Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1991
- Issue
- No. 55 (1991)
- Date
- 1991-01-01
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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AUF DER SUCHE NACH MEINEM URAHNEN Der Autor des Artikels, Shlomo Erel (Siegush Ehrlich in Breslau) weist darauf ihn, dass die Suche nach seinem Urahnen mit Hilfe und im Geiste von Prof. Rabbiner B. Drilling vor sich gegangen ist. Lange bevor Alex Haley's Buch „Roots“ die Suche nach Ahnen zu einer Modeerscheinung werden liess, habe ich mich mit der Frage, wer meine Vorfahren gewesen sind, beschäftigt. Es war nicht leicht, Familienangehörige früherer Generationen aufzufinden. In vielen jüdischen Häusern gibt es Gebetbücher, in denen über Jahrhunderte hinweg Geburts- und Sterbefälle von Familienmitgliedern eingetragen werden. Wir besassen jedoch keinerlei Aufzeichnungen aus früheren Zeiten, so dass mir unsere Familiengeschich'e ein Buch mit sieben Siegeln war. Als junger Mensch ist man an der Geschichte seiner Familie meist nicht interessiert, und im Alter ist es meist zu spät, die Wissenslücken zu füllen. Oft sind Eltern und Grosseltern dann nicht mehr am Leben, so dass niemand bei der Rekonstruktion eines Stammbaums behilflich sein kann. Der Hang sich ausschliesslich mit sich selbst oder mit Zeitgenossen zu beschäftigen, hat in der Moderne noch zugenommen, so dass nur zu hoffen bleibt, dass die Suche nach „roots“ nicht nur eine Modeerscheinung ist. Dabei ist es absurd, wenn man die Kaiser im Römischen Imperium oder in Deutschland und die Könige aus Bibelzeiten auswendig lernen muss, jedoch nicht weiss, wer die eigenen Gross- und Urgrosseltern gewesen sind. Mütter und Väter sollten ihren Kindern die Familientradition überliefern. Von der Seite meines Vaters, Georg Ehrlich, weiss ich fast nichts, nicht einmal alle Namen seiner Geschwister. Daten und nähere Angaben über meine Grosseltern sind mir unbekannt. Welch ein Versäumnis! ...besonders angesichts der Bedeutung des Namens Ehrlich in der Medizin und in der modernen jüdischen Geschichte. Glücklicherweise ist der Stammbaum meiner Mutter, Regina Ehrlich, geb. Pincus, erhalten geblieben — dies rein zufällig, wie die folgenden Tatsachen bestätigen werden. In meiner Kindheit hatte mir meine Mutter von einem grossen Rabbiner in unserer Familie erzählt, der in der Provinz Posen lebte, hebräische Bücher verfasste und ein Gaon, was auf Hebräisch Genie oder Weiser bedeutet und für aussergewöhnlich gelehrte Rabbiner benutzt wird. Seltsamerweise hat meine Mutter, die in der hebräischen Terminologie nicht sonderlich bewandert war, damals das Wort „Gaon“ benutzt. Um ihr zu glauben, fehlte es mir an Belegen. Niemand in unserer Familie, die aus zahlreichen Onkeln, Tanten, Cousinen und Cousins bestand, hatte von diesem grossen Rabbiner gesprochen. Wir besassen weder ein Buch dieses Gaons, noch wusste meine Mutter näheres über ihn zu berichten. Zwar war sie keine Frau, die sich eine derartige Geschichte ausdenken würde, doch’ hielt ich die Geschichte damals für ein Ammenmärchen, das man bereits meiner Mutter erzählt hatte. Als ich mich im Alter von 50 Jahren für die israelische Regierung in New York aufhielt, besuchte ich meinen Grosscousin, Dr. Emil Kronheim, den ich bis dahin noch nicht kannte. Er gehörte zu den ältesten noch lebenden Familienangehörigen. Im Verlauf unserer Unterhaltung erwähnte ich eher zufällig, was mir meine verstorbene Mutter über 8 Von SCHLOMO EREL den Rabbiner in Posen erzählt hatte. Emil war über meinen zweifelnden Ton erstaunt, ging ins Nebenzimmer und kam mit einem zerlesenen hebräischen Buch zurück, das den Titel „Gwurat Haschern — Perusch Nifla al Hahaggada“ (Gottes Kraft — Die wunderbare Interpretation der Haggada) trug. Verfasst hatte es Rabbiner Gabriel Cohn, und gedruckt war das Buch in Krotoschin in der Druckerei von B. L. Monasch im Jahre 1838. Bei den hebräischen Lettern handelt es sich zum Teil um die heute noch üblichen Buchstaben, zum Teil aber um Buchstaben des Raschi. Dem Buch ist eine deutsche Übersetzung in hebräischer Schrift angeschlossen. Die Weinflecke im Buch weisen darauf hin, dass es sich um eine regelrechte Haggada handelte, aus der am Seder-Abend zum jüdischen Pessach-Fest gelesen wird und die vom Auszug aus Ägypten erzählt. Im Buch befindet sich eine handschiftliche, deutschsprachige und hebräisch transkribierte Widmung von Pincus Cohn, in der er seinem Sohn mitteilt, dass sein Vater Verfasser dieses Buches war. Das Datum der Widmung ist der 13. Nissan 5645 in