Mannheim
Compact Memory

Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 2004-01-01 · No. 76 (2004) · p. Seite 19

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
2004
Issue
No. 76 (2004)
Date
2004-01-01
Page
Seite 19 (sequence 19)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/7506414-7412094-7491877--554-7412113
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

19 (Fortsetzung von Seite 18) zu diesen ersten Ansätzen bürgerlich geprägter Selbstorganisation entwickelten sich auch innerhalb der jüdischen Gemeinden neuartige Zusammenschlüsse, die - angestoßen durch eine bis dahin unbekannte Intensität und neuartige Dichte an Kommunikation und sozialer Nähe zwischen Juden und Nichtjuden - in der Periode der Spätaufklärung zu tiefgreifenden Veränderungen in der traditionellen jüdischen Gesellschaft führten. An den Zielen der Aufklärung orientierte jüdische Vereine stellten mit einem zunehmend säkularisierten Programm die Hegemonie traditioneller jüdischer Vereinigungen radikal in Frage und bewirkten damit nicht nur eine umfassende Transformation dieser traditionellen Vereinigungen, sondern zugleich auch des gesamten Gefüges des jüdischen Gemeindeverbandes. Während letzterer sich zunehmend auf die Verwaltung und Organisation des Kultus konzentrierte, wurden die Vereine in wachsendem Maße zum zentralen Medium der Vergemeinschaftung, das den innerjüdischen Zusammenhalt festigte und garantierte. Dieser Funktionswandel innerhalb der jüdischen Gemeinschaft, der vor allem einen Bedeutungsverlust des traditionellen Gemeindeverbandes gegenüber dem neuentstehenden Vereinswesen zur Folge hatte, war nicht nur ein Reflex der politischen Rahmenbedingungen, die, wie in Preußen, auf eine Schwächung bzw. Abschaffung partikularer Gewalten abzielten, sondern auch Resultat einer sich verändernden sozialen Zusammensetzung der Juden in Deutschland. Ihr rasanter, sich im 19. Jahrhundert vollziehender Aufstieg ins Bürgertum hatte auch eine weitgehende Orientierung an bürgerlichen Organisationsformen zur Folge, in deren Zentrum der Verein als freiwillige Assoziation stand. Das im 19. Jahrhundert entstehende jüdische Bürgertum fand in den jüdischen Vereinen eine organisatorische Form, seinem Selbstverständnis Ausdruck zu verleihen. Diese Form jüdischer Vergemeinschaftung gewann im Kaiserreich angesichts eines sich zunehmend ethnifizierenden Nationalismus eine neue Bedeutung. Jüdische Vereine boten nunmehr nicht nur einen Raum, innerhalb dessen Juden ungestört von antisemitischer Agitation und antisemitischem Handeln kommunizieren konnten, sondern auch einen Ort, an dem verschiedene Formen innerjüdischer Selbstverständigung und Identitätsfindung debattiert werden konnten. Das Engagement in jüdischen Vereinen bedeutete jedoch, daran sei abschließend noch einmal erinnert, für die Mehrzahl der deutschen Juden nicht den Rückzug in ein soziales Ghetto. Es war vielmehr die Gleichzeitigkeit von jüdischpartikularen Aktivitäten und der Betätigung in allgemeinen Vereinen, die wesentlich war für die vielfach beschriebene 'deutsch-jüdische' Identität der Juden in Deutschland. Wo ihnen die Partizipation in allgmeinen Vereinen möglich war, und dies geschah vorrangig in der liberal geprägten Öffentlichkeit sowie der organisierten Arbeiterbewegung, nahmen sie daran aktiv teil. Die Biographie des eingangs zitierten Breslauer Lehrers, Sozialdemokraten, Historikers und Juden Willy Cohn belegt dies in eindrucksvoller Weise - zugleich aber erinnert sie auch an die Grenzen, die Juden im Deutschland des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts von einer latent, zunehmend aber manifest antisemitisch eingestellten Gesellschaft gesetzt wurden. Vorstand der Israelitischen Kranken-Verpflegungs-Anstalt und Beerdigungs-Gesellschaft im Jahre 1870 CH i.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.