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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 2002-01-01 · No. 73 (2002) · p. Seite 8

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Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
2002
Issue
No. 73 (2002)
Date
2002-01-01
Page
Seite 8 (sequence 1695)
Language
German
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8 Breslauer Judentum im Zeitalter der Emanzipation (Fortsetzung von Seite 5) Presse, Volksbildungswesen usw. sind ihre Ergebnisse in weitere Kreise gedrungen." Der jüdische Historiker notierte dieses Urteil zu einer Zeit, in der er noch nicht zu ahnen vermochte, auf welche Weise wichtigste Segmente jüdischer Wissenschaft, die doch "im wesentlichen eine Schöpfung des deutschen Judentums" gewesen war, wenige Jahre später ausgelöscht werden sollten. Schon 1934 prophezeite Josef Meisl in dem Sammelwerk "Juden im deutschen Kulturbereich", ohne zu wissen, welche Katastrophe diese Zukunftsschau realisieren würde: "Ein neues Zentrum wirklich freier Wissenschaft des Judentums beginnt in der Hebräischen Universität zu entstehen unter der Mitwirkung zahlreicher aus Deutschland stammender Gelehrter". Das Breslauer Seminar hat die Konzeption einer "Wissenschaft des Judentums" um eine eigenständige Variante bereichert. Bemühte man sich in Berlin vorzugsweise um den Zugang zu den Universitäten bzw. die Errichtung von Lehranstalten, die das reine wissenschaftliche Wirken ohne jede Bindung zumindest als Ideal proklamierten, so sah man in Breslau unter dem Einfluß Frankels, "dass der Wissenschaft des Judentums nur dann eine gedeihliche Wirksamkeit verbürgt sei, wenn sie der Glaubensgemeinschaft zugeführt werde in Verbindung mit den Grundlagen der allgemeinen Bildung, mit der Philosophie und dem klassischen Altertum, wenn sie herausträte aus dem beengenden Lehrhause der Vorzeit in den freien Lehrsaal moderner wissenschaftlicher Forschung". Damit war eine Mittelposition beschrieben: "Freiheit der Forschung, doch Gebundenheit an das 'positiv-historische Judentum'". Das "Breslauer Programm" bzw. die "Breslauer Schule", in der gleichrangigen Verpflichtung gegenüber der jüdischen Tradition auf der einen und dem Prinzip freier wissenschaftlicher Forschung auf der anderen Seite verkörperte alles in allem die zukunftsträchtigste Antwort auf Emanzipation und Assimilation des Judentums im vorigen Jahrhundert. Sie akzeptierte das Angebot bürgerlicher und wissenschaftlicher Emanzipation, ohne dabei die Verbindung zu den Wurzeln jüdischer Existenz aufzugeben. Wenn damit die Alternative von Orthodoxie und Reform ausgeschlagen wurde, so machte das die Bahn frei für jenes Judentum, das in Deutschland unter der reichlich unscharfen Sammelbezeichnung "Konservativismus" nicht mehr zu geschlossener Gestaltung fand, während es in den USA als “Conservativism" zu großer Verbreitung und erheblichem Einfluß gelangt ist. Die Vermittlungsposition, der sich das Breslauer Seminar im Geiste Frankels verpflichtet wußte, hatte ohne Zweifel auch ihre Bedenklichkeiten. Neben apologetischen Tendenzen, einer Neigung zu sentimentaler Beschönigung der Vergangenheit und der Vorspiegelung einer wirklichkeitsfernden Idylle, war es vor allem das völlige Unverständnis für die geistige Wirklichkeit des osteuropäischen Judentums, für Kabbala und Chassidismus also, das nur als Opfer auf dem Altar des Zeitgeistes der aufklärerischen Emanzipationsepoche zu begreifen ist. Aber damit wird ein Manko der "Wissenschaft des Judentums" überhaupt angesprochen, das insbesondere Gerschom Scholem mit Bitterkeit zu kommentieren pflegte. Trotz solcher Einschränkungen wird man sagen dürfen, daß in Breslau der Typ des modernen Rabbiners geprägt wurde, der um Anpassung des ererbten Glaubens und der ehrwürdigen Tradition an die Forderungen der Zeit in