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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 2002-01-01 · No. 73 (2002) · p. Seite 9

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Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
2002
Issue
No. 73 (2002)
Date
2002-01-01
Page
Seite 9 (sequence 1696)
Language
German
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9 Spätfolgen des Schweigens - Holocaust-Überlebende und deren Kinder Von W. E. Platz Chaim Dasberg (Jerusalem) hat ausgeführt, dass Juden den Holocaust immer als eine vollständige Vernichtung eines Teiles ihres Volkes empfinden werden. Obwohl sich das Wort "Holocaust" umgangssprachlich eingebürgert hat, sei an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass dieses dem Griechischen entlehnte Wort ein "Ganzopfer durch Verbrennung" meint, bezogen auf eine rituelle Opfergabe an die Götter. Die ermordeten Menschen, Juden, Roma und Sinti, Homosexuelle, geistig Behinderte, politisch Andersdenkende, wurden nicht geopfert, sondern heimtückisch und aus niedrigen Beweggründen umgebracht, d.h. ermordet und ihrer Besitztümer beraubt, bis hin zu rausgebrochenem Zahngold und abgeschnittenen Haaren, es wäre daher angebrachter, von milionenfachem Raubmord zu sprechen. Immer noch existiert eine Art Verschwörung des Stillschweigens, wie Dasberg es formuliert hat, mit Erinnerungsverfälschungen und Gegenerklärungen. Obwohl viele der Überlebenden sich zumindest nach außen hin kreativ und produktiv als fähig zeigten, bedrückte sie doch gleichzeitig die Rechtfertigung ihrer Existenz, sie waren in der "Endlösung" zum Tode verurteilt, aber sie überlebten. Die Opfer schwiegen, vor allem, um ihre Kinder nicht zu belasten, aber auch die Täter schwiegen, weil ihre Taten sich durch nichts rechtfertigen lassen, es sind Taten, für die uns die Sprache fehlt. Nach unseren Erfahrungen kommt es auch bei scheinbar belastungsfähigen Menschen, die das Grauen überlebt haben, durch den jahrzehntelangen inneren Druck, sowohl zu körperlichen als auch zu seelischen Zusammenbrüchen. Miriam Rieck (Haifa) konnte zeigen, dass Überlebende häufig Anhedonie (Freudlosigkeit) und Pessimismus zeigen, sie weisen, im Vergleich zu Nichtbetroffenen, häufiger Beschwerden auf, selbst Angehörige der zweiten Generation suchen nach einer Langzeitstudie in Holland wegen vielfältiger Beschwerden immer häufiger Therapeuten auf. Offenbar waren die Therapeuten zuvor nicht imstande, die Welt des Schweigens aufzubrechen. Die automatische Anwendung von Diagnosen und Therapien, vor allem in den Jahren nach der Befreiung in Deutschland, wie z.B. "vegetative Dystonie" für den seelischen Zustand der Überlebenden war schon frühzeitig auf Unverständnis gestoßen, ohne dass eine Änderung erfolgte. Obwohl W. G. Niederland bereits 1961 ein "Überlebendensyndrom" (survivor-syndrome) beschrieben hatte, wurde den Therapeuten und den in Behörden Zuständigen erst sehr viel später klar, dass es sich hierbei um Erscheinungen handelt, die nicht in friedlichen und relativ normalen Zuständen Vorkommen, deshalb damit auch nicht verglichen werden können. Erst 1991 wurde in der Internationalen Klassifikation psychischer Störungen (WHO) neben dem Begriff posttraumatische Belastungsstörung die Beschreibung einer Persönlichkeitsänderung nach Extrembelastung (durch Nazi-Verfolgung) aufgenommen. Es handelt sich nicht um Folgen einer Naturkatastrophe oder eines schweren Unfalls, durch die Menschen traumatisiert wurden, sondern es war der absolute Vernichtungswille gewesen, den die Täter im Herrschaftsbereich der deutschen Wehrmacht umsetzten. Dem Leben des Einzelnen, dem Leben einer Gruppe, ja eines ganzen Volkes wurde das Existenzrecht abgesprochen, eine irgendwie geartete Rettung, etwa durch sich Taufenlassen, wie im Mittelalter, half nicht mehr, im Gegenteil zum Christentum konvertierte Juden waren anhand von Kirchenbüchern leicht herauszufinden. Immer wieder wurden die verfolgungsbedingten Beschwerden, insbesondere Spätschäden