Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 2004
- Issue
- No. 76 (2004)
- Date
- 2004-01-01
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
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Autor: "Die Welt" 23.11.03 Botschaft aus dem Jenseits Nach über 60 Jahren ist eine Flaschenpost wieder aufgetaucht. Sie dokumentiert eine verzweifelte Flucht vor den Nazis Der Brite John Moore wußte zunächst nicht, welchen außergewöhnlichen Fund er gemacht hatte. Der 67-jährige Schriftsteller hatte auf dem Trödelmarkt in dem englischen Ort Bath für ein Pfund das Buch "Die Reise der Verdammten" erstanden und darin einen Zettel gefunden. "Bitte helfen Sie uns, Präsident Bru. Oder wir sind verloren", stand da auf Deutsch in krakeliger Schrift. Der dramatische Hilferuf war 64 Jahre alt. Experten von Sotheby's haben das Papier geprüft und für echt befunden. Verfasst worden war er von dem deutschen Juden Richard Dresel im Jahr 1939. Der damals 42-jährige Textilfabrikant aus Breslau war einer von über 900 Flüchtlingen, die am 13. Mai 1939 an Bord des Hapag-Lloyd-Dampfers "St. Louis" von Hamburg aus in Richtung Kuba aufbrachen. Von Kuba sollte es weiter in die USA gehen. Mit an Bord waren auch Dresels Frau und seine sechs Monate alte Tochter Zilla. Das Ticket in die Freiheit - es wurde zur "Reise der Verdammten", einer dramatischen Odyssee. Denn die kubanische Regierung verweigerte den Flüchtlingen die Einreise, obwohl diese zuvor für viel Geld Touristenvisa für das Land erworben hatten. Tagelang ankerte das Schiff vor der Küste Kuba, während die Verzweiflung an Bord wuchs. Mit einer Flaschenpost an den kubanischen Präsidenten versuchten Dresel und seine Mitreisenden, doch noch an Land zu gelangen. Vergeblich. Auch in den USA, dem nächsten Ziel, wurde die "St. Louis" abgewiesen. Am Ende musste sie wieder Kurs auf Europa nehmen. Nach zähen Verhandlungen durfte das Schiff am 16. Juni 1939 in Antwerpen anlegen. Seine Passagiere wurden von Holland, Belgien, Großbritannien und Frankreich aufgenommen. Richard Dresel und seine Familie kamen nach England, bauten sich dort eine neue Existenz auf. von Christiane Larendt Das dramatisch Schicksal der "St. Louis" diente später als Vorlage für einen Film und ein Buch - genau jenes Werk, das der Schriftsteller John Moore beim Trödler fand. Wie die Flaschenpost aus den Gewässern vor Kuba nach England gelangte, und wer den Zettel mit dem Hilferuf in das Buch hineingelegt hat, bleibt ein Rätsel. Für Zilla Coorsh war die Nachricht vom Zettelfund wie eine Botschaft aus dem Jenseits. Die Tochter von Richard Dresel lebt inzwischen in Gosforth bei Newcastle. Ihr Vater starb 1978 im Alter von 82 Jahren, ihre Mutter erst vor wenigen Wochen. "Meine Eltern haben mir nicht sehr viel von der Reise damals erzählt", sagt die heute 65-Jährige. "Nur so viel, dass wir verstanden, wie wir letzten Endes in England gelandet sind. Ich glaube, sie haben versucht, es zu verdrängen, weil es zu aufwühlend war", sagt Coorsh. Die lebenslustige Rentnerin, selbst Mutter von drei Kindern, versucht zu erklären: "Ich wollte auch nicht fragen, da es vielleicht schmerzliche Erinnerungen hätte wecken können." Jetzt, wo beide Eltern tot sind, bereut sie es, "nicht nachgefragt zu haben". Da sie damals noch ein Baby war, hat sie selbst keinerlei Erinnerung an die dramatische Überfahrt mehr. Aber sie ist sich sicher, dass ihre Eltern und sie damals einen besonderen Schutzengel hatten. "Die Familien wurden alle auf die verschiedenen Länder zwangsaufgeteilt. Meine Eltern waren die Einzigen, die nicht aufgerufen wurden. Also suchten sie sich - glücklicherweise - England aus. Denn viele Juden, die damals auf die anderen Länder verteilt wurden, wurden durch die vorrückenden Nazis von neuem verfolgt", erklärt Coorsh. Fast die Hälfte der St.- Louis-Passagiere starb später in Konzentrationslagern; manch einer bereits während der strapaziösen Überfahrt. Die Dresels landeten am 21. Juni 1939 in England und ließen sich im Nordosten des Landes nieder, wo Richard Dresel eine Kette von Bekleidungsgeschäften aufbaute. Zilla Coorsh, die inzwischen die englische Staatsbürgerschaft hat, hofft jetzt, dass Flaschenpost-Finder Moore ihr die Original- Nachricht ihres Vaters überlässt: "Das wäre mein innigster Wunsch." Zum Abdruck gebracht von Jochai Goren, Beth Yizchak. f Reinfelder, Georg: MS St. Louis Frühjahr 1939. Die Irrfahrt nach Cußa. Kapitän Gustav Schroeder rettet 900 deutsche Juden vor dem Zugriff der Nazis. Am 13. Mai 1939 fuhr die MS St. Louis mit über 900 Juden von Hamburg in Richtung Kuba. Wenigen Passagieren wurde die Landung erlaubt und auch die USA wies das Schiff ab. Kapitän Gustav Schroeder bekam die Order, die Rückfahrt anzutreten. Indem er seine Passagiere in letzter Minute in Antwerpen an Land gehen ließ, rettete er sie vor der Deportation ins Konzentrationslager. Angeregt durch das Erinnerungsbuch von Gustav Schroeder, 1949 erschienen, hat Georg Reinfelder über zwei Jahrzehnte Dokumente und Erinnerungen der Besatzungsmitglieder und ihrer Passagiere zusammengetragen, Archive und Nachlässe ausgewertet. Erstmals wird hier die authentische Namensliste zur Verteilung in Antwerpen und bisher unbekannte Zeugnisse vorgestellt. S,_>