Mannheim
Compact Memory

Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 2004-01-01 · No. 76 (2004) · p. Seite 13

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
2004
Issue
No. 76 (2004)
Date
2004-01-01
Page
Seite 13 (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/7506414-7412094-7491877--548-7412107
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

13 (Fortsetzung von Seite 12) Volksheim engagierten. Das an sich schon hochgesteckte Ideal überhöhte Lehmann in seinen Vorträgen und Artikeln noch durch die Verklärung der Sozialarbeit zu einer “Religion der Tat“. Er wollte die soziale Arbeit der Helfer als einen säkularisierten Gottesdienst verstanden wissen. Die hebräischen Begriffe "Avoda" (Tat), "Schiflut“ (Demut) und "Kawwana" (Erlösung als Sinn und Ziel des Handelns), durch Bubers Vorträge vermittelt und aus dem chassidischen Denken in das soziale Denken eingeführt, sollten Lehmanns Programm jüdische Authentizität und Autorität verleihen. Inbrunst und Eklektismus halten sich in diesem Programmentwurf die Waage und lieferten, so Gerhard Scholem, die willkommene Vorgabe, seinen Unmut über die "ganze Richtung" zu formulieren: "Was bei Buber falsch ist, ist bei ihnen lächerlich, und was bei Buber - im Zusammenhang gesehen - richtig ist, wird bei ihnen in der Deutung aus zweiter Hand (sozusagen potenziert) zum Unsinn. Die Charlottenburger [d.i. Ernst Joels Siedlungsheim] beten Fichte an, hier betet man zu Buber", notiert er nach einem Besuch im September 1916 in sein Tagebuch. Und in einem Brief an Lehmann selbst verurteilt er dessen Verhalten in sprachschöpferischem Furor als "kugelrunde Unmoral". Hier packte Scholem sein Opfer erbarmungslos an dessen schwächster Stelle und ließ in seiner radikalen Kritik keinen Raum für die Anerkennung der Leistungen und Verdienste, die Lehmann mit der praktischen Arbeit im Volksheim tatsächlich erbrachte und erwarb, und die mit seinem Handeln in späteren Jahren bei der Rettung Jugendlicher in Kowno / Litauen und dann in Palästina bei der Errichtung des Jugenddorfes Ben Schemen 1927 eine eindrucksvolle Steigerung erfuhren. Schon Gustav Landauers Rede "Judentum und Sozialismus", gehalten anläßlich der Eröffnung des Volksheims, zeigt, dass auch ganz andere Impulse, Ansprüche und Vorstellungen mit dem Konzept Volksheim verbunden werden konnten. Für Landauer sollte das Volksheim ein Beispiel für "die Erneuerung der Völker aus dem Geiste der Gemeinde" werden. Nur durch neue gemeindliche Gruppierungen konnte dem "Zwangsregiment des Staates" und dem falsch verstandenen Sozialismus, dem "Polizeisozialismus", entgegengetreten werden. Hier sollte ein neuer Kern für eine Gemeinschaft entstehen, die ursprüngliche Regsamkeit und individuelle Eigenheit nicht erstickt, sondern zu neuer Kraft entwickelt und fördert. Für Landauer war jedoch diese Verwirklichung, anders als für Lehmann, nicht an einen bestimmten Raum - also auch nicht an Palästina - gebunden. Der erste 16-seitige Rechenschaftsbericht des Volksheims aus der Feder Lehmanns vom Dezember 1916 bezeugt, dass es dem Volksheim nicht vordringlich um geistige Erbauung und Selbstfindung ging, sondern die praktische Arbeit absolut im Mittelpunkt stand. Die ebenda abgedruckten Satzungen des Vereins nennen als Schwerpunkte die Einrichtung von Kinderspielstunden, die berufliche Ausbildung der heranwachsenden Jugend, insbesondere auf dem Gebiet des Handwerks und der Landwirtschaft, die Schaffung von Unterrichtsklassen in hebräischer Sprache, jüdischer Geschichte und Tradition - und erst dann