Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 2001
- Issue
- No. 70 (2001)
- Date
- 2001-01-01
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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8 Wie ich Zionist wurde Von Heinz Werner Goldstein Manchmal spielen Zufälligkeiten eine Rolle, die einen sehr jungen Menschen prägen und Schicksal spielen. Im persönlichen Fall war es ein hingeworfenes Schlagwort, von einem Demagogen leichtsinnig gebraucht, und mit dem ein Kind wenig anzufangen weiß, das aber irgendwie bestimmend wird. Es war in der zwanziger Jahren, die durch die Lesebrille des Goldenen Alters als die "Goldenen" gelten, - und das waren sie bestimmt für uns, den damals zehn-, zwölfjährigen, die lustig und vergnügt waren, und nach dem Krieg keine anderen Zeiten und Verhältnisse kannten, die das Schließen der Schulen wegen Mangels an Heizkohle nur freudig begrüßten, mit dem Sorgen mußten ja damals unsere Eltern fertig werden. Sie schleppten die Kohle und hamsterten den Kohl. In jenen Tagen gab es eine recht große "Völkerwanderung". Die Provinzen Posen und Westpreussen waren nach dem ersten Weltkrieg zu Polen geschlagen worden, und alle die, die für Deutschland optiert hatten, mußten das Land verlassen. Man wanderte nach Berlin und in die Orte Ostdeutschlands, insbesondere die Juden, die fast hundertprozentig sich für Deutschland entschieden, hatten Freunde und Verwandte in der Reichshauptstadt, der Geburtenüberschuß, der seit 1871 nicht mehr nach Amerika auswanderte, sondern Arbeit und Unterkunft in der sich damals entwickelnden Industriestadt und Weltmetropole fanden. Glücklicherweise kannte man damals noch nicht den Begriff der "Flüchtlingslager", und die Flüchtlinge der zwanziger Jahre hatten sich schnell eingeordnet, ebenso wie die Millionen, die nach 1945 auf dem Treck waren. In unserer Schule erschien ein Mathematiklehrer aus Bromberg, der irgendwie nicht mit sich selbst fertig werden konnte, sehr deutsch, sehr forsch, und konnte es nur schwer überwinden, daß er die Uniform des kaiserlichen Offiziers ausziehen mußte. Trotz dieser Mängel war er kein schlechter Pädagoge, und die Frucht der nationalen Erziehung, wie er sie und hunderte von anderen Lehrern gegeben haben, ist ja zehn Jahre später aufgegangen. Dr. Gädinck war trotz des slavisch klingenden Namens - oder vielleicht deshalb - streng deutschnational. In der Berliner Schule hatte er sich vorgenommen, die Anstalt "auf Vordermann" zu bringen. "Zucht und Ordnung" herzustellen, denn für viele war es das "verweichlichte" Berlin, das an dem Verlust der Ostprovinzen schuldig sei. Es geschah irgendwann im Jahre 1925. Der Oberstudienrat war schon festes Mitglied des Lehrkörpers. Von seinen Lehrerkollegen wie von dem "kaisertreuen" Direktor war keine Opposition zu befürchten, als er alle Schüler in die Aula kommandierte, wo sie in einer knappen aber forschen Ansprache vor die Tatsache gestellt wurden, daß er, D. Gädinck, Obmann des Vereins für das Deutschtum im Ausland sei, und er erwarte, daß alle Schüler geschlossen beitreten und den kleinen Beitrag entrichten, er selbst, der noch Familie und Bekannte im "feindlichen Ausland" habe, wisse die Aufgaben des Vereins zu würdigen, der den Volksdeutschen jenseits der Grenzen deutsche Kultur vermittelt, Schulen und Bibliotheken unterhält. Jeder Deutsche sei willkommen, mit Ausnahme der Zionisten und Kommunisten, die nicht das Wohl des Vaterlandes erstreben... Weder die beiden jüdischen Schüler der Klasse noch die anderen Vierzig hatten eine Vorstellung davon, was diese Worte wirklich bedeuteten. Vom Kommunismus hat manchmal etwas in den Zeitungen gestanden, Zionismus ist auch unter den Juden im Süden Berlins beinahe ein Fremdwort gewesen. Es war zwar ein ausgesprochenes Viertel des Arbeiters und kleinen Mittelstandes, der dort in bescheidenen Wohnungen lebte, - nach heutigen Vorstellungen in Israel waren sie alle unter dem sozialen Niveau. Mehrere Kinder schliefen in einem Zimmer oder im Wohnraum, und Badezimmer gehörte zu den seltenen Erscheinungen, aber Kommunisten, die sich öffentlichh als solche erklärten, gab es wenige. Die jüdischen Familien trafen sich bei den Festgottesdiensten und den gesellschaftlichen Veranstaltungen der Synagoge Kottbusser Ufer (heute Fränkel Ufer), lasen das Berliner Tageblatt und wählten die Demokratische Partei, die damals noch recht einflußreich war, bis sie 1930 das unglückliche Bündnis mit dem Jungdeutschen Orden eingegangen ist, und als "Staatspartei" 1933 still das parlamentarische Leben beendete. Damals, 1925, war es nicht leicht eine zionistische Jugendgruppe zu finden, die alle auf die ausgesprochen "jüdischen" Wohnviertel ausgerichtet waren. Der Blau-Weiß befand sich in der Auflösung, nachdem er mit der auf Palästina ausgerichteten Politik, die die Einwanderung nach Erez-Israel verlangte, gescheitert war. Eine neue Jugendbewegung, die zionistisch eingestellt war, war noch nicht gegründet, und der Jungjüdische Wanderbund, auf den die Wahl schließlich fiel, war zwar im Reich jugendbewegt während er in Berlin ein doppeltes Gesicht hatte, bedingt von dem Aufbau der jüdischen Bevölkerung in der Stadt, was aber ein Kind, das eine hündische Gruppe suchte, noch nicht begriff. Sehr bald "keilten" wir uns Gleichaltrige aus unserer Wohngegend, und blieben als eigene Gruppe, mit Fahrten und Heimabenden, dem I.I.W.B. nur noch formal angeschlossen. Wir wurden ein recht aktiver Kreis, ob das der Mathematiklehrer wohl ahnte, was er mit seinen Worten angestellt hat?- Der Verein für das Deitschtum im Ausland, VDA, erscheint in alten Lexika gleich zweimal, sowohl unter der Abkürzung wie unter dem vollen Namen, im Jahre 1933 änderte er seinen Namen in "Volksbund für das Deutschtum im Ausland". Mit den gleichen Initialen, unter seinen Aufgaben wird auch die "Pflege der Beziehung zur Heimat" genannt, während im Knaur von 1956 das Stichwort nicht mehr geführt wird. Sicherlich haben die politischen und demographischen Verschiebungen nach 1945, die kaum noch geschlossene deutsche Volksgruppen in anderen Staaten ließen, dazu geführt, daß die Aufgaben des Vereines, der in den zwanziger Jahren eine aktive Irredenta propagierte, überholt sind,... übriggeblieben sind wenige Schüler des forschen Mathematiklehrers, die sich früh nach Erez Israel gewandt haben ...