Mannheim
Compact Memory

Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 2004-01-01 · No. 76 (2004) · p. Seite 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
2004
Issue
No. 76 (2004)
Date
2004-01-01
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/7506414-7412094-7491877--539-7412098
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

13 entity mentions

Waren die Juden in Breslau zu Hause?? 1 (In Breslau zu Hause? ~ Juden in einer mitteleuropäischen Metropole der Neuzeit - hersg. f von Manfred Hettling, Andreas Reinke, Norbert Conrads, Dölling und Galitz Verlag) Andreas Reinke ist für die Leser unserer Zeitung kein Unbekannter. Seine tiefschürfenden Forschungen über das jüdische Krankenhaus und andere soziale Institutionen der jüdischen Gemeinde in Breslau sind in unserer Zeitung mehrfach gewürdigt worden. Heute liegt vor uns eine Anthologie diverser Forschungen von Historikern, welche verschiedene Seiten und Epochen behandeln. Der Titel des Buches "In Breslau zu Hause?" ist mehr als berechtigt. Die Betonung liegt gerade auf dem Fragezeichen. Nach dem Lesen des Buches und besonders des ersten und letzten Kapitels muss man zu dem negativen Schluß kommen: Juden waren in Breslau nicht zu Hause, trotz ihrer vielen Bemühungen es ja zu sein. Die Herausgeber: Manfred Hettling, Andreas Reinke und Norbert Conrads trafen die Auswahl, welche Forschungen in dem Buch erscheinen. In der Einleitung schreiben Manfred Hettling und Andreas Reinke: "Die Perspektive dieses Bandes beschränkt sich hierbei auf eine Analyse jüdischen Lebens "vor" Auschwitz - die Jahre nach 1918 mit der raschen Zunahme physischer Gewalt gegenüber Juden, mit der staatlichen Diffamierung und schließlich der Vertreibung, Vernichtung der jüdischen Bevölkerung werden nicht analysiert. “Franziskanermönch Giovanni de Capistrane in Breslau von 1453-1454” ist von Heidemarie Peterson. Seine haßerfüllten Predigten gegen die Juden fielen bei seinen Zuhörern auf fruchtbaren Boden. Am 4.7.1453 wurden in Breslau 41 Juden auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Die überlebenden Juden wurden aus der Stadt vertrieben und ihr Vermögen zu Gunsten der königlichen Kammer beschlagnahmt. Dieses Kapitel beschreibt die Untaten dieses Franziskaners. Der interessante Beitrag von Arno Herzig "Die Juden Breslaus im 18. Jahrhundert" beginnt mit der Erlaubnis, in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts, einzelnen jüdischen Familien das Wohnrecht in Breslau zu gestatten. 1697 erhielt eine Gruppe von 13 Familien ein unbegrenztes Niederlassungsrecht in Breslau. Das darauf folgende Kapitel "Jüdische Schriftsteller im Breslau des späten 18. Jahrhunderts" von Gunnar Och beschreibt eine Gruppe von Schriftstellern und Dichtern in Breslau. Diese waren die Anführer der Bewegung, welche gegen das traditionalle Judentum und für Assimilation kämpfte. Der Verfasser verleugnet nicht seine Sympathie für diese Leute, während wir wissen, was für ein Unglück diese "verkalkten Schüler Mendelssohns", wie Heinreich Graetz sie einmal nannte, für das Judentum waren. Der dritte Teil des Buches "Religion zwischen Tradition und Reform" betitelt, umfaßt die Zeitspanne vom Ende der rabbinischen Gerichtsbarkeit in Breslau (ca. 1750) bis zur Gründung des Rabbinerseminars in Breslau (1754). Anne Brenker in ihrem Artikel “Das Ende der rabbinischen Gerichtsbarkeit in Breslau" (um 1750) "behandelt" die Neuordnung des Justizwesens und die konsistoriale Gerichtsbarkeit, welche bis dahin alle Sparten des jüdischen Lebens umfaßte. Das war ein schwerer Schlag für die traditionsgebundene jüdische Gemeinschaft. Andreas Gotzmann behandelt den Geiger - Tiktinstreit - Orthodoxie gegen Reform. Als Geiger zum 2. Rabbiner an der Seite des schon amtierenden Rabbiners Salomon Tiktin angestellt wurde, kam es zu dem Streit zwischen dem traditionsgebundenen Teil der Breslauer Gemeinde und den Reformern. Der Höhepunkt war die Weigerung des traditionellen Teils der Gemeinde, die Gemeindesteuern zu zahlen,was die Gemeinde in eine schwere finanzielle Lage brachte. Hier erwies sich auch, dass der grössere Teil der Gemeinde traditionell war. 1849 gelangte man zu einer Regelung zwischen diesen zwei Parteien, welche das Vorbild für die in vielen Städten Deutschlands bestehenden Einheitsgemeinden wurde. Geiger selbst verließ Breslau und an seiner Stelle kamen andere, mehr traditionelle, liberale Rabbiner, welche zusammen mit den orthodoxen Rabbinern in gutem Einvernehmen amtierten. Andreas Brämer schreibt über "Die Anfangsjahre des. Jüdisch-Theologischen Seminars." Als Einleitung gibt er eine anschauliche Übersicht über das “Lernen" in den Yeschiwot und die damit verbundene Autorisation des Lernenden als Rabbiner zu wirken. Danach schreibt er über die Notwendigkeit der Ausbildung von Rabbinern, welche mit den Forderungen der Neuzeit vertraut sind. Der große in Breslau lebende Philantrop Jonas Fraenckel vermachte testamentarisch 100,000 Taler für die Gründung eines Seminars "zur Heranbildung von Rabbinern und Lehrern". 