Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 2004
- Issue
- No. 76 (2004)
- Date
- 2004-01-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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6 . . _ .^ _.. Formen jüdischer Vergemeinschaftung; in Breslau (Fortsetzung von Seite 5) nichtjüdischer Vereine, so zielten ihre Aktivitäten häufig auf Bereiche de sozialen Lebens, die außerhalb des Interesses und des Einflusses nichtjüdischer Vereine lagen. Charakteristisch etwa für die Programmatik und Praxis der ersten, im ausgehenden 18. Jahrhundert entstehenden jüdischen Vereine war - neben den traditionellen Zielen wie Wohltätigkeit und Geselligkeit - vor allem eine Reform des Gottesdienstes, die Vermittlung und Verbreitung säkularer Bildung und eine umfassende Erneuerung jüdischen Lebens. Damit griffen sie radikal in das Gefüge des traditionellen jüdischen Gemeindeverbandes ein, der im 19. Jahrhundert einen grundlegenden Wandlungsprozeß von einer ursprünglich sämtliche Bereiche des sozialen Lebens regelnden Einrichtung hin zu einer auf die Regulierung des Kultuswesens beschränkten Organisation durchlief. Das sich entfaltende Vereinswesen stellte in doppelter Hinsicht einen zentralen Faktor innerhalb dieses Transformationsprozesses dar, kam ihm doch innerhalb dieses - häufig als krisenhaft empfundenen - Prozesses einerseits eine auslösende Funktion zu, während es gleichzeitig auch Tätigkeitsbereiche integrierte, die bis zu diesem Zeitpunkt von den Gemeindeverwaltungen erfüllt wurden. Diese binnenstrukturelle Wirksamkeit jüdischer Vereine in Deutschland soll im folgenden am Beispiel der Breslauer Juden analysiert werden. Gezeigt werden soll, wie sich durch das Auftreten neuer Vereine das Leben in der Breslauer Gemeinde nachhlatig veränderte und sich eine vor allem durch zahlreiche Vereine getragene jüdische Öffentlichkeit herausbildete, die kontrovers über Fragen der Religion und des Glaubens, des Verhältnisses zur eigenen Überlieferung und Tradition und des nationalen bzw. kulturellen Selbstverständnisses verhandelte. Die Herausbildung dieser Öffentlichkeit war begleitet von einer tiefgreifenden Krise des Gemeindeverbandes, die erst in den fünfziger Jahren des 19. Jahrhunderts durch dessen Neukonstituierung beendet wurde. In der Folgezeit bildete sich ein arbeitsteiliges Zusammenwirken zwischen Gemeinde und Vereinen heraus, innerhalb dessen die Gemeinde ihre Tätigkeit weitgehend auf Kultusangelegenheiten beschränkte. Damit hatte sich in der Breslauer Gemeinde ein Modell von Gemeindeorganisation herausgebildet, das für zahlreiche deutsch-jüdische Gemeinden als Vorbild diente. Das Ziel des Beitrages ist es, die zentrale Rolle des Vereinswesens im Prozeß der Neuformierung und Transformation jüdischer Gemeinden in Deutschland im Gefolge der Emanzipation herauszuarbeiten. Argumentiert wird hierbei entlang der wesentlichen Entwicklungsstufen dieses Transformationsprozesses, wie sie sich am Beispiel der Breslauler jüdischen Gemeinde zeigen lassen. Zu Beginn soll am Beispiel der Breslauer Chewra Kadischa der traditionelle Vereinstyp, wie er in den jüdischen Gemeinden über Jahrhunderte existierte, krurz charakterisiert werden (I). Im Anschluß hieran werden die ersten und wichtigsten modernen jüdischen Organisationen, die sich in Breslau in den Jahrzehnten um die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert konstituierten, vorgestellt und besonders im Hinblick auf ihre transformierende Wirkung hin analysiert (II). Eine Zäsur in der Geschichte der Breslauer jüdischen Gemeinde stellten die vierziger Jahre des 19. Jahrhunderts dar, als der Gemeindeverband infolge eines Steuerboykotts in eine tiefgreifende Krise geriet. Im Verlaufe dieser krisenhaften Entwicklung kam den Vereinen in der Stadt eine wachsende Bedeutung zu, die ihre Rolle im Leben der Gemeinde auch über diese Auseinandersetzungen hinaus langfristig stärkte (III). Schließlich sollen die organisatorischen Entwicklungen und Bestrebungen seit