Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 2003
- Issue
- No. 75 (2003)
- Date
- 2003-01-01
- Page
- Seite 12 (sequence 1745)
- Language
- German
- Belongs to
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Gegen Vorurteile 20 Jahre Zentrum für Antisemitismusforschung von Barbara von der Lühe "Das Entscheidende ist, dass das Institut ganz maßgeblich dazu beigetragen hat, das wir aus einer bestimmten Betroffenheitsrhetorik, aus einer Empörungsrthetorik zum richtigen Zeitpunkt herauskommen, und zum richtigen Zeitpunkt das Schweigen brechen." Mit ihrem Grußwort würdigte Rita Süssmuth, ehemalige Präsidentin des Deutschen Bundestages, die Verdienste des Zentrums für Antisemitismusforschung (ZfA) anlässlich des 20-jährigen Bestehens dieser zumindest in Europa einzigartigen Forschungseinrichtung. Der Festakt im Lichthof der Technischen Universität Berlin am 24. Oktober (2002) war der Auftakt zu einem zweitägigen Symposium. Aus aller Welt waren Freunde und Förderer des Zentrums gekommen: Shimon Stein, Botschafter des Staates Israel in Deutschland, hob die international anerkannte Tätigkeit des ZfA hervor. Ihm komme eine wichtige Rolle als wissenschaftliche Einrichtung wie als "Frühwarnsystem" gegen Antisemitismus in der deutschen Gesellschaft zu - z.B. jüngst im Wahlkampf mit antisemitischen und antiisraelischen Kampagnen. Die öffentliche Aufklärung, die das Zentrum leistet, sei daher von unschätzbarem Wert. Alexander Brenner, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Berlin, betonte ebenfalls mit Blick auf die gegenwärtige Antisemitismusdiskussion in Deutschland die Notwendigkeit derArbeit des ZfA und dankte Wolfgang Benz sowie seinen Mitarbeitern im Namen der Jüdischen Gemeinde Berlin und des Zentralrats der Juden in Deutschland. Für Romani Rose, Vorsitzeder des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, ist das ZfA heute eine der wichtigten moralischen Instanzen, wenn es um die Verteidigung der demokratischen Kultur und der Rechte von Minderheiten geht. Rose wies darauf hin, dass der Antiziganismus erst seit kurzem Gegenstand wissenschaftlicher Forschung sei. Einen wichtigen Beitrag dazu leiste das ZfA. Die Zunahme rechtspopulistischer Bewegungen in Deutschland und die steigende Verbreitung rassistischen und rechtsradkalen Gedankenguts über das Internet zeigten die Notwendigkeit einer eingagierten Vorurteilsforschung, wie sie Wolfgang Benz und seine Mitarbeiter betrieben. Barbara John, Ausländerbeauftragte des Senats von Berlin, teilt mit Wolfgang Benz die Auffassung, dass zur Überwindung gesellschaftlicher Gleichgültigkeit eine Kultur des Einfühlens und der Übernahme von sozialer Verantwortung notwendig sei: Der Präsident der TU, Kurt Kutzler, sowie der Dekan der Fakultät I, Peter Erdmann, bekräftigten die Bedeutung des ZfA für die Hochschule: Auch sei die Geschichte der TU Charlottenburg während der NS-Zeit Verpflichtung und Verantwortung für das ZfA. Die Hochschule sei durch die Nationalsozialisten vereinnahmt worden und in die Rüstungsforschung eingebunden gewesen. Zahlreiche jüdische Wissenschaftler waren 1933 entlassen worden. Zur Wiedereröffnung der TU 1946 wurde der Fächerkanon um Geistes- und Sozialwissenschaften erweitert, denn, so bestimmten die für Charlottenburg zuständigen Briten, die künftigen Naturwissenschaftler sollten gegen totalitäre Ideologien gefeit sein. Wissenschaft im Dienst der Gesellschaft und Mut zur Wahrheit forderte Edzard Reuter in seinem Festvortrag. Dieser Wahrheit diene das ZfA. Wolfgang Benz, seit 1990 Leiter des Zentrums, zog eine positive Bilanz der bisherigen Arbeit. Das Zentrum habe sich zu einer international renommierten interdisziplinären Forschungsstätte zur Antisemitismus - Exil- und Vorurteilsforschung entwickelt und sich in der akademischen Landschaft der Bundesrepublik etablieren können. Antisemitismusforschung beschrieb Benz als eine Herausforderung, "ein stark emotional aufgeladenes Thema rational und wissenschaftlich anzugehen". Falsch verstandene Political Correctness biete da keine Lösung. Daher verfolgten Wolfgang Benz und die Mitarbeiter des Zentrumsgetreu der Forderung von Max Weber: "Mit Leidenschaft und Augenmaß". Bevor Wofgang Benz zum Leiter des ZfA berufen wurde, war er von 1 968 an wissenschaftlicher Mitarbeiter des Instituts für Zeitgeschichte in München. Als Autor und Herausgeber hat er zu einem breiten Themenspektrum publiziert: zum Nationalsozialismus, zur Verfolgung und zum Exil der deutschen Juden, dem Rechtsradikalismus, der Vorurteilsforschung und auch über die politische und kulturelle Entwicklung der Bundesrepublik. Zu seinen Standardwerken zählen die vierbändige Geschichte der Bundesrepublik Deutschland (1989), "Das Exil der kleinen Leute" (1991), das "Lexikon des Deutschen Widerstands" (1994) und die Enzyklopädie des Nationalsozialismus (1997). Vieles erschien im S. Fischer Verlag oder im Fischer-Taschenbuch-Verlag. In seiner Ansprache beschrieb Benz Absicht und Ziele des ZfA: Die Erforschung des Antisemitismus als einer antiliberalen und antimodernen Weltanschauung ist wichtig wegen der langen Geschichte der abendländischen Judenfeindschaft, ihrer diversen Erscheinungsformen und katastrophalen Wirkungen. Antisemitismus ist ein Paradigma für die wissenschaftliche Beschäftigung mit sozialen Vorurteilen und Gruppenkonflikten. Seit der Gründung habe das Institut, ganz im Sinne des Gründungsdirektors Herbert A. Strauss, sein Aufgabengebiet erweitert hin zur Voruteilsforschung im umfassenden Sinne. Entsprechend vielfältig und interdisziplinär sind die am ZfA vertretenen Fachrichtungen: Neuere Geschichte mit der Vertiefung auf der Emigrations-, Exil- und Genozidforschng, Psychologie und Soziologie, Religionswissenschaft, Ethnologie, Kunstgeschichte und Volkskunde, Philosophie und Literaturwissenschaft. Bezüge zur Wissenschafts- und Medizingeschichte haben an Relevanz zugenommen, ebenso der Bezug zur Islamwissenschaft. Im September 2000 hatte es eine internatinale Konferenz zur "Entstehung von Feindbildern im Konflikt um Palästina" gegeben. Bereits Herbert Strauss hatte bei seinem Abschied 1990 die Erforschung des "außenpolitischen Antisemitismus" gegen den Staat Israel als notwendig bezeichnet. Direkt beeinflussen können Wolfgang Benz und seine Mitstreiter die öffentliche Diskussion in Deutschland nicht, aber darin sehen sie auch nicht ihre Aufgabe: Vielmehr müsse Forschung bei der Analyse der Strukturen ansetzen und Mechanismen entlarven, mit denen nach altbewährtem Muster antisemitische Hetze in neuem (Fortsetzung auf Seite 13)