. Mosche Dajan besucht 1960 Abessinien als Landwirtschaftsminister, Golda Meir 1962 als Aussenminister, später Abba Eban in der gleichen Eigenschaft. Man errichtet gemeinsame Projekte in der Landwirtschaft und Industrie, Schiffahrt wie eine Universität. ★ Es Ist zu bedauern, dass Dr. Faitlowitch keine Nachfahren gefunden hat, die wie er sich als Sendboten empfinden und nicht als Funktionäre reisen. Ende der zwanziger Jahre bringt er Jugendliche nach Jerusalem und in einige Städte Westeuropas, in religiöse jüdische Familien, um ein jüdisches Familien- und Gemeindeleben kennen zu lernen, davon später in der Heimat zu berichten und dadurch beweisen, dass sie nicht die einzigen Juden in der Welt sind. Durch einen von ihnen wird der Schreiber dieser Zeilen schon in jungen Jahren auf Dr. Faitlowitch wie auf die Probleme der Falaschas aufmerksam. ★ Die Geschichte ist mit vielen Fragezeichen verbunden. Nach ihren Überlieferungen fühlen sie sich als Nachkommen Meneliks, dem Sohn König Salomos wie der Königin von Saba. In der semitischen Geez Sprache, in der ihre heiligen Schriften abgefasst sind, aber auch die der abessinischen Kirche, bedeutet der Name Falascha soviel wie die Zugewanderten. Sie bezeichnen sich als Beta Esra'el, 'Bet Israel. Nach einer Theorie kommt die Religion durch jüdische Stämme aus der arabischen Halbinsel zu ihnen, eine andere Version spricht von Händlern aus Ägypten. Nach der Eroberung Ägyptens durch den Kalifen Omar, um 640, wird nicht nur die Kirche von der der Kopten getrennt, auch die Bet Israel verlieren den Kontakt mit der jüdischen Welt. Der Negus Negisti, der König der Könige, führte den Löwen von Juda im Wappenschild. Man nimmt an, dass sie eine semitisch-hamitische Mischrasse darstellen. Ihre lange Geschichte kennt Unterdrückungen, Zwangsbekehrungen. Im 16. Jahrhundert, als sie noch eine grössere Gruppe sind, kämpft ihr König Gideon mit seiner Frau Judith mit den Moslems gegen den Negus, wechselt plötzlich die Front, und verliert die Herrschaft über das Gebiet der Falaschas. Der Bericht über das nachfolgende Gemetzel dringt bis nach Safed, wie man aus einer Schrift des Rabbi Jizchak Lurie weiss. ★ Ihre Siedlungsgebiete waren die Dörfer zwischen dem Tanasee, wo der Blaue Nil seinen Anfang nimmt, und der sudanesischen Grenze, einige lebten in der Provinzhauptstadt Gondar. Als Landwirte bearbeiteten sie gepachteten Boden, andere waren Kleinhandwerker, Weber, Spinner, Goldwarenbearbeiter, Keramikhersteller. (Es ist zu bedauern, dass ihre beruflichen Fähigkeiten nicht im Lande ausgenutzt werden). Die statistischen Angaben beruhen immer auf Schätzungen. Noch vor zehn Jahren spricht man von 25.000 bis 30.000 Seelen. Niemand kann wirklich sagen, wieviel geblieben sind, nachdem seit Jahren ihre Wohngebiete zu den unruhigsten Teilen Äthiopiens gehören. In den Dörfern wurde eine der strohbedeckten Hütten, Tukui, zum Mesgid, zum Gebetsraum. Ihre Umgangssprache ist amharisch, in einigen Gebieten Tigre. Die handgeschriebenen Bücher ihrer Bibel, nicht in Rollenform, in der Geez Sprache, enthalten neben bekannten Schriften einige der Apokryphen wie Tobias, die Weisheit Salomos, Judith, Ben Sira, die Makkabäerbücher, die nicht in den jüdischen Kodex aufgenommen wurden, aber in der griechischen Übersetzung bekannt sind. Der Cahen, der Priester, der sich auf Aaron bezieht, ist Lehrer und geistiger Führer der Gemeinde, er amtiert auch als Schlächter, der auch Nachfolger ausbildet. Sie beachten die Speisevorschriften, unterscheiden zwischen reinen und unreinen Tieren, waschen sich die Hände vor dem Essen und kennen ein Tischgebet. Sie leben in Einehe. Scheidung ist möglich, soll aber selten vorgekommen sein, nur bei Ehebruch. Die männlichen Babies werden am 7. Lebenstag beschnitten. Ihre Reinigungsvorschriften für Wöchnerinnen und Frauen wurden streng eingehalten, sie kennen sieben Trauertage, feiern die Feste mit Ausnahme von Chanuka und Purim, die nach der babylonischen Gefangenschaft eingeführt wurden. Die Hochzeitszeremonie währt eine Woche. Im Monat Nissan, dem Pessach- und Frühlingsmonat, wie in der Regenzeit dort, Juli— September, wurden keine Eheschliessungen abgehalten. Am Vorabend des Pessachfestes wurde vor dem Bethaus ein Tier geschlachtet. Ihr Kalender kennt 12 Monate, mit abwechselnd 29 und 30 Tage, und einem Schaltmonat, alle vier Jahre. ■k In Äthiopien, wie das Land nun heisst, wurde 1974 die Republik ausgerufen, die sich mit dem Ostblock verband^ während Israel zum westlichen Lager gerechnet wird; damit wurde die Lage der Falaschas, der äthiopischen Juden, wie man sie heute in Israel nennt, problematisch. Die Gruppe, die keine Kontakte mit anderen jüdischen Gemeinschaften hatte, überlässt man lange ihrem Schicksal bis man beschliesst sich, um die Einreise nach Israel zu bemühen, denn in Äthiopien sind sie unweigerlich dem physischen Untergang ausgeliefert. In Israel treffen sie eine für sie unbekannte Welt, mit anderen Gebräuchen, anderen Lebensbedingungen an. Diejenigen, die während der letzten Dekade einwandern konnten, hat man nicht in geschlossenen Gruppen angesiedelt, wie noch vor 40 Jahren die Einwanderer aus Jemen, um ihnen, mindestens für den Anfang, den Rahmen eines gewohnten gesellschaftlichen wie kulturellen Lebens zu lassen. Die lange Erfahrung mit Einwanderergruppen zeigt, dass sich die zweite Generation immer akklimatisiert, und auch die der Einwanderer, ihre Eltern, in den israelischen Alltag einführt. ★ Dass die jüdische Welt von dem Schicksal wie der Geschichte der äthiopischen Juden weiss, dass man sich heute, seit den achtziger Jahren auch in Israel, um sie kümmert, um ihr Schicksal besorgt ist, verdanken sie den langjährigen Bemühungen von Dr. Jacques Faitlowitch, einem Orientalisten von Rang, der sich am Anfang des Jahrhunderts mit einer beachtenswerten Leidenschaft dem Schicksal der Falaschas verschrieben hat. 8

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