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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 2002-01-01 · No. 73 (2002) · p. Seite 14

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Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
2002
Issue
No. 73 (2002)
Date
2002-01-01
Page
Seite 14 (sequence 1701)
Language
German
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BRESLAU von Vera London-Rosenbaum (geschrieben 1945, als Breslau drei Wochen beschossen wurde) Die Russen sind da! Ein Jahrhunderte alter Angsttraum ist Wirklichkeit geworden. In den Augusttagen von 1914 kam es wegen einer Staubwolke am Horizont, die von einer heimkehrenden Schaftsherde herrührte, zu einer Panik in den umliegenden Dörfern, so dass der Festungskommandant in Breslau durch Maueranschlag bekannt geben musste, dass keine Kosakenpatrouille im Anzug und dass der Abendstern kein russischer Flieger sei. Und damals hatte man kein schlechtes Gewissen und brauchte nicht die Rache für die Sünden des preussischen Regimes zu fürchten. Die Preussen haben der Stadt niemals Nutzen gebracht. Als Friedrich der Große Schlesien, die Perle aus der Krone Maria Theresias raubte und so Breslau von Österreich, seinem natürlichen Hinterland trennte, sank die einst so reiche und mächtige freie Stadt zu einem langweiligen Provinzort herab und wurde die "zurückgebliebene Großstadt" bis sie erst mit der Entwicklung der Industrie Oberschlesiens etwas von ihrer alten Bedeutung zurückgewann. All die schönen weltlichen und kirchlichen Bauten stammen aus vorpreussischer Zeit. Polnische Piastenherzöge, böhmische und ungarische Könige und österreichische Jesuiten haben geholfen, die Stadt aufzubauen. Die preussischen öffentlichen Bauten sind ärmlich, nüchtern und langweilig, mit Ausnahme der Festhalle von 1913, der größten Halle Deutschlands, die Reinhardt mit Gerhard Hauptmanns Festspiel einweihte, und deren ungeheuren Raum die kleine Dia Rosen mit dem Zauber ihrer Stimme füllte. Wie groß war Breslau? So groß wie Petach Tikwa: 27.000 Juden, dazu kamen allerdings in Breslau noch 530 000 andere Leute. Man vertrug sich gut, wenigstens zu meiner Zeit. Früher, zu Beginn des zweiten Kreuzzuges hatte allerdings der Flagelatenpriester Johannes Capistrano auf dem Salzmarkt, dem späteren Blücherplatz, 200 Juden verbrennen lassen. Aber nun lebten die drei Konfessionen in Frieden miteinander nach dem Vorbild des Kardinalfürstbischoffs Dr. Kogg, der seinem alten Studienkollegen, unserem Rabbiner Dr. Guttmann, stets in Freundschaft zugetan blieb. Professor Julius Guttmann, sein Sohn, ist heute Professor der Universität Jerusalem. Die Breslauer Juden spielten im Leben der Stadt eine große Rolle, das merkte man an den Hohen Feiertagen; dann blieben die meisten großen Geschäfte und Fabriken geschlossen. Die Juden gingen in großen Scharen in Zylinder und Gehrock, das Gebetbuch in Zeitungspapier eingewickelt, zum Beten, während sich ihre Angestellten und Arbeiter - wenn die Juden Feiertag haben, ist immer schönes Wetter, behaupteten die Christen - einen guten Tag machten in Oswitz und Schwedenschanze und den anderen Lokalen an der Oder, die jetzt alle Welt durch die Kriegsberichte kennengelernt hat. Regierung, Polizei und Militär überließen wir den Ariern, aber auf allen anderen Gebieten nahmen wir lebhaften Anteil. Direktor Dr. Loewe herrschte ein Menschenleben lang über die vereinigten Theater. Dr. Tugendhaft verwandelte den etwas lächerlichen Generalanzeiger in die zweitgrößte deutsche Provinzzeitung; auch in den meisten anderen Zeitungen waren Juden beteiligt. Im Ärzteverein, in der Anwaltskammer, bei Gericht, in der Handelskammer waren Juden stark vertreten. Im Buchhandel führten Max & Co. und Priebatsch. Im Musikleben und in der Literatur,in der großen Volkshochschule, dem Humboldtverein, waren Juden sowohl als Ausübende wie vor allem als Publikum maßgebend. Die Universität hatte eine große Anzahl bedeutender Professoren jüdischer Herkunft, wenngleich ein Teil von ihnen getauft war. Namen von Weltgeltung waren darunter, wie: Minkowski, Neisser, Jadassohn, Weigert, Lueth, Fraenkel, Gustav Cohn, der Biologe und Ludwig Cohn, der große Augenarzt, dessen Sohn sich allerdings des Namens schämte und sich daher Emil Ludwig nannte. Die Bedeutung der Juden im Bankwesen war schon im Rückgang, wenngleich es noch Juden in den leitenden Stellen gab, aber ebenso wie