Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 2003
- Issue
- No. 74 (2003)
- Date
- 2003-01-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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6 Die Fünfte Joseph Carlebach-Konferenz: (Fortseirung von Seite 5) untergegangenen jüdischen Kultur Breslaus. Die Lebenserinnerungen und Tagebücher spiegeln den schwierigen Prozeß einer Identitätsbestimmung angesichts der Ausgrenzung, die erfühlte. Er war 1933 nicht orientierungslos, da er sich nicht erst seit damals als überzeugter Jude eingebunden in eine jüdische Geschichte fühlte, die es vielfach mit Ausgrenzungen zu tun hatte und in der das jüdische Volk gerade angesichts solcher Ausgrenzungen immer wieder seine Stärke bewiesen hatte. Trost fand er auch in seinem jüdischen Glauben. Der Besuch der Synagoge war für ihn innerstes Bedürfnis, nicht nur Formsache. Obwohl er in seinem Tagebuch deutlich die Grenze zwischen sich als Juden und dem Deutschen sieht, blieb er in engem Kontakt zu nicht-jüdischen Menschen, und das nicht nur auf wissenschaftlichem Gebiet. Wenn er von brüllenden Gestapobeamten oder rüpelhaften Hitlerjungen berichtet, stellt er dies nicht sonderlich heraus, sondern erwähnt es eher nebenher; dagegen erzählt er eingehend von seinen Hausmitbewohnern, die "in Ordnung" seien, sich auch um ihn kümmern, ihn um Nachhilfestunden für ihre Kinder bitten; er berichtet von Treffen mit ehemaligen Kollegen auf der Straße, die ihn freundlich begrüßen, von ehemaligen Schülern, die ihn besuchten, darunter auch von einem, der vor 1933 überzeugter Nationalsozialist war, nun aber 1940 "verbittert" aus dem Polenfeldzug zurückgekehrt sei. Die "Dezimierung der polnischen Bevölkerung", so notiert Cohn, lasse diesen Schüler schwarz für Deutschland sehen. Auch ehemalige Frontkameraden bzw. Sammlerfreunde aus der Philatelie besuchten ihn. Diese Begegnungen werden sicher alle zutreffend geschildert, doch überrascht es, daß Cohn auf die ihn persönlich betreffende Dimension der Ausgrenzung nicht eingeht, sondern sie eher als institutioneile Erscheinung darstellt. In sachlichem Ton erstattet er darüber Bericht, daß er die Bibliotheken und Archive nicht mehr besuchen darf, daß er auf den Parkbänken die Inschrift: 'Für Juden verboten1 eingebrannt findet und ihm nur noch die Bänke an den Straßenbahnhaltestellen zur Verfügung stehen, sowie schließlich darüber, daß er Breslau nicht mehr verlassen darf. Er scheint die Feindseligkeiten, die es auch in Breslau gegeben hat, bewußt auszublenden. Wen er sich auch nicht mehr mit Deutschland identifiziert, so bleiben seine Kommentare zur militärischen Entwicklung doch sehr distanziert. Als Historiker weiß er, wie wenig man Nachrichten in der Presse Glauben schenken darf; es findet sich jedoch keine freudige Bemerkung über eindeutige deutsche Niederlagen, auch wenn ihm 1940 deutlich ist, daß ein deutscher Sieg "[d]as Ende der jüdischen kulturellen Arbeit in Deutschland und die Verpflichtung des Neuaufbaus in Amerika" zur Folge haben wird. Zur Identität gehört trotz aller Ausgrenzung weiterhin seine "Liebe zum schlesischen Land1'; er freut sich "stets aufs Neue", wenn er über die Dom- und Sandinsel geht, "über das Bild alter Kultur", und ist stolz darüber, daß Leo Baeck, der ja in Breslau studiert hatte, "Honneurs meiner geliebten Heimatstadt", "dem alten Breslau und seinem unvergleichlichen Stadtbilde", machte. Doch die Ausgrenzung ist eindeutig, als er seit September 1941 den Judenstern tragen muß und - so beschreibt Cohn die zunehmend gefährliche Lage -"die Luft für uns problematisch wird". Apokryph bleibt ein Satz seines Tagebuchs in diesem Zusammenhang: "Trotzdem wird das alles an dem Endausgang nichts ändern." Welcher Endausgang? Auf dem Weg zur Storchensynagoge, auf dem er zum ersten Mal den Stern tragen muß, hat er das Gefühl, eine Herzschwäche zu bekommen, aber er will an diesem Tag unbedingt gehen, um sich nicht nachsagn zu lassen, er habe wegen Feigheit gefehlt. Dabei stellt er bezeichnenderweise fest: "Das Publikum hat sich durchaus tadellos benommen; ich bin in keiner Weise belästigt worden; man