Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 2001
- Issue
- No. 70 (2001)
- Date
- 2001-01-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/7506414-7411968-7491824--412-7411974- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
6 Ein Gespräch mit dem Historiker Maciej Lagiewski Eine Konvergenz der Kulturen und Völker Während eines Besuches in Wroclaw (Breslau) sprach John Koch im Mai mit dem Historiker Maciej Lagiewski, dem Autor des Buches "Das Pantheon der Breslauer Juden - Der jüdische Friedhof an der Lohestraße" (Die polnische Originalfassung lautet "Macewy mowia”). Der 1955 in Wroclaw geborene Maciej Lagiewski ist seit 1991 Direktor des dortigen Historischen Museums, zu dem auch der jüdische Friedhof an der Lohestraße gehört, und seit 1999 leitet er sämtliche Städtischen Museen von Wroclaw. John Koch: Wir sind beide Breslauer, auch wenn wir verschiedenen Generationen und Geschichtsperioden angehören. Aber wir verspüren die gleiche Liebe für unsere Heimatstadt. Wenn ich mich heute mehr denn je in Breslau heimisch fühle, ist das zu einem großen Teil Ihnen zu verdanken. Denn sie haben nicht nur mit der Restaurierung von Bauwerken Pionierarbeit geleistet, sondern sich auch die Erhaltung und Restaurierung des jüdischen Friedhofs zu einer Lebensaufgabe gemacht. Indem Sie die reiche Geschichte Breslaus nun Ihren Zeitgenossen bewußt gemacht haben, trugen Sie zu einer Kontinuität der Stadtgeschichte bei. Maciej Lagiewski: Für diese Anerkennung danke ich. Mein Ziel ist aber nicht, eine Kontinuität zu bezeugen, sondern eine Konvergenz der Kulturen und Völker, die Teil der Breslauer Geschichte sind. Schlesien lag immer zwischen zwei Kulturen. Deutsche, Polen, Tschechen, Juden, sie alle haben das Breslau, das wir kennen und lieben, auf ihre Weise geschaffen. Antriebe und Ziele waren oft die gleichen; oft fanden sie zu gleicher Zeit statt. Hier nur ein paar Beispiele: 1991 feierten Deutsche und Polen gemeinsam den 750. Jahrestag der Schlacht bei Lignitz (Wahlstatt), wo polnische und deutsche Ritter, Bürger und Bauern Europa vor dem Mongolensturm retteten. 1990 wurde das 1530 verliehene mittelalterliche Stadtwappen, das die Nazis abgeschafft hatten, vom Stadtrat wieder eingeführt, eine Anerkennung der vielseitigen Geschichte der Stadt, die im Laufe der Jahrhunderte zu Polen, Böhmen, den Habsburgern, zu Preußen und Deutschland gehörte und nun wieder in Polen liegt. Die 1989 eröffnete Ausstellung "Breslauer Juden 1850-1944" wurde 1994/95 im Rathaus zum 50. Jahrestag der Vernichtung der Breslauer jüdischen Gemeinde gezeigt. Am historischen Gasthof Zum Goldenen Zepter standen über dem Eingang Erinnerungstafeln an die Lützower Jäger, Theodor Körner und andere an den Befreiungskriegen Beteiligte und an den Reformer Freiherr vom Stein friedlich zusammen mit dem polnischen Namensschild Wiazdny Dom Pod Zlotem Berlem. In seinen Breslauer Jahren schrieb Hoffmann von Fallersleben die Worte des Deutschlandliedes. Ebenfalls in Breslau schuf der polnische Dichter Lukasz Wybicki die polnische Nationalhymne "Noch ist Polen nicht verloren ...". Für mich persönlich war es ein ganz besonderes, symbolisches Erlebnis, als kürzlich auf dem Breslauer Flugplatz als Teil der Natoübungen polnische Truppen gemeinsam mit deutschen Soldaten einen mit dem Eisernen Kreuz gekennzeichneten Hubschrauber bestiegen. Für mich selbst, meine Mitarbeiter und die Bürger meiner Stadt suche ich nach gemeinsamen Spuren unserer polnischen und deutschen Vorfahren. Das ist ein guter Weg, um ein Gefühl der Identität mit der Stadt und ihrer Geschichte zu erwecken. Die Stadt ist voller deutscher Spuren, aber man entdeckt auch überall Spuren der polnischen Präsenz, etwa die Namen fast aller Stadtteile, beziehungsweise der Vorstädte, die große Zahl der nach Polen benannten Gasthöfe und vieles mehr. Mit dieser Einstellung haben Sie offensichtlich eine mögliche Identitätskrise