dre Nazi-Verfolgung von den zuständigen Stellen bagatellisiert, teilweise völlig negiert, wie Gutachten zeigen, oder eben mit bis dahin bekannten seelischen Störungen verglichen. Es ist deshalb umso erstaunlicher, dass, vor allem im Gefolge der amerikanischen Vietnamstudie, charakteristische psychische Störungen aus anderen Gründen Traumatisierter nicht in Frage gestellt wurden, sondern für eigene Zwecke ohne Probleme, etwa von Gutachtern, vereinnahmt wurden, eine Übertragbarkeit wurde außerhalb der Schäden, die Überlebende aufwiesen, nicht in Frage gestellt, auch nicht die Notwendigkeit therapeutischer Hilfe, es sei hier nur auf im Krieg verwundete Soldaten oder auch auf Folgeschäden durch DDR-Haft hingewiesen. Wie Rieck in ihrer Untersuchung feststelien konnte, kamen seelische Störungen häufig erst nach einer Periode, die später als symptomfreie Periode oder Latenz bezeichnet wurde, zum Vorschein. Es fanden sich immer wieder Symptome, wie Dysphorie (Missstimmung), Irritabilität, Schlafstörungen, Alpträume, Angst, paranoides Denken, Konzentrations- und Gedächtnisstörungen, Hypermnesie (abnorm gesteigertes Erinnerungsvermögen) der Verfolgungserlebnisse und Somatisierung (funktionelle Organstörungen). Diese spezifischen Beschwerden waren oft zeitlich versetzt, verbunden mit einer Beeinträchtigung der Beziehungsfähigkeit, auch mit Missbrauch von Alkohol oder psychotropen Substanzen, mit sozialem Rückzug, Einsamkeit, Schuldgefühlen, Stimmungsschwankungen, Misstrauen gegen die Umgebung, bis hin zu Suizidgedanken. Es soll zum Phänomen des Schweigens noch auf einen Punkt aufmerksam gemacht werden: Auch die freie Welt, die gewusst hatte, schwieg, sie tendierte dazu, die Überlebenden zu ignorieren, vor allem aber wollte sie ihnen nicht zuhören. Miriam Rieck weist in diesem Zusammenhang auf die Kombination von dem Drang zu erzählen und nicht gehört zu werden hin, der für die Befreiten zu einer "secondary victimization" führte und sie zum Schweigen drängte. Dies wird heute als der wohl erste Schritt zur "conspiracy of silence" angesehen. Alexandra Rossberg (Berlin) hat die Ergbnisse der wissenschaftlichen Auswertung eines Modellvorhabens (Psychotherapeutische und Soziale Hilfen für NS-Verfolgte / "esra" /), das vom Bundesministerium für Familie und Senioren gefördert wurde, dargestellt. Danach gehören zu den Leitsymptomen der ersten Generation und der child survivors Depressionen, Schlafstörungen und Ängste, sowie ein Teil des Symptomkomplexes der posttraumatischen Störungen. In der zweiten Generation waren nach der Depressivität Störungen der Beziehungs- und der Leistungsfähigkeit führend, diese Befunde stimmen mit der Literatur und eigenen Erfahrungen in der Beratung und Behandlung Überlebender und ihrer Kinder weitgehend überein. In den Berichten der Kinder Überlebender zeigte sich im Vergleich zur übrigen Bevölkerung, dass sie überhäufig dazu neigen, eine große Verantwortung für ihre Eltern zu übernehmen, sie sind bzw. waren in dauernder Sorge um die Eltern, auch dann, wenn diese nur angedeutet oder gar nicht etwa über die Umstände ihres Überlebens sprachen bzw. gesprochen hatten. Eine Verneinung dessen, was die Verfolgten erlebten, war in der Nachkriegszeit wahrscheinlich zweckmäßig gewesen, mit zunehmendem Alter der Überlebenden kann eine solche Negierung nach unseren Erfahrungen nicht ständig aufrecht erhalten werden, zumal sogenannte comorbide Angst-, Somatisierungs- und somatoforme Schmerzstörungen die Überlebenden dazu bringen, Hilfe zu suchen. Es soll aber hier an die Einschätzung von Heinz Galinski s.A. erinnert werden, der, selbst ein Auschwitz- Überlebender, feststellte, dass man, trotz aller Bemühungen, das "Überlebenssyndrom" nicht heilen, bestenfalls lindern kann. Umso mehr gilt die Forderung von AMCHA (National Israeli Centre for Psychosocial Support of the Holocaust, Jerusalem), die Überlebenden nicht ein zweites Mal allein zu lassen. ("Die Mahnung", Nr. 6, 1.6.2002)

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