konservativem Geist bemüht ist. Die "Breslauer Schule" gestaltete in der zweiten Hälfte des 19. Jhs. zunächst das Erscheinungsbild des deutschen Rabbiners um, wirkte dann aber auch weit nach Südosteuropa, über Wien und Budapest, hinein, bevor sie dann etwa zur Jahrhundertwende auch in Nordamerika zur Geltung kam. In den Novembertagen des Jahres 1938, "in denen mit barbarischer Gewalt gegen die Gottesstätten im Lande vorgegangen wurde, welche in den von frevlerischer Hand gelegten Flammen versanken, ging mit den übrigen Stätten jüdischen Glaubens, jüdischen Wissens und jüdischer Kultur auch das Breslauer Seminar unter." Die überaus wertvolle Bibliothek wurde wohl zum größten Teil vernichtet, nur einige wenige Kisten mit Breslauer Büchern sollen nach dem Krieg auf geheimnisvolle Weise in der Schweiz wieder aufgetaucht sein. Die Dozenten und Studenten zerstreuten sich in alle Himmelsrichtungen, nachdem man noch für einige Monate nach der Schließung den Unterricht im Geheimen fortzusetzen versucht hatte. Leo Baeck, der in Breslau von 1891 bis 1894 studiert hatte, konnte 1939 noch den letzten Band der "Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums" in Berlin herausbringen. Dann verstummte auch diese Stimme endgültig, die über fast ein Jahrhundert hin den Geist des Breslauer Seminars verkörpert hatte. Rund dreißig der Absolventen des Seminars wurden ermordet, die anderen aus ihren Wirkungsbereichen hinaus- und in das Exil getrieben. Das Breslauer Jüdisch-Theologische Seminar, aus den Wirren und Gefährdungen der Emanzipationsepoche geboren, hat sich als "Bildungsstätte jüdischen Menschentums" bewährt, wie Isaak Heinemann es schon zur 75-Jahrfeier 1929 formulierte, der bei seiner Festrede auch an die drängenden Fragen des großen Rabbi Hillel erinnerte: "Wenn ich nicht für mich bin, wer sonst? Und wenn ich nur für mich bin, was bin ich dann? Wenn nicht jetzt, wann sonst?" Das Breslauer Seminar hat auf diese Fragen des Nassi, den man Esra gleichzustellen pflegte, eine Antwort gegeben, die ihm einen bleibenden Platz in der Geschichte des deutschen Judentums sichert. Hier wurden die Chancen der Emanzipation im Sinne einer freien Wissenschaft des Judentums realisiert, ohne daß bei diesem Unternehmen die festen Bindungen an die Tradition aufgegeben worden wären. Bei allem wissenschaftlichen Anspruch, den das Breslauer Jüdisch-Theologische Seminar bis zuletzt stellte und einlöste, wurde die Verbindung zur Praxis jüdischen Gemeindelebens von Anfang an als integraler Bestandteil der Arbeit behandelt. Schon Jonas Fraenckel hatte ein Rabbiner- und Lehrerseminar projektiert, in dem die Verbindung von wissenschaftlicher und praktischer Ausbildung erprobt werden sollte. In den meisten Studien zur Emanziation des Judentums im frühen 19. Jahrhundert wird die spezifisch jüdische Antwort, die man in Breslau im Gegenüber zu Emanzipation und Assimilation, aber auch gegenüber einer allzu starren Orthodoxie entwickelt hat, entweder überhaupt nicht erwähnt oder allenfalls am Rande gestreift. Das Dürfte vor allem damit zu erklären sein, daß man sich in Breslau lediglich zu einer konditionierten Emanzipation bereit fand. Man bejahte die Niederlegung der mittelalerlichen Ghettomauern uneingeschränkt und trug Entscheidendes zu ihrer endgültigen Überwindung auch innerhalb des Judentums bei, zugleich aber wirkte man darauf hin, der jüdischen Religion in der modernen Welt einen auf Zukunft hin offenen Platz zu verschaffen. Die Breslauer wollten die bürgerliche Emanzipation des Judentums, nicht aber deren religiöse Spielart, die auf das Aufgehen des Judentums in der Assimilation, die "Euthanasie des Judentums" also, wie Kant sie gewünscht hatte, hinauslaufen sollte. (Etwas verkürzt mit der freundlichen Genehmigung des Verfassers)

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