Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 2001
- Issue
- No. 71 (2001)
- Date
- 2001-01-01
- Page
- Seite 5 (sequence 1646)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Als hätten wir dazugehört. Oesterreichisch-jüdische Lebensgeschichten aus der Habsburgermonarchie (Fortsetzung von Seite 4) Hoffnung seiner Mutter, er möge Gelehrter oder Rabbiner werden, konnte er nicht erfüllen. Im Selbststudium erlrnte er die deutsche Sprache, indem er die Klassiker und zeitgenössische Literatur las. Doch ihm fehlte noch der "Mut, sich gegen die damaligen Bräuche aufzulehnen." (S. 164) und so ließ ersieh mit 18 Jahren verheiraten. Mit 21 Jahren war Phoebus Schmelkes Haupternährer der Familie als Getreidehändler in Krakau, mußte später Konkurs anmelden und scheiterte schließlich als Spekulant in Wien. Melancholisch stimmt den Leser manch andere Lebensgeschichte. Es sind die Orte, die Namen, das geborgene kindliche Leben in jüdischen Familien, das beeindruckt. Eine Welt, die man durch die Bücher von Joseph Roth, Paul Celan oder Manes Sperber schon kennengelernt zu haben glaubte, wird in persönlicher, unprätentiös bescheidener Weise vorgetragen, die stets bewegt. Der Leser lernt Begegnungen mit Franz Kafka durch Else Bergmann ganz anders kennen, als es Max Brod "Verwalter eines Lebens" (S. 397) gestattet. Auch Else Bergmann beklagt, daß jüdische Traditionen schon seit ihrem Großvater keine Rolle mehr in der Familie gespielt und sie somit keine religiöse Erziehung erhalten habe. Dieser Traditionsverlust führt zu einer neuene Orientierugssuche. Hier wurde alles konsumiert, was der Geist der Zeit bietet: Wagner und Nietzsche, die Anthroposophie Steiners, die Philosophie Brentanos, Islam und Zionismus wurden nicht weniger diskutiert als die Klassiker der Literatur von Goethe über Tolstoi zu Ibsen. Das Bildungsideal ist großbürgerlich. Mit dem Christentum sind viele Biographen aus Kindertagen bereits vertraut. Es waren in vielen Fällen die christlichen Kindermädchen, über die der Kontakt zur nichtjüdischen Umwelt hergestellt wurde. Sie vermittelten einen naiven christlichen Kinderglauben. Die Mehrzahl der Biographen ist in säkularen Familien aufgewachsen. Ausnahmen bilden der Reformrabbiner Julius Oppenheimer, der Wiener Oberrabbiner Moritz Güdemann sowie Jakob Ludwig Heller, Egon Basch und Hans Jacoby. Als Angehörige des Bildungsbürgertums waren sie weit weniger als noch die Vätergeneration in traditionell jüdischen Berufen vertreten. Auch die 12 Autorinnen gingen in ihrer Mehrzahl neue Wege. Viele waren berufstätig, üblicherweise im sozialen Bereich, doch mit großem Engagement und beachtlicher Risikobereitschaft. Die Wohltätigkeit als religiöse Pflicht wird in den Frauenbiographien besonders deutlich herausgestellt, so von Adele von Mieses, die 1858 in Brody geboren, 1937 in Wien starb. In Brody lebten zu ihrer Zeit 18.000 Juden: eine dünne sehr wohlhabende Oberschicht und eine große Anzahl hilfebedürftiger Menschen, für die die Türen der Wohlhabenden jederzeit offen standen. Sie beschreibt, daß der Alltag ihrer Eltern bestimmt war von den unterschiedlichstem Arten der Wohltätigkeit und so war es selbstverständlich, daß die Kinder in diesem Sinne erzogen wurden und sich auch aktiv beteiligten. Lillian M. Bader, geb. Stern (1893 Wien -1959 New York) betitelt ihre autobiographischen Aufzeichnungen mit "One life is not enough". Von disem Leben mehr zu erfahren, dazu fordern die hier wiedergegebenen Texpassagen geradezu heraus. Lillian M. Bader gehört zu der Frauengeneration, die am Ende der Habsburgerzeit alle Bildungsangebote, die nun auch Frauen offen standen, nutzte. Freilich