Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 2001
- Issue
- No. 70 (2001)
- Date
- 2001-01-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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5 Ein Gewissen der Nation 50 Jahre Zentralrat der Juden in Deutschland Die Umgebung war schlicht, fast spärlich: auf den alten Holztischen lagen karierte Tischdecken, die Stühle ohne Armlehnen knarrten, die Herren hatten wohl die besten Anzüge aus den Schränken geholt. Heinz Galinski, schon damals asketisch und mit hoher Stirn, Philipp Auerbach, wohlbeleibt mit stets glimmender Zigarre, Norbert Wollheim, der Elegant-Intellektuelle, Leonhard Baer, meistens still und aufmerksam alles registrierend, schließlich Julius Meyer, der äußerlich eher Unscheinbare. Sie waren soeben in Frankfurt am Main in das erste Direktorium des Zentralrats der Juden in Deutschland gewählt worden. Man schreibt den 19. Juli 1950. Die Lage in der Bundesrepublik ist für Juden zwiespältig und widersprüchlich. Einerseits, so die "Allgemeine Jüdische Wochenzeitung" in einer Sonderausgabe im April 1996 "stabilisieren sich die neuen Gemeinden: Gotteshäuser werden wieder oder neuaufgebaut, das kulturelle und religiöse Leben nimmt feste Formen an ... Andererseits ist das Klima noch immer wenig ermutigend. Mit Schrecken registriert die "Allgemeine", wie viele alte Nazis in wichtigen Positionen der neuen Bundesbehörden sitzen. Das wird auch im Ausland wahrgenommen. Die diversen jüdischen Organisationen dort reagieren unterschiedlich: Der Jüdische Weltkongreß beispielsweise eröffnet im Mai (1950) in Frankfurt am Main ein Büro ... Und bei einer Versammlung des Jüdischen Weltkongresses in New York im des Oktober (1950) wird gar gefordert, die Beziehungen zu vielen jüdischen Gemeinden in Deutschland abzubrechen. Die Juden in Deutschland sitzen zwischen allen Stühlen." Das ist die Lage im Sommer 1950, Kirchen, Arbeitmehmer und Arbeitgeber, Parteien, Interessenverbände, Standesorganisationen - alle haben sich seit langem organisiert und Büros in und um die Bundeshauptstadt eingerichtet, nur die Juden noch nicht. Heinz Galinski aus Berlin, erster Vorsitzender des Zentralrats, schrieb nach seiner Wahl am 4. August 1950 in der "Allgemeinen" euphorisch: "Es gibt für uns weder eine westliche noch eine östliche Organisation. Ob wir in Berlin, Leipzig oder Frankfurt leben - für uns ist das allgemeinjüdische Interesse ausschlaggebend." Dem freilich machte die politische Entwicklung in beiden deutschen Staaten bald ein Ende. Der Zentralrat mußte sich bei seiner Arbeit auf die Bundesrepublik und West-Berlin beschränken. Die DDR-Regierung verhielt sich den wenigen jüdischen Gemeinden gegenüber anfangs wohlwollend. Das änderte sich freilich bereits Anfang der 50er Jahre und mündete schließlich in üblen Antisemitismus, der Antizionismus genannt wurde. Um nicht in unmittelbarer Nähe der Bundesregierung zu sein, eröffnete der Zentralrat sein Büro im benachbarten Düsseldorf, 1984 ging er nach Bonn, heute hat er seinen Sitz in Berlin. Galinski beschrieb damals auch, warum die Gründung einer "Dachorganisation" für die in der Bundesrepublik Deutschland lebenden knapp 30.000 Juden dringend geboten war. "Alle Fragen, sei es die Versorgung unserer Kranken, sei es die Erziehung unserer Jugend, seien es reliaiöse und kulturelle Probleme oder Fragen der politischen und wirtschaftlichen Sicherheit unserer Menschen, können nur gelöst werden durch