Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 2004
- Issue
- No. 76 (2004)
- Date
- 2004-01-01
- Page
- Seite 18 (sequence 18)
- Language
- German
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Formen jüdischer Vergemeinschaftung in Breslau (Fortsetzung von Seite 17) üdischer Organisationen gab, die "den sehr schnell und deutlich hervortretenden gesellschaftlichen Ausschließungstendenzen der deutschen Umwelt eine wohl spontan zu nennende Bewegung zur inneren Selbstbesinnung und organisatorischen Sammlung entgegensetzten". So gründeten 1886 Studenten der Breslauer Universität die erste schlagende deutschjüdische Verbindung, der sich in der Folgezeit sehr rasch weitere Verbindungen an anderen deutschen Universitäten anschlossen. Ziel der Gründungsmitglieder war es, "ihrer Anhänglichkeit zum Judentum durch Beschäftigung mit dessen Geschichte und durch Vertiefung in seine Lieteratur Ausdruck zu geben". Doch nicht nur im akademischen Milieu, im Kaiserreich eine Hochburg der antisemitischen Bewegung, artikulierten sich in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts derartige Bestrebungen. Auch innerhalb des jüdischen Wirtschafts- und Bildungsbürgertums, also den sozialen Kerngruppen der deutchen Juden im ausgehenden 19. Jahrhundert, griffen gleichgerichtete Initiativen Raum. Bereits im Herbst 1880 begannen Berliner jüdische Kaufleute mit den Vorbereitungen zur Gründung einer jüdischen Logenorganisation, deren Ziel es war, "das jüdische Selbstbewußtsein zu stärken [und] einen Bund von Israeliten mit unantastbarem Charakter zu vereinigen, die gewillt sind, an sich selbst zu arbeiten". Am 20.3.1882 wurde dann in Berlin die erste europäische Loge des "Unabhängigen Ordens B'nai B'rith" (U.O.B.B.) feierlich eröffnet, nachdem der in den USA tätige, von deutschjüdischen Einwanderern in den vierziger Jahren begründete Orden seine Bedeken wegen der Gründung einer Zweigorganisation in Deutschland zurückgestellt hatte. Der Berliner Initiative folgten sehr rasch weitere Gründungen in anderen Städten des Deutschen Reiches; in Breslau nahm die erste Zweigorganisation des U.O.B.B., die 'Lessing-Loge', im Jahre 1885 ihre Tätigkeit auf. Beide Gründungen markierten den Beginn einer neuen Phase innerhalb der deutschjüdischen Öffentlichkeit, handele es sich hierbei doch um Vereinigungen, die sich in Abgrenzung von bestehenden Organisationen als jüdische Vereine konstituierten, also Parallelorganisationen darstellten. Anders als in den Jahrzehnten zuvor, in denen - sieht man einmal von religiösen oder karitativen Vereinigungen ab - Juden zunehmend bestrebt waren, in allgemeine Vereine einzutreten, wird seit den achtziger Jahren, ähnlich wie in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, eine Tendenz hin zu Organisationen sichtbar, die sich in Reaktion auf erfahrene Diskriminierung als explizit jüdische Vereinigungen konstituierten und damit einer qualitativ neuen jüdischpartikularen Identität Ausdruck gaben. Was seit den Anfängen der Emanzipation innerhalb der jüdischen Öffentlichkeit zunehmend vermieden wurde, nämlich die Artikulation einer eigenen jüdischen Identität, wurde seit den achtiziger Jahren des 19. Jahrhunderts für eine wachsende Zahl der deutschen Juden attraktiv; eine Hypothese, die nicht nur durch die rasch steigende Anzahl von Mitgliedern dieser neuen Vereinigungen bestätigt wird, sondern auch durch die anfänglich heftige Kritik an diesen Neugründungen, in der sich vor allem die Gleichzeitigkeit traditioneller emanzipationsorientierter und neuer postassimilatorischer Einstellungen dokumentierte. Mit der Formulierung und Propagierung des zionistischen Programms, wie es Theodor Herzl in seinem Konzept eines eigenen jüdischen Staates formulierte, fand diese Entwicklung, die sich weitgehend auf die Erfahrung des Antisemitismus bezog, einen noch weitergehenden und radikaleren Ausdruck. Die Tendenz, sich in eigenen 'jüdischen' Zusammenhängen zu bewegen und zu organisieren, ist seit den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts unübersehbar - und die deutschen Juden bildeten in dieser Hinsicht, verglichen mit anderen Bevölkerungsgruppen im Kaiserreich, keine Ausnahme. Konfrontiert mit dem nationalen Homogenisierungsdruck des neugegründeten Reiches, formierten sich innerhalb der unterschiedlichen, konfessionellen, sozialen und nationalen Gruppierungen eigenständige Netzwerke und Öffentlichkeiten mit jeweils eigenen Vereinen, Zeitschriften und sozialen Netzen. Dies gilt, wie man aus der Forschung weiß, etwa für Arbeiter, Frauen, Katholiken und Polen - und gleichermaßen