die jüdischen Privatbanken, wurden die Juden im Getreidehandel und in der Schwerindustrie durch die Fusionen der Einzelbetriebe zu großen Aktiengesellschaften ausgeschaltet. Führend waren sie aber in vielen Zweigen der Leichtindustrie, besonders in der Konfektion, die zehntausenden von Arbeitern ihr Brot gab. Eine Reihe wertvoller Menschen stellte ihre Zeit und ihr Können ohne anderes Entgelt, als die öffentliche Anerkennung, in den Dienst der Stadtverwaltung. Viermal hintereinander wurden Juden mit dem Amt des Stadtverordnetenvorstehers betraut. Auch unter den Stadträten gab es zahlreiche Juden. Mit dem Namen der im Magistrat amtierenden Männer verbindet sich die Erinnerung an ihre Frauen, die fast ausnahmslos in der sozialen Arbeit an leitender Stelle standen, teils in der allgemeinen, teils in der jüdischen Wohlfahrtsarbeit. Von Breslau erfolgte die Gründung des Jüdischen Frauenbundes durch die Frau des Stadtverordneten-Vorstehers Justizrat Dr. Ollendorf. Ein Sohn dieser Familie, Dr. Friedrich Ollendorf, schuf die Centralwohlfahrtsstelle der Deutschen Juden, die bahnbrechende Arbeit leistete. Leider gelang es ihm nicht, in Palästina ein ähnliches Werk aufzubauen. Wie groß der Anteil der jüdischen Frau in der allgemeinen und in der jüdischen Wohlfahrtspflege war, zeigte sich, als bei Kriegsausbruch alle Wohlfahrtsorganisationen der Stadt sich zum Nationalen Frauendienst zusammenschlossen und jüdische Frauen in großer Zahl beteiligt waren. Da es hilfsbedürftige Juden vor dem ersten Weltkrieg nur in geringer Zahl gab, so kamen die zahlreichen jüdischen Wohlfahrtseinrichtungen sehr oft Ariern zugute. Das galt auch von dem schönen jüdischen Krankenhaus. Allgemein bekannt war Breslau als Centrum jüdischer Wissenschaft durch sein Rabbinerseminar, an dem einstmals Graetz lehrte und das durch Namen, wie Guttmann, Rosenthal, Brann und Horowitz berühmt wurde. Die Kinder dieser Männer sind heute in Israel. Zum Seminar gehörten auch die Professoren Fraenkel und Benno Badt, die als Orientalisten an der Universität wirkten. (In der Familie Badt was es Tradition, dass der Name Badt hebräischen Ursprungs ist -"Ben David"). Ministerialdirektor Dr. H. Badt. sein Sohn, dem der deutsche Zionismus viel zu verdanken hat, lebt heute ebenfalls in Tel Aviv. Die Familie Badt gehörte zu dem Kreis frommer Familien, die dem religiösen Leben der Stadt einen festen Halt gaben. Vieles in dieser Beziehung war das Verdienst der bekannten Familie Kober, die sowohl im Misrachi, wie in der Agudah führend war. Auch von ihnen konnten sich einige Angehörige nach Erez Israel retten. Einer anderen frommen und einflußreichen Familie, den Wittenbergs, verdankt Tel Aviv zwei besonders tätige Frauen, Frau Grete und Frau Paula Barth. In all den großen Familien, den orthodoxen wie den liberalen, herrschte eine herzliche und offene Gastlichkeit. In vielen der schönen Häuser gab es gute Musik, literarische Cirkel und schöne Feste. Eine wichtige Rolle im gesellschaftlichen Leben der Breslauer Juden spielten die Ressource: Gesellschaft der Freunde und die Leassing- Loge, die beide eine wirksame Aufsicht über die geschäftliche und persönliche Moral ihrer Mitglieder ausübte. Die Zionisten standen in Breslau wie überall in hellem Kampf gegen alle Parteien. Wir waren alle noch sehr jung. Hermann Badt, der spätere Ministerialdirektor, war gerade Referendar geworden und Heinz Margulies hatte erst die erste Stufe in seiner Karriere begonnen, die ihn bis zum Direktor der Anglo-Palästina Bank führen sollte. In den Diskussionen mit unseren Eltern konnten wir als Kronzeugen, die in ihren Augen etwas galten, uns nur auf Zahnarzt Dr. Hugo Schachtel, später in Haifa, und Dr. Walter Steinitz, jetzt Naharia, berufen. Wir waren in verschiedenen Bünden organisiert, im Kartell jüdischer Studenten, im Herzl-Bund, der Vereinigung junger Kaufleute, im Turnverein Maccabi, und vor allem im Wanderbund Blau- Weiss. Viele aus diesen Bünden leben heute in Israel, viele, viele aber gerade aus diesen Kreisen sind im ersten Weltkrieg gefallen. Der Krieg und seine bösen Folgen, Abtrennung der Ostprovinz vor allem einen Teil von Oberschlesien, sowie die Inflation, untergruben die wirtschaftlichen Grundlagen der Stadt. Die Juden wurden besonders hart getroffen. Die alte Gesellschaft verschwand, eine neue Klasse (Fortsetzung auf Seite 17)

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