1854 wurde das Seminar unter der Leitung von Rabbiner Secharja Frankel eröffnet. Was hier nicht erwähnt wurde, ist die Tatsache, dass das Seminar in Breslau nicht das erste Rabbinerseminar in Europa war. Schon im Jahre 1820 wurde in Padua in Italien das "Collegio Rabbinico Italiano" eröffnet, welches dem Breslauer Seminar als Vorbild diente. Manfred Hettling beschäftigt sich mit der "Sozialstruktur und politischen Orientierung der jüdischen Bevölkerung im Kaiserreich". Diese interessante sozialpolitische Studie gibt uns einen Einblick in die soziale Struktur der Juden im Kaiserreich. Der Aufstieg der Juden in Deutschland in dieser Zeit in die Sparte des gehobenen Bürgertums erweckte in vielen Hoffnung. Aber je größer die Illusion, desto größer war die Enttäuschung, nur war der Antisemitismus nicht mehr so sehr religiös, sondern rassisch bedingt. Der Artikel "Gemeinde und Verein. Formen jüdischer Vergemeinschaftung im Breslau des 19. und beginnendem 20. Jahrhunderts (veröffentlicht in dieser Nummer unserer Zeitung auf Seite) von Andreas Reinke, beschäftigt sich mit dem gesellschaftlichen Leben der Juden in Breslau. Die Hoffnung, dass die durch die Emanzipation verursachte Gleichstellung der Juden, der Eintritt dieser in nichtjüdische Vereinigungen gewährleistet ist, erwies sich als eine Illusion. Das führte zur Gründung jüdischer Vereine gesellschaftlicher Art, zusätzlich zu den schon bestehenden traditionellen Vereinigungen \ religiösen Charakters, wie Kranken- und Armenpflege und Chewra Kadischa. In diesen ' jüdischen Vereinigungen konnten Juden ungestört von antisemitischer Agitation und Hetze, ihren diversen Bestrebungen nachgehen, ln die Zeitspanne, die dieser Artikel umfaßt, fallen auch die Gründung des C.V. (Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens), der Agudat Israel und der Zionistischen Organisation. Der darauf folgende Artikel ist der Viadrina, Vorläufer des K.C. (Kartell Convent) gewidmet. Unter dem Namen "Mut, Mensur und Männlichkeit. Die "Viadrina", eine jüdische schlagende Verbindung" schreibt Lisa Fetheringill Swartout die Geschichte der dem C.V. nahestehenden Studentenverbindung. Der Titel "Mut, Mensur und Männlichkeit" weist schon darauf hin, dass diese jüdische Studentenverbindung eine Nachahmung der allgemeinen deutschen Studentenverbindungen ist. Diese deutschen Studentenverbindungen waren zum großen Teil antisemitisch und nahmen jüdische Studenten nicht auf. Der Beitrag zu diesem Buch über die "Viadrina“ bezieht sich nur auf einen Teil der jüdischen Studenten. In den Jahren nach dem ersten Weltkrieg waren die jüdischen Studenten in noch anderen Verbindungen organisiert. Außer dem K.C. (Nachfolger der "Viadrina" und dem C.V. nahestehend) existierte noch der zionistische K.I.V. (Kartell jüdischer Verbindungen), der orthodoxe V.J.A. (Verband jüdischer Akademiker), und eine Anzahl jüdischer Studenten in Breslau war im SSB (Sozialistischer Studentenbund) organisiert. Das Buch schließt mit dem Kapitel: "Das Judentum isolieren!" Antisemitismus und Ausgrenzung in Breslau von Olaf Blaschke. Dieses Kapitel beginnt mit einer Diskussion in der Eisenbahn von Königshütte nach Beuthen im Sommer 1912. Es handelt sich um den an dem jüdischen Gastwirt Martin Cohn aus Königshütte verübten Raubmord. Plötzlich bemerkte ein Reisender: "Es schadet nichts, dass der Cohn ermordet worden ist; man hätte noch ein Dutzend anderer dazu erschießen sollen..." Alle Mitreisenden stellten sich auf die Seite des Mannes, der den Mord guthieß. Auf Grund dieser Einleitung versucht der Verfasser den Ursprüngen dieses Antisemitismus in! Breslau und Schlesien nachzugehen. Er schreibt über den religiösen und rassistischen Antisemitismus und besonders über den Unterschied von Protestanten und Katholiken. Er kommt zu dem Schluß, dass Breslau in mancher Hinsicht typisch für die Konfliktlagen in der deutschen Gesellschaft ist, und dass gerade in Breslau der Katholizismus besonders antisemitisch war; wie der Verfasser schreibt: 1 "Und kein Wunder auch, dass der Antisemitismus in Breslau besonders von j Katholiken gefördert wurde, gegen das ’ Protest an tisch-liberale Establishment". (Fortsetzung auf Seite 20)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.