Samter in der Provinz Posen. Im jüdischen Monat- Nissan wird das Pessach-Fest gefeiert, und das jüdische Jahr 5645 entspricht dem Jahr 1885 allgemeiner Zeitrechnung. Samter war mir ein Begriff, denn meine Mutter hatte mir oft von ihren Verwandtenbesuchen dort erzählt. Josef Samuel Cohn, der Sohn von Rabbi Gabriel Cohn, hatte das Buch des Vaters herausgegeben und der zweite Sohn, Leibusch Pincus Cohn, der die Widmung in die Haggada schrieb, war der Vater meiner Grossmutter, also mein Urgrossvater. Emil war es mit Hilfe von einigen Freunden gelungen, mehr über unseren aussergewöhnlichen Vorfahren in Erfahrung zu bringen. Die von ihm gesammelten Fakten wollte ich überprüfen und bat den nunmehr verstorbenen Prof. Rabbiner B. Brilling von der Universität Münster, mir dabei behilflich zu sein. Prof. Rabbiner Brilling kannte ich aus meiner Jugend in Breslau als einen Fachmann auf dem Gebiet der Genealogie jüdischer Familien in Schlesien und Posen. Mit seiner Hilfe, mit den Angaben, die Emil zusammengetragen hatte und mit den Informationen in der Haggada selbst, konnte ich den Spuren meines Ahnen nachgehen und einen Stammbaum bis zum heutigen Tag aufstellen. Rabbiner Gabriel Cohn ist in der deutschsprachigen Enzyklopädia Judaica, Bd. 7, S. 28 unter Gabriel zu finden. Dort wird er Gabriel Ben Jakob Katz genannt. Katz ist die hebräische Abkürzung für Cohen Zadik (frommer Priester) und eine gebräuchliche Variante des Namens Cohen oder Cohn. Ben Jakob bedeutet Sohn Jakobs, d.h. Gabriels Vater hiess Jakob Katz. In dem Standardwerk über die Posener Juden — „Aus Vergangenheit und Gegenwart der Juden und der Jüdischen Gemeinden in den Posener Landen“ —, da3 von Aron Heppner und I. Herzberg verfasst wurde und 1909 erschienen ist, findet mein Vorfahr unter dem Namen Gabriel Ben Jakob Cohn Erwähnung. Auch im Nachruf in der deutsch-jüdischen „Allgemeinen Zeitung des Judentums“*) wird der Name Gabriel Ben Jakob Cohn gebraucht. Ein Exemplar der Zeitung lässt sich in der Tel-Aviver Rambam-Bibliothek finden. Aus dem Nekrolog geht hervor, dass Gabriel Cohn 1784 in Wreschen geboren wurde und am 23.5. 1864 in hohem AI.er in Samter starb. Zuerst war er Rabbiner in Gnesen, später in Tirschtigel und dann in Samter. Als er SOjährig starb, nannte man ihn, der viele Rabbiner und Talmudgelehrte unterrichtet hatte, den „Nestor der deutschen Rabbiner“. In seinem Nekrolog hiess es u.a.: „Durch eine edle, wahrhaft schöne Gesichtsbildung, verbunden mit der höchsten Sauberkeit und stets würdigem Äusseren waren Körper und Seele des Verbliebenen in inniger Harmonie vereint, und dies machte ihn zu einer imposanten Erscheinung. In Demuth, Wohltätigkeit und Friedensstiftung zeichnete er sich aus... Auch seine übrigen Werke athmen denselben aesthetischen Geist. Der in unseren Tagen gewiss seltene Mann entschlief sanft infolge seiner Altersschwäche, ohne auch nur von einer Krankheit geplagt worden zu sein...“. In seinem Nachruf ist auch angeführt, dass die gesamte jüdische Gemeinde und viele Persönlichkeiten der christlichen Bevölkerung (nicht die „Ortsgeistlichen“) an der Beerdigung teilnahmen. Sein Sohn, der Kaufmann J. S. Cohn aus Schönlanke, sprach das To'engebet am Grabe seines Vaters. *) Leipzig, 1864, S. 433, (Fortsetzung auf Seite 15) LESERBRIEF Vielleicht erinnert sich der eine oder andere Leser an meinen Leserbrief, der in der Herbstausgabe 1S89 erschien. Ich berichtete, dass ich mich mit der Aufklärung des Schicksals früherer Bürger meiner Heimatstadt Strehlen/Schlesien, nahe Breslau, beschäftige. Ich erhielt daraufhin zwei sehr interessante Leserzuschrifien, die mir bei meinem Vorhaben weiterhalfen. Wenn ich heute nochmals einen Leserbrief veröffentliche, dann deswegen, weil -ich hoffe, dass vielleicht der eine oder andere mir Einiges berichten kann — schon der geringste Hinweis hilft mir weiter. Besten Dank! Fritz Moses Franz Joseph Strasse 48 8000 München 40 Germany Tel. 089/2716591 DIE JUEDISCHE SCHULE... (Fortsetzung von Seite 5) gehört z.B. der Schabbath ganz der Familie, die Feiertage sind dem jüdischen Familienleben gewidmet. Das Kind wird nie das Bedürfnis haben, etwa einen Weihnachtsbaum anzünden zu wollen. Als Jude wird es seine Festtage feiern, sei es das nationale Befreiungsfest, Pessach, oder das Fest der Gesetzgebung, Schewuoth. So gestaltet ihm die Jüdische Schule seine Kindheit im Geiste einer religiös-nationalen Erziehung. Wenn solche Juden ins Leben treten, wie sie die jüdische Schule hervorbringt, dann braucht uns um die Erhaltung des Judentums nicht bange zu sein.