Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 2002
- Issue
- No. 73 (2002)
- Date
- 2002-01-01
- Page
- Seite 12 (sequence 1699)
- Language
- German
- Belongs to
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12 "Wer Täter ehrt, mordet ihre Opfer noch einmal" von Barbara Mattes (Ernst Klee: Deutsche Medizin im Dritten Reich. Karrieren vor und nach 1945. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2001, 416 S.) Seit Alexander Mitscherlichs Bericht über die Menschenversuche nationalsozialistischer Ärzte, "Medizin ohne Menschlichkeit" aus dem Jahr 1949, kann man die Verbrechen deutscher Mediziner kennen. Bei einer repräsentativen Befragung von Medizinstudierenden an der Berliner Charite zum Thema Medizin und Nationalsozialismus, die im April 2001 durchgeführt wurde, zeigte sich jedoch, dass nur 2.4% der Befragten den Namen Alexander Mitscherlich richtig zuordnen konnten. 13% dachten, er habe als Arzt im Konzentrationslager Buchenwald gearbeitet, während 73% mit dem Namen gar nichts verbanden. Gleichzeitig äußerte eine große Mehrheit der Studierenden den Wunsch, mehr über dieses Thema zu erfahren. Ernst Klee bemüht sich seit 20 Jahren und einem halben Dutzend Büchern die Kenntnis über die Medizinverbrechen des "Dritten Reichs" zu vertiefen und erweitern. In seinem neuen Buch setzt er sich mit der gesamten Sphäre der Biowissenschaften auseinander. Zwangssterilisation, Ermordung behinderter Kinder und Massenmorde in psychiatrischen Anstalten. Nicht nur um Sadisten handelt es sich, auch "normale Wissenschaftler", die sich skrupellos in den Dienst der rassistischen Ideologie des Dritten Reichs stellten, bzw. diese begründen halfen. Ein Eldorado, das "faszinierende Forschungsmöglichkeiten" bot. Julius Hallervorden, 1940 bei der Vergasung ausgewählter Kinder anwesend, um die Gehirne sofort herauszuschneiden, nach 1945 Abteilungsleiter am Max-Planck- Institut für Hirnforschung: "Es war wunderbares Material unter diesen Gehirnen, Schwachsinnige, Missbildungen und frühe Kinderkrankheiten." Klee zieht den Schluss: "Die Psychiatrie wurde von den Nazis nicht missbraucht, sie brauchte die Nazis". Die Doktrin der Erfassung und "Ausjäte" aller "Minderwertigen", "Artfremden" und Leistungsschwachen wurde zur mörderischen Praxis: "Zwischen 1933 und 1945 geschieht nichts, was nicht Psychiater lange vor den Nazis gefordert hatten. (...)" Hermann Simon, Anstaltsleiter in Gütersloh, definiert 1931 den Personenkreis angeblich Minderwertiger: Körperschwache, Kränkliche, Schwächlinge, Schwachsinnige, Krüppel, Geisteskranke: "Es wird wieder gestorben werden müssen". Die Vernichtung der Unheilbaren versetzte die Beteiligten in eine "berauschende Gehobenheit", so der Psychiater Prof. Friedrich Panse von T4. der den Gasmord organisierenden Zentralstelle in der Berliner Tiergartenstraße 4. Die betroffenen Menschen werden zum "Material" für Dissertationen und Objekte von Medizinversuchen. Alles wird "wissenschaftlich" dokumentiert. In den Krankenakten von Kindern finden sich Eintragungen wie "nutzlose Existenz" oder "Nachts zeitweilig Tränen". Die elfjährige Rosa wird am 19. Mai 1943 von Dr. med. habil. Georg Hensel "mit Tbc geimpft". Ihre Einlieferung hält fest: "Als von ihrer Mutter die Rede ist, füllen sich die Augen mit Tränen" Die Kinder sterben qualvoll. Die Mediziner und Psychiater haben ein gutes Gewissen. Kinderarzt Bayer, als Chefarzt