das Zusammenwirken aller Verantwortlichen ...". Es ging um jüdische Seniorenheime und Krankenhäuser, wo die oft alten und kranken Holocaustüberlebenden ihrer Religion entsprechend verpflegt und versorgt werden konnten. Es ging um die Finanzierung von Synagogen und Gemeindezentren, es ging um Hilfen bei der Gründung neuer Existenzen und es ging darum, diesen Wünschen und Forderungen bei Bundesbehörden Nachdruck und Gehör zu verschaffen - Lobbyarbeit also. Mit der Gründung des Zentralrats vor 50 Jahren begannen die obersten Repräsentanten der Juden in der Bundesrepublik allerdings auch, von einem Mythos Abschied zu nehmen. Kaum jemand konnte sich im Mai 1945 nach der Befreiung vorstellen, daß es im Land der Täter wieder jüdische Gemeinden geben werde. Deshalb hieß es bei den Juden zu Hause und in der Öffentlichkeit, man sitze ohnehin auf gepackten Koffern, werde in Kürze die Bundesrepublik verlassen, nach Israel, in die USA oder sonst wohin auswandern. Mit der Gründung des Zentralrats und dem Bau von Synagogen wurde dann freilich unübersehbar, daß Juden sich hierzulande wieder einzurichten begannen. Zögerlich allerdings - auch mit Blick auf das gerade gegründete Israel und mit Rücksicht auf die großen jüdischen Organisationen in den USA, wo mit äußerster Skepsis der Neuanfang beobachtet wurde. In Düsseldorf wollte die jüdische Gemeinde nur eine sehr kleine Synagoge bauen. Ministerpräsident Karl Arnold (CDU) ermunterte sie, ein relativ großes Gotteshaus zu errichten - als Zeichen dafür: Wer ein Haus baut, der will bleiben. So entstanden in zahlreichen Städten neue jüdische Zentren, die allerdings alle gemeinsam zumindest ein schier unlösbares Problem hatten - es gab keine Rabbiner. Selbst ein Vierteljahrhundert nach Gründung des Zentralrats, im Sommer 1975, hatte sich daran fast nichts geändert, wie sein Generalsekretär Alexander Ginsburg damals im WDR beklagte, "Das Judentum in Deutschland hat echte Probleme um seine Gemeindeleitungen und um seine geistigen Betreuer. Es ist unmöglich, aus dem Ausland Rabbiner und Religionslehrer, Kantoren und Jugendleiter zu bekommen, die mit den deutschen Kulturverhältnissen vertraut sind und daher angemessene Aufgaben und Erziehungsprobleme bewältigen können". Ginsburg kündigte Verhandlungen mit der Universität Heidelberg über die Gründung eines Judaica-Instituts an, "um die Ausbildung von Rabbinern und anderen Kultusbeamten für die Gemeinden zu gewährleisten.“ Vier Jahre später, also 1979, wurde am Neckar die "Hochschule für jüdische Studien" gegründet. Der Mangel an Rabbinern konnte dadurch freilich nicht behoben werden. Die meisten Studierenden sind nämlich keine Juden und kommen deshalb für die Gemeindearbeit nicht in Frage. Mittlerweile gibt es in der Bundesrepublik etliche wichtige jüdische Einrichtungen, die der Zentralrat unterstützt. Zu nennen sind u.a. der "Bundesverband Jüdischer Studenten in Deutschland", der "Jüdische Frauenbund in Deutschland", die "Makkabi Sportbewegung" und die "Zentralwohlfahrtsstelle". Durch den Zusammenbruch der kommunistischen Regime in Osteuropa ist die jüdische Gemeinschaft in Deutschland inzwischen auf fast 100.000 Menschen angewachsen. Paul Spiegel, seit 1999 Präsident des Zentralrats, rechnet in Kürze mit 120.000 Gemeindemitgliedern.Die jüdische Gemeinschaft in Deutschland wächst damit schneller als jede andere weltweit. Und das 55 Jahre nach dem Holocaust. Heiner Lichtenstein ("Mahnung", 1.8/1.9.2000)