Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 2004
- Issue
- No. 76 (2004)
- Date
- 2004-01-01
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Formen jüdischer Vergemeinschaftung in Breslau (Fortsetzung von Seite 7) Tatsache, daß die Maskilim in ihren Vorhaben häufig auf staatliche Unterstützung rechnen konnten. Wichtiger im vorliegenden Zusammenhangist jedoch, daß sich im ausgehenden 18. und beginnenden 19. Jahrhundert h e ra u s b i I d e n d e n unterschiedlichen religiösen Strömungen den entscheidenden Impuls zur Entstehung eines modernen jüdischen Vereinswesens darstellten. Zwar gingen die ersten Gründungen von reformorientierten Gemeindemitgliedern aus, doch blieben diese nicht auf diesen kleinen Kreis beschränkt, sondern zogen sehr rasch Gegengründungen im Lager der an der Überlieferung festhaltenden bzw. für moderate Reformen eintretenden Gemeindeangehörigen nach sich. In Breslau etwa wurden nur wenige Zeit nach der Gründung der "Gesellschaft der Brüder", nämlich 1791, die "Schochre hatob" ("Gesellschaft zur Beförderung des Guten"), später in "Zweite Brüdergesellschaft" umbenannt, und 1811 die "Dritte Brüderesellschaft" ("Ahabat Reim") ins Leben gerufen. Gleichzeitig vollzog auch die Chewra Kadischa einen grundlegenden Wandlungsprozeß: Aus der ehemals fest in der Tradition verankerten, religiös legitimierten und sozial exklusiven Vereinigung entwickelte sich eine allen Mitgliedern der Gemeinde offen stehende, in religiösen Fragen neutrale Organisation, deren wohltätige Aktivitäten sich in enger Kooperation mit der Gemeindeverwaltung gestalteten. Dieser Transformationsprozeß bildete eine der wesentlichen Voraussetzungen dafür, daß sich die Chewra Kadischa als dominante Form kollektiver karitativer Betätigung in den jüdischen Gemeinden bis in das 20. Jahrhundert hinein erhielt. In Gemeinden wie Breslau oder Königsberg waren sie seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die führenden und mitgliederstärksten jüdischen Vereinigungen. Die bisher erwähnten Vereine entfalteten ihre Wirksamkeit in Bereichen des sozialen Lebens, die sich ausschließlich innerjüdischen Belangen widmeten und für die es in der nichtjüdischen Gesellschaft somit auch keine entsprechenden Organisationen gab, in denen sich Juden für diese Zwecke hätten engagieren können. Dies gilt sowohl für die Chewra Kadischa als auch für die aufklärungsorientierten Vereine, deren Ziel eine Reform der jüdischen Gesellschaft war. Zwischen letzteren und nichtjüdischen Aufklärern in der Stadt bestanden zwar gesellige und informelle Kontakte, und vereinzelt kam es auch, wie im Falle der Königlichen Wilhelmsschule, zu gemeinsamen Projekten; von der institutionellen Struktur der aufgeklärten Vereine und Kreise blieben Juden aber in Breslau ebenso wie in anderen deutschen Städten zu dieser Zeit ausgeschlossen. Es gibt zwar Hineise darauf, daß einzelne nichtjüdische Breslauer Vereine und Organisationen in den ersten zwei Jahrzehnten nach der Jahrhundertwende Juden den Zugang zumindest zeitweise gewährten. Daß das jedoch eine keineswegs übliche Praxis war und rasch wieder rückgängig gemacht werden konnte, läßt sich am Beispiel der 1821 gegründeten "Gesellschaft der Freunde" zeigen. Ihre Gründer, die Breslauer Juden Henry Melford und Joel Bernard, waren Mitglieder einer "Tabagie", die vor allem von Studenten, jungen Kauflteuten und Militärs besucht wurde. Als jedoch bekannt wurde, "daß sie jüdischer Confession seien [...], war ihnen trotz Benehmen, Bildung und Beliebtheit der Zutritt zu jedem Tische versagt". Als Reaktion auf ihren Ausschluß gründeten Melford und Bernard daraufhin die "Gesellschaft der