Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 2003
- Issue
- No. 74 (2003)
- Date
- 2003-01-01
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Mentioned entities
- Riga 4× ep/1000826
- Kaunas 2× ep/1000678
- Minsk 1× ep/1000754
- Ukraine 1× ep/1001131
- Wrocław 1× ep/1002369
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8 Das Schicksal der deutschen Juden im Ghetto Riga und Umgebung von Prof. Dr. Wolfgang Scfieffler Vom November 1941 bis zum Dezember 1942 wurden in 33 Transporten über 30.000 Juden, Männer, Frauen und Kinder, aus dem Gebiet des damaligen "Großdeutschen Reiches", d.h. aus dem sogenannten Altreich, aus der Ostmark (Österreich) und aus dem Protektorat Böhmen und Mähren (dem Gebiet der annektierten Tschechoslowakei) in die baltischen Staaten verschleppt. Der größte Teil von ihnen gelangte in den Raum Riga. Nur ca. 4% sollten das Inferno der sogenannten "Endlösung der Judenfrage" - dem Tarnbegriff für den Massenmord an der jüdischen Bevölkerung Europas - überleben. Aus welchen Gründen verschleppte man diese Menschen ausgerechnet nach Riga? Die Antwort hierauf führt in die Anfangsgeschichte der Deportation der deutschen Juden. Im ersten Halbjahr 1941 schien es, als ob eine Entfernung der deutschen Juden auf die Zeit nach einem siegreichen Ende des Krieges verschoben werden sollte. Erst im September 1941 gab Hitler seine Genehmigung für eine zunächst kontingentierte Deportation. Trotz der seit langem anhaltenden Bemühungen des Chefs der Sicherheitspolizei und des SD, Reinhard Heydrich, dieses Ziel zu erreichen, waren bis dahin keinerlei Vorbereitungen für eine geographische Lösung getroffen worden. Als die polnische Stadt Lodz, damals Litzmannstadt genannt, in deren Zuständigkeit das einzige bis dahin existierende Großghetto auf dem Hoheitsgebiet des Deutschen Reiches fiel, als Deportationsziel ausgewählt wurde, wehrten sich die dortigen deutschen Behörden vehement aber vergeblich dagegen, in das überfüllte Ghetto 60.000 deutsche Juden aufzunehmen. Die Zahl musste jedoch auf 20.000 reduziert werden. Hinzu kamen allerdings noch tausende Roma und Sinti. Der Reichsführer der SS und Chef der deutschen Polizei, Heinrich Himmler, und Heydrich waren sich bewusst, dass andere Zielorte gefunden werden mussten. Der inzwischen besetzte sowjetrussische Raum, in dem bereits die Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD zusammen mit den Verbänden der Ordnungspolizei ihrem Mordgeschäft nachgingen, rückte damit in den Mittelpunkt der Erörterungen. Nach einigem Hin und Her wurden Minsk und Riga als künftige Deportationsziele für 50.000 Juden ausgewählt. Aber auch hier gab es Schwierigkeiten. Die Deportationen nach Minsk, für die 25.000 Juden bestimmt waren, mussten wegen der hereinbrechenden Winterkatastrophe und der sich anbahnenden deutschen Niederlage vor Moskau abgebrochen werden. In Riga protestierte der Reichskommissar Ostland Heinrich Lohse, dass er vorher nicht gefragt worden war und Himmler die Entscheidung allein gefällt hatte. Hinzu kam, dass dem Führer der Einsatzgruppe A., Dr.Walter Stahlecker, trotz der Zusicherungen, die er dem Reichssicherheitshauptamt (RSHA) gegeben hatte, keinerlei Aufnahmemöglichkeiten zur Verfügung standen. Daraufhin ergriff der Höhere SS und Polizeiführer (HSSPF Ostland), Friedrich Jeckein, die Initiative und ordnete die "Räumung" des erst am 25. Oktober 1941 geschlossenen lettischen Ghettos an. Es wiederholte sich hier ein Vorgang, der sich bereits in Minsk "bewährt" hatte und später, 1942, im Distrikt Lublin zur Regel wurde. Vor der Ankunft der deutschen Juden ermordete man den größten Teil der dort lebenden jüdischen Bevölkerung, um Unterbringungsmöglichkeiten zur Verfügung zu haben. Organisiert und geleitet wurde diese Mordaktion in Riga von Friedrich Jeckein, der in den vorangegangenen Monaten in der Ukraine bereits derartige Aktionen durchgeführt hatte. So starben am 30. November, dem "Rigaer Blutsonntag", und am 8./9. Dezember 1941, über 26.000 lettische Juden im Wald von Rumbula unter den Kugeln von SS- und Polizeiangehörigen. Es war eines der größten Massaker in der Geschichte der nationalsozialistischen Judenverfolgung. Lediglich 4500 im Sinne