Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 2001
- Issue
- No. 71 (2001)
- Date
- 2001-01-01
- Page
- Seite 4 (sequence 1645)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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4 ALS HÄTTEN WIR DAZUGEHÖRT. OESTERREICHISCH-JÜDISCHE LEBENSGESCHICHTEN AUS DER HABSBURGERMONARCHIE Albert Lichtblau, Hg. In Zusammenarbeit mit dem Leo Baeck-Institute New York und dem Institut für Geschichte der Juden in Oesterreich. Wien-Köln-Weimar: Boehlau, 1999. 664 S. III. ATS 968 / DEM 138 (gebunden), ISBN 3-205-98722-5. Reviewed by Margret Heitman, Salomon Ludwig Steinheim-Institut für deutsch-jüdische Geschichte, Duisburg. Published by HABSBURG (March, 2001) Ein Leben ist nicht genug - Jüdische Schicksale 1848 bis 1918 ln eine andere Welt - so scheint man einzutauchen - und die Reise geht von Galizien in die Bukowina, nach Mähren und Böhmen, von dort in die Alpenländer und endet in Wien. Reisende waren die Autorinnen und Autoren, die in diesem Band ihre Lebensgeschichten vorstellen, denn ihnen allen war es nicht vergönnt, an einem Ort zu verweilen und dort bis zum Lebensende zu bleiben. Freilich enden ihre Geschichten hier, doch ihr Weg führte sie gezwungenermaßen weiter, zumeist in die USA und nur wenig kamen zurück. Auf den ersten Blick scheint die Geduld des Lesers überfordert, sich auf 34 Lebensgeschichten einzulassen, deren Lebenswege durch die politischen Umstände der Zeit viele Parallelen aufweisen und deren Schicksale sich ähneln. Doch wenn man mit Bedauern am Ende einer Geschichte angekommen ist und mehr über die Person, ihre Familie und ihr weiteres Leben erfahren möchte, wird man zur Entschädigung hineingezogen in das nächste Leben. Dies liegt sowohl an der Lebendigkeit, mit der die Autoren ihre Lebensgeschichte erzählen, als auch an der vorzüglichen Edition des Herausgebers. Dieser gibt dem Leser noch mehr an die Hand: im Einleitungskapitel thematisiert er das Problem von Integration und Erwartungsdruck, das sich zwischen Vertreibung und Ghettoisierung bewegt. Er gibt Einsichten in die demographische Entwicklung, Beruf und Bildung, in die Geschlechterbeziehung und Familie, Identität und Kultur. Antisemitismus in böhmischer, mährischer und galizischer Ausprägung, wie auch in der Wahrnehmung oesterreichisch-jüdischer Lebensgeschichten sowie die Möglichkeiten politischer Partizipation werden thematisiert. Als zentraler Bruch stellt sich der Erste Weltkrieg dar, der zum Zusammenbruch der Habsburgermonarchie führte und damit auch zum Zusammenbruch habsburgisch-jüdischer Identitäten. Aufschlußreich für das Genre Autobiographien ist das Kapitel oesterreichisch-jüdische Biographien und Geschichte. Die jüdische Geschichtsschreibung ist eine noch recht junge Wissenschaft, die sich erst im 19. Jahrhundert entwickelte und mit der elfbändigen Geschichte der Juden von Heinrich Graetz ansetzte. War das 19. Jahrhundert allgemein das Zeitalter des Historismus, so lag es auch jüdischerseits nahe, mit dem Zugang zur allgemeinen politischen, rechtlichen und sozialen Umgeungskultur sich der eignen historischen Wurzeln als identitätsstiftendes Moment zu besinnen. Freilich setzte das Auftreten antisemitischer Agitatoren und politischer Gruppierungen in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts dieser Entwicklung brutale Grenzen. Der Philosoph Hermann Cohen brachte dies resigniert und enttäuscht auf den Punkt: "Es ist also doch wieder dahin gekommen, daß wir bekennen müssen". Apologie und Selbstvergewisserung, die Bestimmung des "Wesen des Judentums" wurde jüdischen Wissenschaftlern vorzugsweise von aussen aufgedrängt und die historische Auseinandersetzung mit der jüdischen Geschichte wurde fatalerweise erst wieder verstärkt aufgenommen, als der größte Teil des europäischen Judentums ermordet worden war. Vor diesem Hintergrund sollte eine historische Debatte, ob die schriftliche oder mündlich überlieferten Lebensberichte von Juden wissenschaftlichen Standards genügen, eigentlich nicht geführt werden. Und so ist dem Herausgeber nur zuzustimmen, der sagt: "Die Autobiographien sind die Sprachrohre der Erinnerung, sie formen gemeinsam mit anderen Arten der Erinnerung ein kollektives Gruppenbewußtsein. Sie können zu sprachlichen Gedenkstätten für ein Volk, für Verlorenes, für einzelne Menschen, für Orte, Gebräuche und Mentalitäten werden. Sie stellen sich der Rezeption durch die Leser, die sie nicht kennen. Das wird sie vor einer Erstarrung als Monument bewahren und weiterleben lassen" (S. 124f.). Wie der hier behandelte Zeitraum, der in der Mitte des 19. Jahrhunderts ansetzt und mit dem Zusammenbruch der Habsburgermonarchie endet, politisch-gesellschaftliche und soziale Veränderungen mit sich brachte, so spiegeln sich diese auch auf individueller Ebene wider und nicht wenige Motive wiederholen sich. Für viele Familien war Wien der Ort, in dem sie hofften, eine neue oder bessere Existenz finden zu können. Die jüdische Tradition und Kultur, die noch den Eltern und vor allem den Großeltern eine sichere Basis für ihr religiöses und gesellschaftliches Leben geboten hatten, waren für die jüngste Generation fragwürdig und brüchig geworden. Pietätvolle Kritik wird geübt und geichzeitig fast wehmütig bedauert, daß die neue Freiheit in Krisensituationen nicht den Halt, den die traditionell religiösen Werte der Eltern- und Großelterngeneration noch gaben, bieten konnte. Der erste Autor steht noch auf der Schwelle zwischen Tradition und Moderne. Phoebus Schmelkes, 1833 ins orthodoxe Milieu Galiziens hineingeboren, wandte sich 1847 dem libralen Judentum zu und brach mit der Tradition. Die (Fortsetzung auf Seite 5)