den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts in den Blick genommen werden, da zu diesem Zeitpunkt eine Reihe neuartiger Vereine und Organisationen entstand, die eine Reaktion auf den zunehmenden Antisemitismus im Kaiserreich, aber auch Ausdruck eines sich verändernden Selbstverständnisses der deutschen Juden waren (IV). I. Vereinigungen zum Zwecke der religiösen Bildung, der Ausübung von Wohltätigkeit und der Leichenbestattung waren integrale Bestandteile der traditionellen jüdischen Gemeinde. Zu den wichtigsten Einrichtungen dieser Art gehörte die Chewra Kadischa (Heilige Vereinigung), die sich vor allem um das Beerdigungswesen, häufig aber auch um weitere Zweige der Armen- und Wohlfahrtspflege in den jüdischen Gemeinden kümmerte. Es handelte sich hierbei um freiwillige Zusammenschlüsse, deren religiös-soziale Zielsetzungen und Aktivitäten sich im Einklang mit den von der "heiligen Gemeinde" vertretenen Normen und Werten befanden. Dies bedingte auch eine weitgehende Autonomie und Unabhängigkeit dieser Vereinigungen, die in den von ihnen getragenen Bereichen der Wohlfahrtspflege und des B e s t a 11 u n g s w e s e n s alleinige Entscheidungskompetenz besaßen. Aufgrund ihrer religiösen und sozialen Aktivitäten genossen die Chewrot in den Gemeinden ein hohes Ansehen, und ihre Mitglieder rekrutierten sich in der Regel aus der sozialen Elite der jeweiligen Gemeinde. Existenz und Funktionsweise ,x-x,X‘X-x,x-x,xoxo,X‘X‘XvX‘X‘X,x,x-x,xw!ox,;*x<v:>x,X‘X'XwX‘X-Xvx-x-x-x-X'X,x-:yx¥X'X‘;WSC‘;'i';'A';'&¥ der Chewrot, deren Bestehen in Mitteleuropa seit dem 16. Jahrhundert nachweisbar ist, waren Ausdruck des separaten korporativen Status der Judenim Ancien Regime. Auch in Breslau war noch vor der formelen Zulassung eines Gemeindeverbandes eine Chewra Kadischa 1726 gegründet worden, die damit zu den fünf ältesten Vereinen überhaupt in der Stadt zählte. Über ihre Aktivitäten in den ersten zwei Jahrzehnten ihres Bestehens ist wenig bekannt; einen Aufschwung erlebten diese erst nach 1744, als gleichzeitig mit der Gründung einer Gemeine diese das Recht zur Errichtung eines Friedhofes und eine Hospitals erhielt. In der Folgezeit erwarb die Chewra - und nicht die Gemeinde - sowohl einen Friedhof als auch ein Gebäude, in dem sie ein Hospital einrichtete. Damit unterstand ihr das gesamte Bestattungswesen sowie die innergemeindliche Krankenpflege; hinzu kamen außerdem noch verschieden Formen der Armenunterstützung, die die Chewra in Ergänzung zu der gemeindlichen Armenpflege verteilte. Diese Ausweitung des Tätigkeitsbereiches war kennzeichnend für die Entwicklung vieler Chewrot in dieser Periode. Ursprünglich als Beerdigungs-Brüderschaft oder - wie in Breslau - als Krankenpflegeverein gegründet, wurden ihnen sehr rasch weitere Bereiche der jüdischen Wohlfahrtspflege zugeordnet, so daß in vielen Gemeinden wesentliche Bereiche des innergemeindlichen Lebens den Chewrot unterstanden. Die Zuständigkeit für zentrale Bereiche des Gemeindelebens verlieh den Vereinigungen den Charakter einer religiös legitimierten Autorität, denen in strittigen Fragen weitgehende Entscheidungsbefugnisse zukamen. So finden sich in den Akten des Breslauer Magistrats mehrfach Schreiben, in denen der Vorstand der Chewra darauf hinweist, daß er dem Ältesten der Gemeinde in keiner Weise rechenschaftspflichtig sei - ein erster Hinweis darauf, daß die Autonomie der Chewra in dieser Phase nicht mehr ohne weiteres selbstverständlich war. Im Hinblick auf die Kompetenzverteilung zwischen Gemeinde und Chewra hat daher J.R. Marcus, Autor eines Standardwerkes über jüdische Armen- und Krankenpflage in Deutschland, die Chewrot als "semiprivate, sick benefit, religious brotherhood" bezeichnet, die aufgrund ihrer breitgestreuten Aktivitäten und Verantwortlichkeiten, wenngleich in hohem Grade autonom, fest in die sozialen und administrativen Strukturen der Gemeinde eingebunden waren. Enge personelle Verflechtungen zwischen den Gemeinde- und Chewra-Vorständen waren bis weit in (Fortsetzung auf Seite 7)