Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 2004
- Issue
- No. 76 (2004)
- Date
- 2004-01-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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5 Gemeinde und Verein. Formen jüdischer Vergemeinschaftung im Breslau des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts ln seinen Erinnerungen beschreibt der Breslauer Studienrat und Historiker Willy Cohn ein Fest im Hause seiner Eltern anläßlich der Bar Mizwa seines Bruders im Jahre 1894:"Bei diesem Fest [...] strömten die Menschen in einer ganz bestimmten Ordnung in die Wohnung. In der guten Stube betraten sie die Wohnräume, luden die Geschenke ab, was für die beteiligten Jungens natürlich die Hauptsache war, und wurden dann in die anderen Räume geleitet [...]. Es muß ein riesiger Personenkreis gewesen sein. Es waren nicht nur mehrere Familien, sondern auch die vielen Gesellschaften und Vereine, in denen der jüdische Bürger von damals verkehrte: die "Gesellschaft der Freunde", die verschiedenen Brüdergesellschaften, der Kegeklub und alle die unzähligen Wohltätigkeitsvereine, in denen der Vater war. Ich glaube kaum, daß er einen ausgelassen hat." Willy Cohn selbst war später als Student bzw. Erwachsener aktives oder passives Mitglied in zahlreichen Breslauer Vereinen und Organisationen. In seinen Erinnerungen geht er zum Teil ausführlich ein auf seine Aktivitäten im "Akademisch- Medizinischen Vereine", im "Humboldtvertein", im "Verein für Geschichte Schlesiens", in der "Schlesischen Gesellschaft für vaterländische Cultur", im jüdisch-liberalen Jugendbund (Mi), der SPD, der"Arbeitsgemeinschaft sozialistischer Lehrer", dem jüdischen Schulverein, der "Lessing-Loge", der "Gesellschaft der Freunde", der "Historischen Gesellschaft zu Berlin", der zionistischen Ortsgruppe und dem "Verein Jüdisches Museum zu Breslau". Cohns vielfältiges Engagement in dem vorwiegend städtischen Vereinswesen Breslaus steht hier exemplarisch für viele deutsche Juden, die ähnlich wie ihre nichtjüdischen Mitbürger im 19. Jahrhundert von einer wahren "Vereinsleidenschaft" erfaßt wurden. Diese Leidenschaft beschränkte sich nicht, auch das zeigen Cohns Erinnerungen, auf das jüdische Vereinswesen, sondern Juden waren von Andreas Reinke sowohl in allgemeinen als auch in jüdischen Vereinen aktiv. In mehrfacher Hinsicht stellte das Engagement von Juden in beiden Bereichen organisierter Geselligkeit einen zentralen Bestandteil deutschjüdischer Existenz seit Beginn der Emanzipation dar: Zum einen läßt sich die Beteiligung von Juden an bzw. deren Exklusion aus dem allgemeinen Vereinswesen lesen als ein Indikator für ihre Integration in - vorwiegend liberal geprägte -Teilbereiche der nichtjüdischen Gesellschaft. Zum anderen bildete das jüdische Vereinswesen - und auf dieses konzentrierten sich die folgenden Ausführungen - eine zentrale Form innerjüdischer Vergemeinschaftung im Gefolge der Emanzipation, die neue Formen des Gruppenzusammenhalts unter den Bedingungen zunehmender rechtlicher Gleichstellung und damit verbundener Assimilationserwartungen seitens der nichtjüdischen Umwelt schuf und Ausdruck eines sich verändernden Selbstverständnisses der deutschen Juden war. Die Entstehen und Herausbildung des jüdischen Vereinswesens in Deutschland vollzog sich in zeitlich ähnlichen Schritten wie die des nichtjüdischen Vereinswesens. Sieht man einmal von den traditionellen Zusammenschlüssen zum Zwecke der Beerdiung und des religiösen Studiums ab, entstanden die ersten jüdischen Vereine in den letzten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts. Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts nahm die Zahl der Neugründungen kontinuierlich zu und erreichte in der zweiten Hälfte und hier besonders im letzten Viertel des Jahrhunderts sowie in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg seinen Höhepunkt. Zu konstatieren ist also eine zunehmende Verdichtung der Vereinsaktivitäten im Laufe des 19. Jahrhunderts. Um 1906 gab es im Deutschen Reich rund 5.000 jüdische Vereine, von denen etwa 4.000 ausschließlich auf lokaler Ebene tätig waren. Die an diesen Zahlen deutlich werdenden verschiedenen Perioden jüdischer Vereinsgründungen reflketieren die unterschiedlichen externen und internen Faktoren, die diesen Prozeß der zunehmenden inne r j üdischen Vergemeinschaftung beeinflußt haben. Bis in den Vormärz hinein blieb Juden - nach einer kurzen Phase der Öffnung in den letzten Jahren des ausgehenden 18. sowie den ersten Jahren des 19. Jahrhunderts - der Zutritt zu allgemeinen Vereinen in der Regel verwehrt. Ihrem Bedürfnis nach Integration, und dies hieß auch den Wunsch nach Zugehörigkeit zum bürgerlichen Assoziationswesen, verliehen Juden dort, wo ihnen der Zugang versperrt blieb, dadurch Ausdruck, daß sie parallele Organisationen und Vereine gründeten, um auf diese Art an den Kommunikationsformen der bürgerlichen Öffentlichkeit zu partizipieren. Nach der Jahrhundertmitte nahmen vor allem im kommunal-städtischen Kontext aktivemeine Vereine auch Juden auf. Allerdings ging diese Öffnung des allgemeinen Vereinswesens nicht einher mit einem Rückgang des jüdischen Vereinswesens, im Gegenteil, dieses expandierte sogar stärker als in den Phasen zuvor und erreichte im Kaiserreich seinen Höhepunkt. Es reicht also nicht, wie dies in der Forschungsliteratur häufig geschieht, die Gründung jüdischer Vereine lediglich in Abhängigkeit von den Inklusions- bzw. ausschließenden Verhaltensformen der nichtjüdischen Gesellschaft zu analysieren. "Die Juden", so kommentiert Shulamit Volkov die organisatorischen Bestrebungen im Kaiserreich, "waren seit etwa 1880 weniger abhängig von den wechselnden Stimmungen der Nichtjuden, selbstsicherer und herausfordernd". Neben dem wachsenden jüdischen Selbstbewußtsein spielte aber noch ein weiterer Faktor eine entscheidende Rolle, der nicht erst in der zeitweise antisemitisch aufgeladenen Atmosphäre des Kaiserreichs wirksam wurde, sondern die Entwicklung des jüdischen Vereinswesens im gesamten 19. Jahrhundert nachhaltig geprägt hat: Orientierten sich die jüdischen Vereine in ihren Kommunikationsformen und Organisationsstrukturen an dem Vorbild (Fortsetzung auf Seite 6)