Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 2003
- Issue
- No. 75 (2003)
- Date
- 2003-01-01
- Page
- Seite 9 (sequence 1742)
- Language
- German
- Belongs to
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9 (Fortsetzung von Seite 8) nun der Antizionismus etabliert - und legitimiert den Hass auf die Juden ebenso, wie es früher durch den Antisemitismus geschah. Doch seit Auschwitz ist Antisemitismus nicht mehr wirklich gesellschaftsfähig - von arabischen Staaten abgesehen. Deshalb braucht die Welt einen neuen Mechanismus, um das alte Feindbild wach zu halten. Dies ist der Hass gegen Israel, der sich jedoch erneut generell im Hass gegen Juden bündelt, weil diese als Stellvertreter des Staates Israel gesehen werden, egal, wo sie leben. Über den Antizionismus wird jedoch suggeriert - weil er sich ja "nur" gegen Israel richtet: "Jews are not longer vulnerable" - Juden sind nicht mehr verletzbar. Dass dies ein Trugschluss ist, zeigte sich - auch ohne den althergebrachten rassischen Antisemitismus - in den vergangenen 24 Monaten. Bis auf die Grundmauern abgebrannte Synagogen in Frankreich, Brandsätze gegen Synagogen von Kiew und Moskau über Berlin und Düsseldorf bis nach Paris. Der Anschlag auf die Synagoge in Djerba. Angriffe gegen Juden in den Straßen von London, Berlin, Brüssel, Antwerpen, Marseille und Osteuropa. Juden, die ihren Davidstern wieder unter der Bluse oder dem Hemd verstecken. Jüdische Kinder, die in ihren Schulbussen mit Steinen beworfen werden, oder unter polizeilichem Geleitschutz in die Schule gehen. Briefe, in denen die Absender - zumeist mit vollem Namen verzeichnet - bedauern, dass nicht alle Juden im Holocaust ermordet worden sind. Oder die den "Gutmenschen" herauskehren und den "Holocaust an den Palästinensern" anprangern. Die israelischen Politikern nur noch Attribute aus der Tierwelt zubilligen. Die Juden Rache androhen für den Nahostkonflikt. Doch Europa verschließt die Augen und man zuckt kollektiv die Schultern - "Kritik an Israel ist doch noch erlaubt ..." Vielleicht nicht kollektiv - aber das Empfinden vieler jüdischer Gemeinden und auch der Teilnehmer der Konferenz ist: Viel zu Wenige stehen auf gegen diese neue brandgefährliche Spielart des Antisemitismus. Juden über die Schiene "Israel" zu verdammen, ist bereits legitimiert. Die Politik der EU macht es vor, Politiker wie Jürgen Möllemann in der Bundesrepublik und zahllose andere in ganz Europa machen es nach. In vielen Medien wird Sympathie für die Palästinenser und deren Haltung - bis hin zur Rechtfertigung von Selbstmordattentaten - geübt. CNN, BBC, deutsche Medien: Der Tenor ist ähnlich. Falschmeldungen wie im April über die Anzahl der toten Palästinenser in Jenin - die toten Israelis hat sowieso kaum jemand wahrgenmmen - werden weiter kolportiert. Auch wenn Untersuchungen der Vorkommnisse mittlerweile zu ganz anderen Zahlen kommen und Zivilisten keineswegs gezielt getötet wurden. Der Mythos des 10jährigen Muhammad al-Dura lebt ebenfalls weiter, obwohl es mittlerweile so aussieht, als sei er von palästinensischen Kugeln getroffen worden. Wer spricht heute noch von den zwei gesteinigten jüdischen Halbwüchsigen vom Frühjahr 2001, von der schwangeren Frau, die in einem Bus bei Immanuel im Sommer 2000 starb - und mit ihr das Ungeborene? Diese Toten werden in der Welt nicht zu Märtyrern hochstilisiert, sondern einfach hingenommen. Hinzu kommt: Die Relativierung des Holocaust hat in Deutschland ein neues Ausmaß erreicht: Wenn "die" Israelis - was heißen soll: "die"Juden - sich wie Nazis benehmen, dann ist Deutschland nicht mehr in der gleichen Verantwortung für die Geschichte. Das ist eine neue Qualität. Man braucht nicht mehr aufzurechnen. Es ist, wie Dina Porat anmerkte, viel einfacher geworden. Die Welt hat ihre neuen Nazis - die Israelis und damit die Juden. Gegen die muss man mit aller Härte Vorgehen. Der Hass erhält eine scheinbar rationale, relevante Basis. Roni Stäuber und Rafael Vago sprachen deshalb von einer notwendigen Globalisierung der Abwehrarbeit gegen Antisemitismus und damit auch gegen Antizionismus. Diese Erscheinungen