setzte dies voraus, daß sie jedwede Unterstützung seitens der Familie bekam, um sich in einer Männerdomäne wie der Wiener Universität behaupten zu können. Daß sie, die Chemie studiert hatte, dann als "Frau Dr." 1920 die Schule ihrer Mutter, die Stern'sche Mädchen- Lehr- und Erziehungsanstalt, übernahm, war allerdings nicht geplant. Ebenso wenig war zu dieser Zeit vorstellbar, daß die Schule von den Nationalsozialisten geschlossen wurde und Lillian M. Bader nach ihrer Flucht in die U.S.A. den Lebensunterhalt für ihre Familie als Hausgehilfin und Klavierlehrerin bestreiten mußte. In New York schrieb auch Esti Freud (Wien 1896-1980) die Erinnrungen an ihre Wiener Kindheit und Jugendjahre nieder. Verheiratet war sie mit Martin Freud, Sohn Siegmund Freuds. Wie ihr Vater befand, eine vollkommenunstandesgemäße Ehe: die Freuds waren nicht wohlhabend und der Schwiegervater seiner Tochter nur ein Psychiater. Tunlichst vrmied man alles, was die Heiratschancen der Tochter hätte mindern können. Statt sich an der Wiener Universität für Französisch immatrikulieren zu dürfen, erlaubte man ihr lediglich, Sprechunterricht zu nehmen und lyrische Interpretation zu lernen. Gesangsunterricht erhielt sie von ihrer Mutter. Als Sprachtherapeutin ausgebildet, blieb ihr 1932 nur, eine unbezahlte Stelle als Lektorin an der Wiener Universität anzunehmen. Ihre Flucht aus Oesterreich führte sie über Frankreich und Casablanca in die U.S.A. Hier promovierte Esti Freud schließlich mit 59 Jahren an der New School for Social Research. Beeindruckend ist auch die Biographie von David Schapira. Er wurde 1897 in Stojanow, Galizien, geboren, einer Kleinstadt in der zu 90 Prozent orthodoxe Juden lebten. Infolge einer Verletzung im Ersten Weltkrieg erblindete er und widmete seitdem sein ganzes Leben blinden Menschen. Er überträgt Lehrbücher i die Blindenschrift, um Jura an der Universitä Wien studieren zu können und läßt sich 1928 als Anwalt nieder. Sein Engagement für Blinde begann bereits 1918, als er die erste Versammlung von Kriegsblinden einberief. 1931 gründete er den Verband blinder Intellektueller Oesterreichs. Seine Söhne konnten 1938 nach England emigrieren, Schapira und seine Frau wurden nach Theresienstadt deportiert. Getragen von einem unglaublichen Überlebenswillen organisierte der blinde Jurist im Lager Vorträge und Diskussionen sowie musikalische Veranstaltungen. Er hatte sich vorgenommen, falls er je wieder nach Wien zurückkehren sollte, sich für den Wiederaufbau der Jüdischen Gemeinde einzusetzen. Das Ehepaar überlebte die Shoah und kehrte 1945 nach Wien zurück. 1948 wurde er zum Präsidenten der Israelitischen Kultusgemeinde Wien gewählt. Alle Biographinnen und Biographen in einer Rezension angemessen würdigen zu können, ist kaum möglich. Diese kleine Auswahl möchte nur das Interesse für die Lebensgeschichten von Menschen wecken, die in Orten geboren wurden, deren Namen heute zumeist niemand mehr kennt, die in der Zeit, als Franz Joseph Kaiser der Habsburgermonarchie war, in der Hoffnung lebten, sie würden dazugehören. Der Zusammenbruch der Monarchie mit Flucht, Vertreibung und Krieg zerstörte ihre Welt. Für einen Neubeginn blieb wenig Zeit, er endete mit dem sog. Anschluß Oesterreichs an das nationalsozialistische Deutschland. Vor dem Hintergrund von Ausgrenzung, Flucht und Vertreibung, Deportation und Mord sind die meisten der Lebensgeschichten geschrieben, lebendige Bilder aus einer vergangenen Welt. Die vorbildliche Edition wird ergänzt durch eine Literaturauswahl, Glossar und Register, der reich bebilderte Band ist in der Aufmachung bestechend im Boehlau Verlag erschienen.