Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 2001
- Issue
- No. 70 (2001)
- Date
- 2001-01-01
- Page
- Seite 19 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/7506414-7411968-7491824--425-7411987- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
19 Judentum in Ostpreußen (Fortsetzung von Seite 18) zählten Heinrich Mathias (Schirme), Eduard Jakobson (Goldleisten) und Theodor Fuest (Teppiche). Die soziale Struktur der Königsberger Gemeinde wich von der anderer ostpreußischer Gemeinden ab. In Kleinstädten war die Zahl der Kaufleute und Kleinhändler geringer, dafür aber die Zahl der Hausierer, die über Land zogen, höher als in Königsberg. Akademiker waren außerhalb Königsbergs kaum vertreten. Mit dem Bau der Ostbahn von Braunsberg nach Königsberg im Jahre 1853 und der Eisenbahnverbindung von Königsberg zum Vorstadthafen Pillau im Jahre 1865 setzte ein wirtschaftlicher Aufschwung in dieser Region ein, an dem gerade auch jüdische Kaufleute und Unternehmer beteiligt waren. In Deutschland wamn seit 1871 die rechtlichen und gesellschaftlichen Beschränkungen für Juden aufgehoben, sie waren der übrigen Bevölkerung gleichgestellt. Dies ermöglichte den Juden einen sozialen Aufstieg, der - vor allem in Königsberg - so aussah, daß frühere Kleinhändler sich dem Groß- und Geldhandel zuwandten. Gleiches vollzog sich auch in den übrigen größeren Städten, in Memel, Tilsit und Allenstein. In den meisten ostpreußischen Kleinstädten und auf dem Lande waren die Juden weiterhin im Kleinhandel tätig. Die jüdischen Bewohner Ostpreußens zeichneten sich oft durch eine größere Flexibilität aus als ihre christlichen Mitbewohner. Sie ließen sich am Ende des 19. Jahrhunderts an ferner gelegenen Handelsplätzen nieder, weil sie sich durch eine Monopolstellung größeren Gewinn erhofften. In Königsberg gewannen jüdische Kaufleute durch eine Beteiligung am heimischen Getreide- und Heringshandel zunehmend an Einfluß. Dieser zeigte sich nicht nur im Anwachsen des Wohlstandes der jüdischen Gemeinde, sondern auch in einem verstärkten Engagement ihrer Mitglieder im politischen und gesellschaftlichen Leben. Die wohlhabenden Königsberger Juden gründeten eigene caritative Anstalten wie das jüdische Kranken- und Waisenhaus, das Altersheim und den Frauenverein. Ein besonderer Verein widmete sich zu Beginn des Jahrhunderts den russischen Juden, die in ihrer Heimat verfolgt waren und im Königsberger Gebiet Schutz suchten. Um die Eigenständigkeit der jüdischen Gemeinden in Ostpreußen zu erhalten, versuchten die verantwortlichen Gemeindeglieder die Erziehung ihrer Kinder in jüdischen Schulen flächendeckend zu organisieren. Doch dies bereitete erhebliche Schwierigkeiten. Während in Königsberg Rabbiner den Unterricht erteilten, fehlten in den kleineren Städten oder auf dem Lande Lehrer, die dazu in der Lage waren. In Johannisburg gab es im Jahre 1858 beispielsweise 34 jüdische Kinder, die alle die christliche Schule besuchten. In Lötzen wohnte ein jüdischer Religionslehrer, aber es gab keine jüdische Schule. In Lyck waren von 21 jüdischen Kindern 14 in der christlichen und sieben in der jüdischen Schule. Darüber hinaus schickten Eltern ihre Kinder häufig eher in christliche Schulen, weil sie sich von ihnen eine bessere Ausbildung erhofften. Innerhalb der Königsberger Gemeinde kam es vor dem Ersten Weltkrieg zur Abspaltung einer orthodoxen Gruppierung, die ca. 30 Familien umfaßte. Diese Vereinigung, genannt "Adaß Isroel", hatte neben konservativen ostpreußischen Juden auch zahlreiche Juden aus Polen und Rußland in ihren Reihen. V. Die Juden in Ostpreußen von 1918 bis 1943 Mit Beginn des Ersten Weltkriegs meldeten sich, genau wie unter den übrigen Deutschen, viele Juden freiwillig für den Kriegsdienst, und auch bei ihnen war die Stimmung nach der Niederlage gedrückt. Der Königsberger Synagogenvorsteher Professor Dr. Emst Lassar- Cohn (1858-1922) beging aus Verzweiflung über die Lage der Deutschen nach dem Krieg Selbstmord. Nach 1918 herrschte aber bei den ostpreußischen Juden nicht nur Resignation, sondern es gab auch hoffnungsvolle Äußerungen wie die des Gemeinderabbiners Reinhold Lewin (1888-1943). Er war gegen einen Rückzug der Juden aus dem öffentlichen Leben und wollte mit einer "Revitalisierung des jüdischen Gemeinschaftsgefühls" zum Wiederaufbau beitragen. Zionistische Kreise, vornehmlich in Königsberg, sprachen sich gegen die patriotische Haltung Lewins aus, mit der dieser im Jahre 1924 in der Rede “Was verlor die deutsche Judenschaft durch den Frieden von Versailles" an die "tiefe Schicksalsverbundenheit" von Deutschen und Juden nach dem verlorenen Krieg appellierte. Diese Kreise fanden allerdings in den ersten Nachkriegsjahren in Ostpreußen keine Mehrheit. Erst als Ende der zwanziger Jahre antisemitische Vorwürfe Zunahmen, schlossen sich immer mehr Königsberger Juden den zionistischen Gruppen an, um sich gegen die zunehmenden Verfolgungen zu verteidigen. Gehäuft traten antisemitische Ausschreitungen allerdings erst nach 1930 auf. Im Jahre 1932 kam es zu dem ersten schwerwiegenden Zwischenfall, als auf einen der Repräsentanten der Königsberger jüdischen Gemeinde, Kurt Sabatzky (1892-1955), ein Attentat verübt und zahlreiche jüdische Geschäfte verwüstet wurden. Das Schicksal der deutschen Juden nach 1933 war wesentlich dadurch bestimmt, daß sie von vornherein durch die Nationalsozialisten zu einer "dezimierten, überalterten, in den Städten konzentrierten, sozial deklassierten und verarmten Bevölkerungsgruppe" (Konrad Kwiet) herabgewürdigt wurden, die zu größerem Widerstand gar nicht mehr fähig sei. Im Juni 1933 lebten in Königsberg 3 170 Juden, bis Mai 1939 hatte sich ihre Zahl um ungefähr die Hälfte auf 1 586 reduziert. Im Jahre 1933 verteilten sich die Glaubensjuden in den Regierungsbezirken Königsberg, Gumbinnen, Allenstein und Westpreußen folgendermaßen: Region Anzahl Anteil an der Bevölkerung in Prozent Provinz Ostpreußen 8 838 0,38 Regierungsbezirk Königsberg 4 306 0,45 Regierungsbezirk Gumbinnen 1 701 0,31 Regierungsbezirk Allenstein 1 756 0,32 Regierungsbezirk 1 075 0,39 Westpreußen Ein großer Teil der Königsberger Juden hatte sich in das nahegelegene Ausland, nach (Fortsetzung auf Seite 20)