der Sicherheitspolizei als "arbeitsfähig" angesehene Männer und 300 Frauen blieben im Ghetto. Die Vorgänge in Rumbula sind aufgrund der Ermittlungen der deutschen Staatsanwaltschaften nach dem Kriege fast minutiös aufgeklärt worden. Sie bilden die unverzichtbare Grundlage für die Arbeit der Historiker zu diesem Thema. Stahlecker ließ in der Zwischenzeit in einem heruntergekommenen Stadtgut bei Riga, dem Jungfernhof, von lettischen Juden aus dem Ghetto und von Kriegsgefangenen, in den Scheunen und Viehställen, eilends enge Pritschen montieren und "verkaufte" das so hergerichtete Gut dem Reichssicherheitshauptamt in Berlin als Kasernengelände. Des weiteren wurde ein von ihm schon lange gewünschtes Polizeihaftlager, das ebenfalls noch nicht vorhanden war, ebenfalls als Unterkunft gemeldet. Diese zu spät eingeleiteten Maßnahmen führten dazu, dass die ersten fünf für Riga bestimmten Transporte nach mehreren zeitlichen Verzögerungen nach der litauischen Hauptstadt Kowno geführt wurden. 2934 Menschen, 1159 Männer, 1600 Frauen und 175 Kinder aus Berlin, München und Frankfurt am Main wurden im Fort IX der Stadt Kowno am 25. November 1941 durch Angehörige des Einsatzkommandos 3, der deutschen Ordnungspolizei und der litauischen Hilfspolizei umgebracht. Das gleiche Schicksal traf am 29. November 1941 in Kowno 2200 Juden aus Wien und Breslau - 893 Männer, 1155 Frauen und 152 Kinder. Diese Exekutionen waren die ersten an deutschen Juden verübten Massenerschießungen. Auch der erste Transport, der direkt in Riga ankam, geriet am 30. November in die Räumung des Rigaer Ghettos. Seine Insassen, 1060 Berliner Juden, die am 27. November ihre Heimatstadt verlassen mussten, starben am frühen Morgen dieses Tages unmittelbar vor der Ankunft ihrer lettischen Leidensgefährten aus dem Rigaer Ghetto. Da die Räumung des Rigaer Ghettos erst am 8./9. Dezember abgeschlossen wurde, endeten die nächsten Transporte aus Nürnberg, Stuttgart, Wien und Hamburg zwar nicht mehr in Kowno, auch noch nicht im Ghetto, sondern wurden in dem eilends provisorisch hergerichteten Gut Jungfernhof untergebracht. Erst der Transport mit Juden aus Köln, der am 10. Dezember in Riga ankam, wurde in den für die deutschen Juden vorgesehenen Teil des Ghettos geführt. Dort mussten sie die Wohnungen der vorher ermordeten lettischen Juden beziehen. Hier fanden sie die Folgen der vorangegangenen gewaltsamen Räumung: Essensreste auf den Tellern und in den Töpfen, aufgebrochene Schränke sowie Blutspritzer an Wänden und Fußböden. Auch die Menschen der nachfolgenden Dezember-Transporte aus Kassel, Düsseldorf, Münster/Bielefeld und Hannover fanden in den ihnen zugewiesenen Häusern ähnliche Zustände vor. In den Wohnungen herrschte qualvolle Enge, zumal im Januar und Februar zehn weitere Transporte - zwei aus Theresienstadt, drei aus Berlin, drei aus Wien, einer aus Leipzig/Dresden und einer aus Dortmund mit fast 10.000 Menschen hinzu kamen. Mit dem Wiener Transport am 10. Februar 1942 endete vorerst die Ankunft von Juden aus dem Altreich, der Ostmark und dem Protektorat, bis sie im August wieder aufgenommen wurden. In der Zwischenzeit deportierte man die Juden aus dem "Großdeutschen Reich" in den Distrikt Lublin, nach Maly Trostinec bei Minsk und in das Warschauer Ghetto. Vom 15. August bis zum 14. Dezember 1942 wurden weitere acht Transporte in den baltischen Raum geleitet. Zwei davon, je einer aus Theresienstadt und ein Koppelzug aus Frankfurt a.M./Berlin gelangten nach Raaziku in Estland, während sechs aus Berlin im Rigaer Gebiet verblieben. Fast alle dieser Deportierten gelangten nicht in das Ghetto, sondern wurden im Wald von Bikernieki umgebracht. Von den Vorgängen in Lettland hatte die jüdische Bevölkerung im Reichsgebiet, als sie die Nachricht von ihrer bevorstehenden Abschiebung nach Osten erfuhr, überhaupt keine Ahnung. Im Gegenteil. Man spiegelte ihr vor, als "Aufbaukräfte" in den neu besetzten Ostgebieten Arbeit zu finden und "angesiedelt" zu werden. Den ersten Transporten mussten Handwerkszeug, Nähmaschinen und andere Gebrauchsgegenstände des täglichen Bedarfs beigegeben werden, die den Eindruck einer "pionierhaften" Ansiedlung verstärken sollten. (Fortstzung auf Seite 9)