seien weltweit zu beobachten und wiesen zwar länderspezifische Charakteristika auf - in Polen z.B. unterfüttert durch den starken Katholizismus, in arabischen Ländern durch völlige Freiheit der Artikulation und in Deutschland basierend auf dem Wunsch, die Vergangenheit endlich loszuwerden. Doch sie basierten grundsätzlich auf denselben Judenbildern. Ebenso wichtig sei in diesem Zusammenhang auch eine Globalisiertung der Holocaust-Education, d.h. des Lehrens und Lernens über den Holocaust. Im Sinne von Yehuda Bauer, der genau an den endlosen Relativierungsversuchen von Revisionisten, Wissenschaftlern und Antisemiten resp. Antizionisten ansetzt. In der Endlosschleife der Verbrechen gegen die Menschheit bleibt der Holocaust einzigartig. Die Beweisführung kann dabei ebenso simpel wie brillant sein. Man muss vergleichen. Nur dann kommt man zu dem Schluss, dass der Mord an den europäischen Juden einzigartig war. Er war nicht von regionalen und ethnischen Interessen bestimmt, sondern allein ideologisch begründet. Er war zentrales Element der NS-ldeologie und Herrschaft, unabhängig von Aufwand und Nutzen. Hinzu kamen Faktoren wie die umfassende wirtschaftliche Ausbeutung der Juden und der Versuch, eine komplett neue Welt zu schaffen. Dies hat nicht funktioniert. Juden haben überlebt, neue Familien gegründet, ein neues Kapitel begonnen. Dass sie nicht im Opferstatus verharrten, sondern das Recht auf ein Leben in Frieden und Sicherheit fordern, wird ihnen nun angesichts des Nahostkonflikts endgültig übel genommen. Aber der alte Antisemitismus funktioniert nicht mehr. Durch die Öfen von Auschwitz, Treblinka und Sobibor, die Erschießungsgruben in Ponary und die rauchenden Trümmer des Warschauer Gettos schien er für die Welt nicht mehr tragbar. Neues Ziel ist daher Israel. Mitschuldig an dieser verheerenden Entwicklung sind auch die UN - durch einseitig antiisraelische Resolutionen und Konferenzen wie jene in Durban im August 2001. Dass der Antizionismus keinen Deut besser ist als der alte Antisemitismus, muss endlich Konsens werden. Die Konferenz in Mexico zeigte jedoch, dass ein langer und steiniger Weg vor den Forschern, Journalisten, Repräsentanten liegt. Ein Zusammenschluss von Experten wie durch diese Konferenzen ist erst ein Anfang. Impressionen Was unterschied diese Konferenz von andren ähnlichen Inhalts in Deutschland? Zum einen der gemeinsame Geist - da wurde nicht lange gedeutet und intepretiert oder definiert. Die Teilnehmer waren sich einig über den Begriff des Antizionismus. Sie waren sich einig über die Notwendigkeit einer Globalisierung der Arbeit gegen dieses breit gestreute Phänomen. Sie diskutieren miteinander, nicht gegeneinander. Keiner profilierte sich auf Kosten eines anderen, warf diesem womöglich einen Fehler im Text vor oder korrigierte boshaft. Da wurde nachgehakt und die Antwort angehört. Sachliche Kritik führte nie zu persönlichen Angriffen. Wir gehörten zusammen. Wenn in Deutschland ein oder zwei Juden zu solchen Veranstaltungen eingeladen werden, so gibt es genug Kontrahenten, die die jüdischen Teilnehmer mit dem berühmten "Ich glaube Ihnen ja, dass Sie den Antisemitismus so empfinden, ABER ..." der Unseriosität bezichtigen. Die Konferenzteilnehmer machten sich weder ihre Forschungsergebnisse noch ihre Aktivitäten gegenseitig streitig. Es herrschte Kollegialität, Formlosigkeit. Nicht zuletzt gewann das Ambiente der Tagung durch die Gastfreundschaft verschiedener Gemeinden in Mexico-City, in deren Gemeindezentren wir diskutieren, lachen, essen und planen durften. Wenn die Kaffeepause länger dauerte, wenn ein Panel verlegt werden musste, das Abendessen sich verschob, das Mittagessen erst um halb drei serviert wurde - na und? Auch hier keine eiserne Disziplin, sondern Improvisation, die dem Ganzen eine ungewohnte und angenehme Leichtigkeit gab - trotz des schweren Themas, das in seinem Ausmaß sehr ernst genommen wurde. Aber wie heißt es doch, wenn Juden Schmerz empfinden - dann lachen sie. Frei nach dem Witz: "Tut Ihnen das nicht weh?" - "Doch, aber nur wenn ich lache." "Tribüne", 41. Jahrgang, Heft 164, 4. Quartal 2002