Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 2003
- Issue
- No. 74 (2003)
- Date
- 2003-01-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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5 (Fortseirung von Seite 4) Walter Laqueur an, Walter Boehlich und - ich glaube auch - Fritz Stern denkt, ist das sicher nicht übertrieben. Man könnte glauben, daß Willy Cohn nach der nicht zustande gekommenen wissenschaftlichen Karriere nun den Typ Lehrer abgegeben hätte, der als verhinderter Privatdozent nur widerwillig unterrichtete, ein Typ, wie er ja häufig in der Literatur begegnet. Doch das Gegenteil war der Fall, wie wir von seinen Schülern wissen. Wenn man sich die anschauliche Darstellungsweise seiner historischen Werke vergegenwärtigt, glaubt man gern, daß er einen interessanten Unterricht vermittelt hat. Von 1914-1918 war Willy Cohn Soldat an der Front in Frankreich. Diese Jahre waren für seine Entwicklung entscheidend. Die "demütigende Zählung jüdischer Frontkämpfer", die der preußische Heeresminister 1916 angeordnet hatte, machte ihm "das alte Judenschicksal wieder deutlich". "Ich war" - so schreibt er in seinen Lebenserinnerungen- "in den Krieg gezogen, zwar gewiß schon als bewußter Jude, aber doch als Vertreter der Assimilation, nämlich als deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens. Unter dem Eindruck dessen, was ich draußen erfuhr, wurde ich im Laufe der Kriegsjahre, nicht von heute auf morgen, nach sehr langem und ernstem inneren Kampfe Zionist." Der in den ersten Jahren der Weimarer Republik ansteigende Antisemitismus läßt ihn die Rückkehr nach Palästina als "einzige Möglichkeit" erscheinen. Rückblickend merkt er jedoch auch an: "Wie wenige von uns hatten damals gemerkt, daß es in Palästina auch Araber gab und daß die arabische Frage gar nicht so einfach zu lösen war." Durch seinen "Weg zum Zionismus" fand er auch eine neue Einstellung zum Judentum, vermittelt durch Martin Buber und dessen Interpretation des Chassidismus. Doch gesteht er auch ein, daß sein Preußentum sein Verhältnis zu den Ostjuden und ihrem gelebten Judentum immer wieder blockiert habe. Neben dem Zionismus und religiösen Judentum hatte er durch den Krieg ein drittes Ideal gewonnen: den Sozialismus. Der Aufbau Palästinas war für ihn nur "unter sozialistischem Gesichtspunkt" denkbar. Für ihn hatte das zunächst die Konsequenz, daß er der SPD beitrat und sich in den folgenden Jahren intensiv der sozialdemokratischen Bildungsarbeit, vor allem im Hinblick auf die Jugend, widmete. In diesem Zusammenhang verfaßte er Biographien über Karl Marx, August Bebel und über seinen Breslauer Landsmann Ferdinand Lassalle. Diese Biographien wurden bei der Breslauer Bücherverbrennung am 10.5.1933 in die Flammen geworfen. Obgleich Frontkämpfer wurde Willy Cohn als Jude und Sozialist 1933 aus dem Schuldienst entlassen. Die Pension, die er bis zu seiner Deportation erhielt, enthob ihn schlimmster materieller Sorgen. Zu seinem Lebensinhalt wurden nun neben dem Leben mit seiner Familie und seinen Kontaktn zur orthodoxen jüdischen Gemeinde die Forschungen zur jüdischen Geschichte, vor allem seine Mitarbeit an der "Germania Judaica", für deren zweiten Band (bis 1348) er die schlesischen und böhmischen Städte bearbeitete. Daneben verfaßte er zahlreiche Artikel für jüdische Zeitschriften bzw. Presseorgane. Nicht-jüdische wissenschaftiche Publikationsorgane standen ihm als Juden nicht mehr offen und bald durfte er auch in öffentlichen Bibliotheken und Archiven nicht mehr arbeiten.Doch Willy Cohn hatte insofern Glück, als ihm bis zu seinem Ende die katholische Dombibliothek bzw. das Diözesan- Archiv zur Verfügung standen. Es entwickelte sich fast ein freundschaftliches Verhältnis zwischen dem Archivleiter Konsistorialrat Kurt Engelbert (1886-1967) und Willy Cohn. In engen wissenschaftlichen Kontakt trat