Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 2002
- Issue
- No. 73 (2002)
- Date
- 2002-01-01
- Page
- Seite 15 (sequence 1702)
- Language
- German
- Belongs to
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15 Nachbarn (Mord an den Juden von Jedwabne, von Jan T. Gross) C.H. Beck-Verlag, München 2001, 196S. mit zahlreichen Abb. Publizisten freuen sich, wenn sie ein breites Publikum erreichen. Das gilt selbstverständlich auch für diesen Beitrag. Dennoch muss eingangs darauf verwiesen werden, dass hier Grausamkeiten und Graueitaten geschildert werden müssen, die nicht jedem zugemutet werden können. Das zur Warnung. Es geht um die Ermordung der Juden im ostpolnischen Jedwabne, das Anfang der 40er Jahre des vergangenen Jahrhunderts um die 2.500 Einwohner hatte. Zwei Drittel von ihnen waren Juden. Nach dem Hitler-Stalin Nichtangriffspakt vom August 1939, und dem deutschen Überfall auf Polen vom 1. September 1939, besetzte die Rote Armee Ostpolen und damit auch Jedwabne. Viele Juden waren damals erleichtert, weil sie wussten, dass ihnen unter deutscher Herrschaft der sichere Tod drohte. Die Sowjets diskriminierten und verschleppten zwar viele Juden, aber der Kreml verübte keinen Völkermord. Im Sommer 1941 war es mit der Ruhe vorbei. Hitler hatte am 22. Juni die Sowjetunion überfallen und damit geriet auch Ostpolen unter deutsche Herrschaft. Kaum waren deutsche Verbände in Jedwabne eingerückt, begann einer der grausamsten Pogrome der Neuzeit. Szmul Wassersztajn, einer der wenigen Überlebenden, schilderte den Massenmord im April 1945 der Jüdischen Historischen Kommission im benachbarten Bialystock so: "... Auf Krawecki stachen sie mit Messern ein, danach rissen sie ihm die Augen aus und schnitten ihm die Zunge ab. Zwölf Stunden lang quälte er sich unmenschlich, ehe er seine Seele aushauchte. Alten Juden wurde der Bart verbrannt, Säuglinge wurden an der Mutterbrust getötet, Leute wurden unter mörderischen Schlägen zum Singen und Tanzen gezwungen. Schließlich schritt man zur Hauptaktion, der Verbrennung....alle mussten singen, während man sie zur Scheune trieb. (Auf dem Weg dorthin wurden sie von Rowdys bestialisch geschlagen. Neben dem Scheunentor standen einige Rowdys, die verschiedene Instrumente spielten, um die Schreie der unglücklichen Opfer zu übertönen. Einige versuchten, sich zu wehren, aber sie waren wehrlos. Blutüberströmt und verletzt, wurden sie in die Scheune gestossen.) Dann wurde die Scheune mit Benzin begossen und in Brand gesteckt, woraufhin die Banditen die jüdischen Behausungen nach zurückgebliebenen Kranken und Kindern absuchten. Die Kranken, die sie fanden, trugen sie selbst zur Scheune, die kleinen Kinder banden sie zu mehreren an den Beinchen zusammen und schleppten sie auf dem Rücken herbei, legten sie auf die glühenden Kohlen." (S. 25/26). (Priester, an die sich Juden mit der Bitte um Hilfe wandten, verweigerten diese mit der Begründung, schließlich hatten die Juden Jesus Christus ermordet.) Deutsche Besatzer fotografierten das Massaker und mahnten die Mörder, nicht zu grausam zu sein. Ohne Erfolg. Etwa 1.600 Kinder, Frauen, und Männer fielen dem Pöbel zum Opfer. Jan Gross hat zwar viele Fotos von den Opfern gefunden, aber keines von dem Pogrom. Deshalb schliesst er sein Buch mit der Bitte: "Schauen Sie auf Ihrem Dachboden und in Ihren Familienalben nach. Wir sollten - im eigenen Interesse wie im Interesse der Opfer - bestrebt sein, alle vorhandenen Beweise dieses entsetzlichen Verbrechens zu sammeln und zu bewahren." (S. 124). Im Januar 1949 nahmen Beamte des polnischen Staatssicherheitsdienstes in Jedwabne 15 Männer unter Mordverdacht fest. Die Beweiserhebung dauerte ganze zwei Wochen. Dann wurden die meisten Angeklagten freigesprochen. Von einer sorgfältigen Hauptverhandlung kann keine Rede sein. Von 1963 bis 2001 stand auf dem Platz der niedergebrannten Scheune eine Gedenktafel mit diesem Text: "Ort der Ermordung der jüdischen Bevölkerung. Hier haben Gestapo und Hitlers Gendarmerie 1600 Menschen bei lebendigem Leib verbrannt." Im Herbst 1998 wurde der aus Polen stammende und in New York lehrende Historiker Jan T. Gross gebeten, sich an der Festschrift für einen polnischen Kollegen zu beteiligen. Gross hatte sich schon früher mit dem Pogrom von Jedwabne beschäftigt und griff nun das Thema für ein Buch auf. Als es Anfang des Jahres in englischer Sprache erschien, brach in Polen ein Sturm der Entrüstung aus. Gross wurde beschimpft, als Nestbeschmutzer diffamiert - wir kennen das hierzulande bei Versuchen, die eigene Geschichte aufzuarbeiten. Gross hat allerdings für alles überzeugende Beweise. Jedes Zitat ist im umfangreichen Anhang belegt. Es gibt freilich auch unverdächtige Autoren, die ihm widersprechen. Thomas Urban, erfahrener Polen-Korrespondent der angesehenen "Süddeutschen Zeitung", meint, beweisen zu können, dass auch deutsche Besatzer aktiv mitgemordet haben. Die stockkonservative "Frankfurter Allgemeine Zeitung" rät zum Abwarten, weil das Polnische Institut für Nationales Gedenken an einem umfangreichen Weißbuch arbeite, das frühestens Anfang nächsten Jahres erscheinen soll. Hier, allerdings geht es in erster Linie um das Buch "Nachbarn" von Jan Gross. Es hat eine wichtige Diskussion angestossen, was gut und gelungen ist. Damit hat das Buch seine eigene Bedeutung, wobei Gross zum Glück mehrfach feststellt, dass all jenes Grauen nur mit ausdrücklicher deutscher Billigung möglich war. Das sollte nie vergessen werden. Heiner Lichtenstein ("Die Mahnung, 1.11/1.12.2001) ★ ★ ★