Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 2004
- Issue
- No. 76 (2004)
- Date
- 2004-01-01
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/7506414-7412094-7491877--547-7412106- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
12 .. ____ Das Jüdische Volksheim Mitten im Weltkrieg, am 18. Mai 1916, wurde im Berliner "Scheunenviertel", in der Dragonerstraße 22, das jüdische Volksheim gegründet, mit dem so prominente Namen wie Martin Buber, Gustav Landauer, Chaim Arlosoroff, Werner Senator, Erich Gutkind verbunden sind. Schon diese Namen machen deutlich, dass hier das Zuordnungskriterium "zionistisch" unscharf ist. In allen Darstellungen der Begegnung von Ost- und Westjudentum in Deutschland nimmt das Jüdische Volksheim einen wichtigen Platz ein, was der großen Beachtung entspricht, die es, zumindest in der jüdischen Öffentlichkeit, schon zu Zeiten seines nicht langen Bestehens (1916-1929) auf sich zog. Der Volksheim- Gedanke war eine Synthese aus mehreren Ideen und Motiven, eine Mischung aus Wohlfahrt, Pädagogik und Ideologie. Treffend hat Steven Aschheim ihn als ein "Amalgam von praktischer Sozialarbeit und mitunter naivem kulturellem Experimentieren" charakterisiert. In das Vereinsregister am 7. Juli 1916 amtlich eingetragen, ist das Volksheim keinem der anderen im Buch (Barbara Schäfer: Berliner Zionistenkrise. Eine vereinsgeschichtliche Studie, Berlin 2003) vorgestellten Vereine im Konzept oder in der Wirkung vergleichbar, bleibt ein Phänomen sui generis, dessen Wirksamkeit in umgekehrtem Verhältnis zu seiner Definierbarkeit steht. Den rechtlichen Status des "eingetragenen Vereins" scheint man aus Mangel an Alternativen bzw. aus sozialer Gewohnheit angenommen zu haben. Das Leitmotiv des Volksheims war der Austauch zwischen Ost und West, und hieraus erwuchs seine tatsächliche Bedeutung. Das Volksheim wurde von westlichen Juden im östlichen Proletarierviertel Berlins, wo arme Flüchtlinge aus Polen, Galizien und Rußland Zuflucht gefunden hatten, eingerichtet. Hauptinitiator war Siegfried Lehmann, seinerzeit Medizinstudent, der in der jüdischen Studentenschaft als "Kulturzionist" sehr bekannt war und zu dem sozialpolitisch ausgerichteten Flügel der ."Freien Studentenschaft", in dem auch Walter Benjamin engagiert war, enge Beziehungen pflegte. Dort fand er sein Vorbild in Ernst Joel, dem Gründer des "Siedlungsheims Charlottenburg". Auch Martin Buber hatte sich an den Vorbereitungen für die Gründung des Volksheims aktiv beteiligt, bevor er von von Barbara Schäfer Berlin nach Heppenheim zog. Buber stellt seine neue Zeitschrift 'Der Jude' zur Verfügung, die für Lehmann (alias Salomon Lehnert) ein wirksames Sprachrohr wurde und ein Instrument, um seine Ideen in die Öffentlichkeit zu bringen. Seinem dort veröffentlichten Artikel 'Jüdische Volksarbeit' lassen sich die Grundlinien des Konzeptes entnehmen. Gründer des Jüdischen Volksheims waren "Studenten und Frauen", eine schon wegen dieser Kombination bemerkenswerte Voraussetzung. Als "Arbeitsgebiete" zählt Lehmann auf: Jugenderziehung, Fürsorge für die Schulentlassenen, Gemeinschaftsleben der Erwachsenen, Jüdisches Abendheim, allgemeine soziale Hilfeleistungen. Vorbild sei zwar die im Charlottenburger "Siedlungsheim" praktizierte Idee des "settlement", d.h. die Niederlassung Gebildeter im Proletarierviertel zwecks sozialer Arbeit, doch müsse deren vollkommene Realisierung unter den gegebenen Kriegsbedingungen ein nachgeordnetes Ziel bleiben. Zweifellos entsprach dieser settlement-Gedanke dem aus Rußland bekannten Slogan des "narodnaja wolja", dem "ins Volk Gehen" einiger Intellektueller der achtziger Jahre, was Lehmann hier zwar nicht erwähnt, worauf aber an vielen anderen Orten verwiesen wird. Das physische Zusammenleben ist dabei das wesentliche Merkmal, wodurch sich diese Sozialarbeit von der herkömmlichen Philanthropie unterscheidet, denn nur so kann nach dem Konzept des Volksheims wirkliche Gemeinschaft wachsen. Diese Gemeinschaft stand bei Lehmann im Zeichen der nationalen Erneuerung, und zwar einer Erneuerung durch die "Verbesserung des Herzens" im Sinne von Achad Haam. Diese Arbeit sollte "eine andere jüdische Großstadtgeneration" entstehen lassen, "ein starkes Golus- Judentum, dessen ethisches Niveau ein wahrhaft nationales Handeln ermöglicht". Erneuern sollten sich jedoch nicht nur die Ostjuden, sondern auch die Westjuden, unter denen Lehmann sowohl den "zufriedenen und kalten Bourgois" wie auch den "durchgebildeten, geschulten Zionisten und Agitatoren" ins Visier nimmt, die "von dem Wahne befallen sind, Massen bewegen zu müssen, und die eine Tat nicht allein nach dem Umfang werten [sollten?], auf den sich die Wirkung der Tat erstreckt, sondern nach der Unbedingtheit, in der sie geschieht". Durch settlement-Arbeit werde so auch aus dem korrumpierten Westjuden ein wahrer Zionist. Den Briefen Franz Kafkas an seine Verlobte Felice Bauer vom Juli bis November 1916 läßt sich entnehmen, dass Lehmann hier ein Grundbedürfnis nicht nur der "postassimilatorischen Zionisten", sondern auch der ihnen nahestehenden Kreise erspürt hatte. Nachdem Kafka Felice Bauer darin bestärkt, ja sie geradezu drängt, so viel freie Zeit wie möglich im Volksheim zu verbringen, schreibt er über den Lohn dieses Engagements: "Es ist auch eine der eigennützigsten Angelegenheiten. Man hilft nicht, sondern sucht Hilfe, es ist aus dieser Arbeit mehr Honig herauszuholen als aus allen Blumen und Marienbader Wäldern." Er wollte Felice Bauer sogar unbedingt den anfallenden Mitgliedsbeitrag bezahlen, weil er glaubte, dass ihr aus dem Volksheim prägende Anstöße zukommen könnten, die ihr fehlten, die er ihr aber nicht zu geben vermochte. "Es ist, so viel ich sehe, der absolut einzige Weg oder die Schwelle des Weges, der zu einer geistigen Befreiung führen kann. Und zwar früher für die Helfer, als für die, denen geholfen wird." Felice Bauer übernahm im Volksheim die literarische Ausbildung einer Mädchengruppe und tauschte sich darüber intensiv mit Franz Kafka aus. Er beriet sie bei der Auswahl der Lektüre und schickte ihr wiederholt Buchpakete für den Aufbau der dortigen Jugendbibliothek. Ein Referat Felices, das sie über F.W.Foersters 'Jugendlehre. Ein Buch für Eltern und Geistliche' im Kreis der Helferschaft vorzutragen hatte, bereitete er von Prag aus sorgfältig mit ihr vor. Hinsichtlich der zionistischen Ausrichtung, die ihm persönlich im Zusammenhang mit dem Volksheim unwichtig war, der gegenüber Felice Bauer aber anfänglich Vorbehalte hatte, beruhigte er sie noch vor ihrem Beitritt mit folgenden, aufschlußreichen Bemerkungen: "Jedenfalls mußt Du Dich vor dem Volksheim wegen des Zionismus, den Du nicht genügend kennst, nicht fürchten. Es kommen durch das Volksheim andere Kräfte in Gang und Wirkung, an denen mir viel mehr gelegn ist. Der Zionismus, wenigstens in einem äußeren Zipfel, den meisten lebenden Juden erreichbar, ist nur der Eingang zu dem Wichtigeren." Diese Beobachtung zumzionistischen Charakter des Volksheims erfasst und trifft instinktsicher den diffusen intellektuellen Erwartungshorizont vieler jener Berliner Juden, die sich anfangs im (Fortsetzung auf Seite 13)