hatte eher den Eindruck, daß es den Leuten peinlich ist." Das Abzeichen - so konstatiert er - hat die entgegengesetzte Wirkung, als sich die Regierung gedacht hat. Obwohl Willy Cohn Zionist war und noch 1937 Palästina besucht hatte, blieb er in Deutschland. Auch darüber hatte er mit Leo Baeck gesprochen, der ihm recht gab, aus Palästina wieder zurückgekehrt zu sein. Er selbst - so versicherte Leo Baeck - wolle auch nicht desertieren, obwohl er sechs verschiedene Berufungen aus dem Ausland bekommen habe. In diesem Zusammenhang - so Willy Cohn - sprach sich Baeck "entsetzt über das Versagen der deutschen Rabbiner aus". Einen Widerspruch zu seiner zionistischen Überzeugung sah Cohn in seinem Verhalten nicht. Er unterstützte die Hachscharah- Bewegung, freute sich über deren Erfolg und unterstützte seine älteren Knder, als sie sich ihr anschlossen. Er gab Anregungen, von denn andere Nutzen hatten, ln seinen Lebenserinnerungen deutet er seine Position mit der des Moses, der das Volk Israel in das gelobte Land führte, aber selbst nur hineinblicken durfte. Seiner Frau stellt er es frei, mit den kleinen Kindern auszuwandern, ist aber froh darüber, daß sie es nicht tut. Die Absicht, seines Schwiegervaters, 1940 nach Südamerika auszuwandern, kommentiert er mit dem Satz: "Solche Gedankengänge sind mir fern." Glaubte er bis zu seiner Deportation, daß die Schrecken und Oualen irgendwann einmal vorüber sein würden ("nachdem alles vorbei ist", Tagebuch 20.3.1941) und er den zweiten Teil seiner Lebenserinnerungen über die Zeit nach 1933 schreiben könnte? "Man kann seinem Schicksal nicht entgehen", ist ein Satz, der häufig in seinem Tagebuch wiederkehrt. Vielleicht liegt die Lösung - in Cohns Glauben an eine Vorherbestimmung. Der Weg zu deren Erfüllung aber ist "ungewiß". Es bleibt ein letzter Funke Hoffnung, aber die Ahnung von dem schrecklichen Ende verdrängt er nicht mehr. Als im Oktober 1941 die ersten Deportationen von Breslau aus in das Lager Grüssau begannen, macht ihm ein alter Bekannter (Hugo Mamlok) einen Abschiedsbesuch (Tagebuch, 12.10.1941). "Seine Haltung", so kommentiert Willy Cohn das Auftreten dieses Bekannten,"ist sehr würdig und fest. Er glaubt allerdings, daß wir dem Untergang geweiht sind, und wenn man unsere Lage im Augenblick überdenkt, so spricht ja viel für diese pessimistische Auffassung; man will es sich nur in der Regel nicht zugeben! Es sieht so aus, als ob es die Deutschen im gegenwärtigen Aubenblick des Krieges ganz und gar auf unsere Vernichtung angelegt hätten. Man kann nur wünschen, daß ihnen dieser Plan mißlingt." Es blieb bis zum Schluß ein Fünkchen Hoffnung, daß es doch noch anders kommen könnte. Willy Cohn wurde am 21.11.1941 mit seiner Familie verhaftet, am 25.11. zusammen mit 1.000 weiteren Breslauer Juden nach Kaunas (Kowno) in Litauen deportiert. Auf Befehl des SS-Standartenführers Karl Jäger wurden 1.000 Breslauer und 1.000 Wiener Juden am 29.11.1941 im Fort IX am Rande der Stadt durch Erschießung ermordet. Es waren 1.155 Frauen, 693 Männer und 152 Kinder. Unter den Opfern waren Willy Cohn, seine Ehefrau Gertrud und die beiden Töchter: die neunjährige Susanne und die dreijährige Tamara. Willy Cohn war eine komplexe Persönlichkeit. Doch als Fixpunkt seiner Orientierung zeichnet sich das Vertrauen auf die Fortdauer des jüdischen Volkes trotz der Greuel durch die Nationalsozialisten ab. Der objektiven Beurteilung der Geschichte dieses Volkes galt seine wissenschaftliche Arbeit bis an sein Ende, galt auch die Arbeit an seinen Lebenserinnerungen, die die kulturellen Leistungen der Juden in einer Kultur festhalten sollte, die durch die Nationalsozialisten zerstört wurde. Trotz seiner Identität als Jude und trotz aller Ausgrenzungen löste er sich nicht aus dieser Kultur und suchte bei allen Anfeindungen fast nur das Positive im Verhalten seiner nichtjüdischen Mitbürger zu sehen. Ob ihm dies zum Verhängnis wurde, muß offen bleiben. Die Erinnerung an Willy Cohn wird bewahrt durch seine autobiographischen Aufzeichnungen, die "Lebenserinnerungen" und "Tagebücher", beides kulturelle Denkmäler von bleibendem Wert.