des Breslauer/Wroclawer Bürgers bewältigt. Wer oder was hat Ihnen dabei geholfen? Lagiewski: Auf den Tag genau zehn Jahre nach Kriegsende, am 8. Mai 1955 geboren, gehöre ich der ersten Nachkriegsgeneration von Wroclaw an. Mein Vater, ein stolzer Pole, stammte aus dem damals deutschen Posen. Wie alle Polen aus dieser Gegend war er sehr romantisch, aber auch überaus kritisch und selbstbewußt. Er hat mich in alle Facetten der polnischen und deutschen Geschichte eingeführt. Von ihm habe ich meinen Drang nach Wissen und nach der Erforschung der Geschichte geerbt und nicht zuletzt, eine echte und fruchtbare Neugierde. Was hat Sie bewogen, den jüdischen Friedhof vor dem Verfall zu retten, nicht nur baulich, sondern auch als Zeugnis der Geschichte der Breslauer Bürger jüdischen Glaubens? Sie haben die Geschichte der Familien, deren Mitglieder dort begraben sind, dokumentiert und so ihren Zeitgenossen und künftigen Generationen zugänglich gemacht. Lagiewski: Ich wuchs im Stadtteil Borek, vormals Kleinburg, auf und erfuhr über die Jahre, wer unsere früheren Nachbarn gewesen waren. Dazu gehörten neben den Familien Richthofen und vom Rath auch sehr viele Familien jüdischen Glaubens. Und dann sah ich immer diese hohe Mauer, hinter der angeblich ein Friedhof lag. Als ich schließlich durch eine Lücke in den total verwilderten und von der Festungszeit her schwer beschädigten Friedhof drang (die deutsch-sowjetische Frontlinie zog sich 1945 wochenlang mitten durch den Friedhof, der noch heute zahlreiche Spuren davon zeigt), entdeckte ich zahllose Gräber, alle mit jüdischen Namen. Bald wurde mir bewußt, welch kulturelles Erbe dieser Friedhof darstellt, der bis zue Hitlerzeit der drittgrößten jüdischen Gemeinde Deutschlands (nach Berlin und Frankfurt) diente, deren Mitglieder sich voll und ganz als gute Deutsche fühlten und im ersten Weltkrieg für ihr Vaterland in großer Zahl ihr Leben gaben. Nichts beweist so lebendig den Beitrag, den diese Gemeinde zur Kultur, Wissenschaft, Politik und Kunst Breslaus, ja Schlesiens und ganz Deutschlands geleistet hat, wie die überlebenden Grabsteine. Meine Familie stammte aus Waldenburg/Walbrzych, wo wir eine Anzahl jüdischer Freunde hatten. Von 1936 bis 1943 wohnte ich in Breslau in Zimpel, wo es kaum jüdische Bürger gab. Während ich die Mitglieder der jüdischen Gemeinde in Waldenburg gut kannte, lernte ich in Breslau überhaupt keine Juden kennen, mit Ausnahme eines Mitschülers namens Brinnitzer. Deshalb war mein erster Besuch des jüdischen Friedhofs im Jahr 1995 ein ungeheures Erlebnis für mich. Dort erst lernte ich die jüdische Gemeinde wirklich kennen, die zu meiner Jugend in den späteren 30er Jahren ihre einst so aktive, sichtbare Rolle im Leben der Stadt unter dem Zwang der Hitlerdiktatur schon längst hatte aufgeben müssen. Was kann ein ehemaliger jüdischer Bürger von Breslau oder sein/ihr Nachkomme erwarten, wenn er sich entschließen sollte, das heutige Wroclaw zu besuchen? Lagiewski: Die deutsche jüdische Gemeinde Breslaus ist ausgelöscht. Niemand von dieser Gemeinde ist heute noch in Breslau zu finden. Es gibt eine kleine jüdische Gemeinde, die orthodox ist und keine Beziehung zur alten Zeit hat. So bleibt die Erinnerung an ehemalige jüdische Bürgerhäuser oder jüdische Geschäftshäuser, von denen eine erstaunliche Zahl den Krieg überlebt hat und restauriert worden ist. Und, als Hauptzeugnis und Haupterlebnis, der Besuch des jüdischen Friedhofs an der Lohestraße. Dort wird sich dem Besucher die großartige Welt der einstigen Gemeinde der Breslauer Bürger jüdischen Glaubens eröffnen. Vielen Dank fiir das Gespräch und weiterhin guten Erfolg bei Ihrer Arbeit. John Koch wurde 1925 in Waldenburg in Schlesien geboren, lebte von 1936-43 in Breslau und wandel te 1954 nach Edmonton in Kanada aus. Seit seinem Ruhestand von der Sozialarbeit ist er Verfasser historischer Biografien. (AUFBAU, 29. Juni. 2000)