Freunde", einen Verein, der sich vor allem der Geselligkeit unter seinen Mitgliedern, aber auch der Wohltätigkeit widmete. Die "Gesellschaft der Freunde" entwickelte sich sehr bald nach ihrer Gründung zu einem der wichtigsten jüdischen Vereine in der Stadt, der im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert einen Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens der Breslauer Juden bildete. Im Kaiserreich bewegte sich die Zahl der Mitglieder zwischen 500 und 700, die in ihrer überwiegenden Mehrheit Kaufleute waren, in steigender Zahl aber auch Angehörige akademischer Berufe. Geselligkeit, Wohlfahrtspflege und Reformen im jüdischen Kultus waren die zentralen Motive bei den ersten Gründungen jüdischer Vereine in Breslau. Die Ausübung von Wohltätigkeit stand auch bei den traditionellen Vereinigungen in Verbindung mit geselligen Aktivitäten (Brudermahl, Jahresfest, etc.) im Mittelpunkt ihrer Tätigkeit; seit dem ausgehenden 18. bzw. dem frühren 19. Jahrhundert jedoch, und das war neu, gründeten sich Vereine, deren Hauptzweck das gesellige Zusammensein ohne jegliche weitere, religiöse Zielsetzung war, auch wenn die soziale Fürsorge (primär gegenüber den eigenen Mitgliedern) Bestandteil ihrer Aktivitäten blieb. Gesellige Vereine wie die "Gesellschaft der Freunde" entstanden aus dem Bedürfnis heraus, sich in ähnlichen Vereinigungen, wie sie sich unter weitgehend bürgerlichen Nichtjuden etablierten, zusammenzuschließen und zu vergemeinschaften - zumal ihnen als Juden der Zugang zu den nichtjüdischen Vereinen in der Regel versperrt war. Daß es sich bei der "Gesellschaft der Freunde" um eine Parallelgründung handelte, wird nicht zuletzt daran deutlich, daß sie in ihren Aufnahmebestimmungen keinerlei Beschränkungen hinsichtlich der konfessionellen Zugehörigkeit ihrer Mitglieder vornahm, auch wenn diese ausschließlich Juden waren. Im Hinblick auf die weitere Entwicklung innerhalb der jüdischen Gemeinde wichtiger und folgenreicher waren jedoch die Aktivitäten der in Breslau in der "Gesellschaft der Brüder" organisierten Befürworter einer Reform des Kultus, die sehr rasch nach der Gründung der Gesellschaft ihre Aktivitäten auf die Institutionen und Vereinigungen innerhalb der Gemeinde konzentrierten. Bestärkt durch ihre erfolgreichen Aktivitäten in der Auseinandersetzung um die frühe Beerdigung sowie der 1791 erfolgten Eröffnung einer Reformschule suchten sie nach der Jahrhundertwende die von ihnen angestrebte Reform des Gottesdienstes in der Gemeinde durchzusetzen. Die Auseinandersetzungen um dieses Vorhaben bestimmten in einschneidender Weise das Leben innerhalb der Breslauer jüdischen Gemeinde in den dreißiger und vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts. III. Erste Schritte in Richtung auf eine Reform des Gottesdienstes hatte die Gesellschaft der Brüder bereits kurz nach ihrer Konstituierung mit der Eröffnung einer eigenen Betstube unternommen, sollte doch - den Vorstellungen der Gründer der Gesellschaft zufolge - die angestrebte Erneuerung des Judentums zuerst und vor allem in der Synagoge beginnen. Schon in der "ersten Andachtsstätte der Gesellschaft" wurden daher, wie der Chronist der Gesellschaft, Marcus Brann 1880 schrieb, "das Durcheinanderschwirren der betenden Stimmen und die Lebhaftigkeit orientalischer Gestikulation, welche auf deutschem Boden stets befremdlich und abstoßend erscheinen mußten, [...] mit Energie bekämpft und unterdrückt”. Diese Bestrebungen beschränkten sich anfangs weitgehend auf den Kreis der Mitglieder der Gesellschaft, doch schon bald suchten die Breslauer Reformanhänger ihr Modell eines (Fortsetzung auf Seite 15) *:'W*x*x*x*x*x*>S'