ab 1941 für die Morde im Hamburger Kinderkrankenhaus Rothenburgsort zuständig: "Was das angebliche Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeht, so muss ich das deshalb ablehnen, da ein solches Vergehen nur gegen Menschen begangen werden kann und die Lebewesen, die hier zur Behandlung standen, sind nicht als Menschen zu bezeichnen." Im April 1949 setzte das Hamburger Landgericht alle an den Hamburger Kindermorden Beteiligten, dazu gehörte auch Werner Catel, an der Kinder-Euthanasie maßgeblich beteiligt und ab 1960 Lehrstuhl für Kinderheilkunde in Kiel, außer Strafverfolgung. Zur Begründung führten die Richter aus, dass "die Verkürzung lebensunwerten Lebens" keinesfalls “dem allgemeinen Sittengesetz widerstreitet". Beklemmend ist Klees Schilderung der unheilvollen ungebrochenen Kontinuität biowissenschaftlicher Forschung. Die Führungskräfte der Naturwissenschaften bildeten effiziente Seilschaften, die kompromittierten Forschern zum neuen Lehrstuhl im Nachkriegsdeutschland verhalten. Ein Beispiel von vielen: Fritz Lenz, ab 1923 in München Inhaber des ersten Lehrstuhls für Rassenhygiene, schrieb 1936: "Die jüdische Rasse ist (...) als eine Rasse von Parasiten geschildert worden. Zweifellos können die Juden zu einem schweren Schaden für ein Wirtsvolk werden (...) Ein Lebewesen gedeiht besser ohne Parasiten." Ab 1946 hat er ein Extraordinariat in Göttingen und ist Direktor des Instituts für menschliche Erblehre der Universität. Der Max-Planck-Gesellschaft (MPG) und der Deutschen Forschungsgesellschaft (DFG) weist Klee eine unrühmliche Rolle nach. Der Präsident der MPG, Hubert Markl, bekannte 2001, es stehe zweifelsfrei fest, dass sich führende Wissenschaftler des MPG-Vorläufers Kaiser-Wilhelm- Gesellschaft "aus eigenem Bestreben aktiv and fördernd an der biologisch-rassistischen Politik des NS-Regimes beteiligt haben." Viele von der DFG geförderte Forscher und Forschungsvorhaben hatten direkt oder indirekt mit Menschenversuchen, Massenmord und Militärforschung zu tun. Die schonungslos umfassende Aufarbeitung ihrer Vergangenheit sind beide Institutionen nach wie vor schuldig geblieben. Die verachteten Opfer finden noch heute nicht die Beachtung, die sie verdienten. 1963 schreibt einer der meistgeehrten Psychiater der Nachkriegszeit, Helmut E. Ehrhardt, in einem Gutachten für das Bundesfinanzministerium: "Eine Entschädigungsregelung für die Sterilisierten würde in vielen Fällen zu einer (...) Verhöhnung des echten Gedankens der Wiedergutmachung." Während die Täter zumeist ungehindert weiterforschten, nicht selten hoch dekoriert wurden, fehlt den Opfern noch immer ein Anwalt. Ernst Klee klagt mörderische Täter und Institutionen an. Er nennt wissenschaftliche Versuche, die Verbrechen waren, Verbrechen. Darüber hinaus ist es jedoch nötig, die heutige Wissenschaftlergeneration der aktuellen Eugenik-, Humangenom- und Klonprojekte wie auch die Öffentlichkeit für die möglichen Folgen ihres Tuns in höherem Maß zu sensibilisieren. Die Ansprüche an die scheinbar unermesslichen Chancen der Zukunftsmedizin, gepaart mit naiver Wissenschaftsgläubigkeit, wachsen. Medizinische Ethik hat sich aber nie im innerwissenschaftlichen Diskurs konstituiert. Die Medizinhistorikerin Astrid Ley sagt es treffend: "Medizin hat von sich aus keine Hemmungen eingebaut. Ihre Schranken muss ihr die Gesellschaft setzen". (Kalonymos, 5. Jhrg., 2002, Heft 1)