auch für Juden. Allerdings, und das unterscheidet die verschiedenen sozialen, nationalen und konfessionellen Milieus voneinander, waren die internen Loyalitätserwartungen innerhalb der einzelnen Gruppierungen unterschiedlich stark ausgeprägt. Für die in Deutschland lebenden Juden - einer quantitativ sehr kleinen Gruppe - charakteristisch war das Nebeneinander von ethnischn, religiösen oder kulturellen und nationalstaatlichen Loyalitätsbdingungen, die gleichermaßen das Selbstverständnis der Mehrheit der deutschen Juden prägten. "Deutschtum und Judentum" bildeten die beiden zentralen Begriffe, mit denen das eigene, eben deutsch-jüdische Selbstverständnis umschrieben wurde. Entlang dieser, die Frage der nationalen bzw. kulturellen oder ethnischen Identität berührenden Linien vollzog sich die Formierung des jüdischen Vereins- und Organisationswesens im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert, das sich - parallel zum nichtjüdischen Vereinswesen - zunehmend erweiterte und ausdifferenzierte, sowohl hinsichtlich der Vereinszwecke als auch im Hinblick auf die Zielgruppen. So entstanden vor der Jahrhundertwende außer dem bereits erwähnten "Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens", in dem sich weite Teile des in religiöser Hinsicht sich liberal verstehenden Judentums organisierten, die "Zionistische Vereinigung für Deutschland" und schließlich auch verschiedene Organisationen der Orthodoxie. Alle drei Richtungen, mit denen die dominierenden weltanschaulichen und religiösen Strömungen innerhalb des deutschen Judentums benannt sind, verfügten über jeweils eigene Frauen- und Jugend- sowie Studentenvereine. Jüdische Soldaten, die im Ersten Weltkrieg aktiv waren, organisierten sich im "Reichsbund jüdischer Frontsoldaten" sowie - hierin den Zionisten verwandt - in eigenen jüdischen Sportvereinen. Berücksichtigt man hierbei noch die Aktivitäten der zahlreichen karitativen und religiösen Organisationen, der Logen oder auch der Vereine für jüdische Geschichte und Literatur, so wundert es nicht, daß 1927 ein Berliner B'nai B'rith-Mitglied öffentlich über die Belastungen klagte, die sich aus dem intensiven jüdischen Vereinsleben für den einzelnen ergaben. Ihm zufolge "sind [wir] nämlich alle mehr oder weniger Mitglieder verschiedener Vereinigungen, die sich in Vorträgen auswirken, und so kommt es zurzeit der Hochflut der Vorträge vor, daß man am Donnerstag einen Vortrag im Verein für jüdische Geschichte und Literatur hört, am Freitag einen wissenschaftlichen Vortrag im Rundfunk, am Samstag einen religiösen in Gestalt einer Predigt, am Montag, je nach der parteipolitischen Einstellung, einen Vortrag im Zentralverein oder in einem zionistischen Verein, und wenn man dann am Dienstag eine eineinhalbstündige Logensitzung hinter sich hat, [...] so möchte man doch endlich mal ein Stündchen der Ruhe [...] gemessen." Diese durchaus ironisch gehaltene Schilderung illustriert auf anschauliche Weise die Dichte und Vielfalt jüdischer Soziabilität, wie sie sich im Deutschland um die Jahrhundertwende herausgebildet hatte. Daß Juden, sofern sie dies wollten, sich fast ausschließlich in einer jüdischen Öffentlichkeit bewegen konnten, mag abschließend das Beispiel des Breslauer jüdischen Vereinswesens veranschaulichen: Das im Jahre 1930 veröffentlichte "Handbuch der jüdischen Gemeindeverwaltung [für Breslau]" zählt über 80 jüdische Vereine auf, darunter zahlreiche karitative Vereinigungen sowie Synagogenvereine. Hinzu kamen zehn gesellige Vereine (darunter allein vier B'nai B'rith-Logen), sieben Frauen-, zehn Jugend, vier Studenten, sechs Heimatvereinigungen und schließlich drei Vereinigungen mit kulturellen Zielsetzungen im weitesten Sinne. Diese Angaben verdeutlichen die Dichte und Intensität des jüdischen Vereinswesen in der Weimarer Republik, das in seiner Zusammensetzung und Struktur nicht nur für Breslau, sondern für alle großen und mittelgroßen deutsch-jüdischen Gemeinden typisch war. Die Herausbildung eines eigenständigen jüdischen Vereinswesens, wie es im Vorhergehenden exemplarisch an der Entwicklung innerhalb der Breslauer jüdischen Gemeinde gezeigt wurde, ist nur vor dem Hintergrund genereller Veränderungen innerhalb der nichtjüdischen Gesellschaft, aber auch fundamentaler Transformationsprozesse innerhalb der jüdischen Gemeinschaft zu verstehen. In der Periode des Übergangs von der ständischen zur bürgerlichen Gesellschaft entstanden neue Formen der Kommunikation und Organisation, zu denen wesentlich der Verein als freiwillige Assoziation zählte. Analog (Fortsetzung auf Seite 19)