er hier auch zu einem katholischen Wissenschaftler, der nach dem Krieg der wohl bedeutendste katholische Kirchenhistoriker werden sollte, mit Hubert Jedin (1900-1980). Mit ihm unterhielt er sich über wissenschaftliche Probleme, aber auch über Politik. Jedin besorgte ihm die neuesten Zeitschriften und lieh für Cohn Bücher bei der Universitätsbibliothek aus. Mit Jedin verband ihn auch, daß dieser "ein ähnliches Schicksal trägt"; denn Jedins Mutter war Jüdin; er selbst war deshalb 1933 als Privatdozent an der katholischen theologischen Fakultät in Breslau entlassen worden. Von 1936-39 war er als Kirchenarchivar in Breslau tätig. Da er 1938 verhaftet worden war, emigrierte er 1939 nach Rom. So sehr v sich Cohn für Jedin freute, um so mehr bedauerte er dessen Weggang: "Er hat mir die wissenschaftlich Arbeit in jeder Weise erleichtert und war mir immer gefällig. Ich werde kaum wieder jemanden finden, der mir so hilft", schreibt Willy Cohn am 7.1.1939 in sein Tagebuch. Er fühlte sich Jedin auch wegen dessen jüdischer Herkunft besonders verbunden. Doch Jedins Nachfolger Engelbert zeigte sich nicht weniger um Willy Cohn bemüht und ermöglichte ihm weiter ein Leben als Wissenschftler. Die wissenschaftlichen Gespräche mit ihm sind Cohn wichtiger als Essen und Trinken, zumal ihm Engelbert ermöglichte, nicht nur für die Artikel der "Germania Judaica" im Archiv zu arbeiten, sondern ihm auch die Mitarbeit im Archiv anbot, so bei der Ordnung der Regest- Karteien, bei Anfragen an das Archiv sowie der Lektüre von Korrekturfahnen. Er vermittelte Willy Cohn "das beglückende Gefühl in einem geistigen Betriebe zu stehen" (Tagebuch 10.2.1941). Auch über politische Probleme redeten sie offen, wobei Engelbert indirekt die passive Haltung der Katholischen Kirche in der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus mit dem Hinweis auf die Vernichtung der polnischen Intelligenz entschuldigte. Besonders beglückt war Willy Cohn durch die Entdeckung hebräischer Handschriften im Archiv, die als Bucheinbände verwendet worden waren. "Mit Ehrfurcht" entzifferte er diese hebräischen Pergamente, die "ein halbes Jahrtausend", wie er schreibt, "kein Jude in der Hand gehabt hat". Seine Schlußfolgerung daraus lautet: "In diesen Pergamenten hat sich unser Leben erhalten" (Tagebuch, 10.8.1940). Willy Cohn, "der mit der Wissenschaft nicht aufhören kann, wenn er einmal damit angefangen hat" (Tagebuch, 5.8.1940), sieht in seinen Forschungen und Publikationen zur jüdischen Geschichte eine Möglichkeit, zur Fortdauer des jüdischen Volkes beitragen zu können. Denn trotz seiner persönlichen Misere und der Erkenntnis, daß er "ein erledigter Posten" sei, ist er davon überzeugt, "daß unser Volk gewiß nie untergehen kann und durch alle Schickungen gut durchkommen wird, wenn auch der einzelne zugrunde geht" (Tagebuch, 25.12.1940). Darin bestärkt ihn auch Leo Baeck (1873-1956), mit dem er sich zweimal in Breslau trifft, und den er als eine "wirklich überragende wissenschaftliche und jüdische Persönlichkeit" bewundert (Tagbuch, 14.9.1940). Mit ihm hofft er darauf, daß einmal eine objektive Geschichtswissenschaft das Leben und Verhalten der Juden in Deutschland positiv bewerten wird. In diesem Sinne verfaßt er seine Lebenserinnerungen (bis 1933), die Zeugnis von einer "abgelaufenen Epoche" geben sollten und mit denen er sich an ein konkretes Publikum wandte, an "Enkel und spätere Generationen", aber auch an nicht-jüdische Leser späterer Zeiten. Als er sie im September 1941 abgeschlossen hatte, war seine Sorge, sie unbedingt zu retten. Nicht ohne Stolz schreibt er in seinem Tagebuch, daß Leo Baeck bei einem der Gespräche "viel Interesse" an seinen Lebenserinnerungen gezeigt habe. Cohns Lebenserinnerungen sind heue - nach ihrer Publikation durch Norbert Conrads (1955) - das wohl wichtigste Zeugnis der (Fortstzung auf Seite 6)