gesellige Veranstaltungen für Erwachsene. Die Spielstunden für Drei- bis Sechsjährige wurden am Vormittag wie ein Kindergarten nach Fröbelschen und Pestalozzi- Grundsätzen mit ca. 25 Kindern abgehalten. Eine der Erzieherinnen stammte aus Palästina und sprach nur hebräisch mit ihren Zöglingen. Das Gewicht lag auf der Betreuung der Heranwachsenden beiderlei Geschlechts im Alter von sechs bis 15 Jahren an den Nachmittagen. In Gruppen von 15-25 Teilnehmern wurden etwa 250 Schüler, nach Geschlechtern getrennt, an handwerkliche Berufe herangeführt. Die Abende waren den geselligen und für die Außenwirkung des Volksheims wichtigen Anlässen und Veranstatungen Vorbehalten. Hier fanden die allgemeinen Diskussionsabende und andere kommunikative Begegnungen statt, durch die das Volksheim in der Literatur bekannt geworden ist. Laut dem Rechenschaftsbericht wurden diese durchschnittlich von 60 Teilnehmern besucht. Die im Volksheim betreuten Kinder und Jugendlichen wurden als "Besucher" bezeichnet, die Erzieherinnen und Lehrerinnen als "Helfer", die im übrigen ausnahmslos ehrenamtlich arbeiteten. "Mitglieder" wurden auf Beschluß des Vorstandes zum Beitritt aufgefordert und mußten einen Beitrag von drei Mark monatlich zahlen. Zu den "außerordentlichen Mitgliedern" rechnete man die "Helfer", die eine Mark monatlich entrichteten; ferner gab es die "Förderer" mit einem halbjährlichen Beitrag von mindestens 39 Mark und "unterstützende Mitglieder" mit mindestens zehn Mark halbjährlich. Die Satzung ebenso wie andere Grundsatzerklärungen spiegeln ein Bekenntnis zu demokratischen Strukturen wider, was auf der pädagogischen Ebene in antiautoritären Prinzipien und der Aufforderung zu Mitsprache und Eigeninitiative seinen Ausdruck findet. Sozialhygienische Grundsätze wie Körperpflege, Sport als Turnen, Schwimmen, Wandern, Spielen und Landarbeit auf eigenem, angemieteten Ackerland waren darüberhinaus untrennbarer Bestandteil des pädgogischen Konzeptes. Das Volksheim bestand insgesamt zwölf Jahre und entwickelte sich nach seiner anfänglich zionistisch inspirierten Aufbruchsphase nach 1923 hin zu einer etablierten Einrichtung jüdischer Sozialarbeit. Unter der Leitung von Siddy Wronsky und Friedrich Ollendorf wurde die Schaffung eines "Kreises jüdischer Sozialarbeiter" initiiert, der der jüdischen Sozialarbeit in ganz Deutschland wertvolle Impulse gab. In seiner letzten Phase wurden die Räumlichkeiten vom Jungjüdischen Wanderbund' [JJW] übernommen. Das Volksheim erhielt dadurch nochmals eine eigene zionistische Ausrichtung. Nach dem Urteil von Shalom Adler-Rudel hatte das 'Jüdische Volksheim' trotz seiner quantitativ geringen Ausbreitung und seiner relativ kurzen Existenz eine "geradezu schicksalhafte Bedeutung für Hunderte jüdischer Menschen". Zum Beweis für die Besonderheit des Phänomens führte er Franz Lichtensteins Zeugnis aus dem Jahre 1930 an, das hier erneut wiedergegeben sei: "Die Versuche, den Rahmen des Volksheims weiter zu spannen, aus dem Volksheim ein Volkshaus zu machen - in der Idee auch in späteren Jahren ständig propagiert - sind nicht geglückt. Wesentliches aber blieb: jene Verbindung von Ost und West, wie sie in Berlin inkeinem anderen ähnlich gearteten Kreis in gleicher Weise bestand." Innerhalb der zionistischen Vereinskultur gibt es keine Parallele zum 'Jüdischen Volksheim'. Es war eine an Ort, Zeit und Personen gebundene Erscheinung, die wiederzubeleben nirgendwo und zu keinem Zeitpunkt unternommen wurde. Kalonymos, 6. Jahrgang, 2003, Heft 3

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.