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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 2001-01-01 · No. 70 (2001) · p. Seite 4

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Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
2001
Issue
No. 70 (2001)
Date
2001-01-01
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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4 Erinnern und Gedenken an die NS-Diktatur - Notwendigkeit oder Luxus? Von Johannes Tuchei 55 Jahre nach dem Ende der nationalsozialistischen Diktatur wird zunehmend die Frage gestellt, ob es denn heute noch notwendig sei, in derart intensiver Form an die nationalsozialistische Diktatur zu erinnern. Irgendwann müsse doch einmal"Schluß" sein, ein "Schlußstrich" müsse auch unter diese Epoche gezogen werden.-Schließlich gebe es heute doch andere Probleme, und im übrigen sei das ja alles schon so furchtbar lange her. Es ist an der Zeit, sich einmal mit diesen Forderungen auseinanderzusetzen. Grundlage unserer Überlegungen ist die Feststellung, daß eine demokratische Gesellschaft nicht lebensfähig ohne die Besinnung auf ihre eigene Geschichte ist. Geschichte, also vergangene Realität, kann nur vorbehaltlos angenommen werden. Wir können uns nicht auf jene Teile unserer deutschen Geschichte beschränken, die wir für "gut" oder "traditionswürdig halten. Insofern ist die Erinnerung an die Diktatur des Nationalsozialismus, an den Terror des NS- Regimes und seine Opfer, aber auch an diejenigen, die sich dem Nationalsozialismus entgegenstellten, ein unverzichtbarer Bestandteil der demokratischen Kultur der Bundesrepublik Deutschland. Die Erinnerung an den 50. Jahrestag des Kriegsendes und die damit verbundenen Ereignisse sind daher wohl als ein Höhepunkt der Auseinandersetzung, nicht aber als deren Schlußpunkt zu betrachten. Erinnern und Gedenken sind aktive Formen der Auseinandersetzung mit der vergangenen Wirklichkeit. Insofern mahnen sie uns in besonderer Art und Weise, uns mit diesem Geschehen auseinanderzusetzen. Gedenkstätten als Orte der politischen Bildungsarbeit arbeiten jedoch nicht nur an einem Gedenktag, sondern dienen das gesamte Jahr über als Orte der Erinnerung , der Forschung und der Dokumentation. Wenn wir also der Erinnerung in der politischen Kultur der Bundesrepublik Deutschland einen besonderen Platz zuweisen, dann bedeutet dies auch, die Arbeit der Gedenkstätten in den Kontext unserer Gesellschaft zu stellen. Anders ausgedrückt: Gedenkstätten sind keine Museen, in denen man sich über eine entschwundene Vergangenheit "gruseln" kann, sondern sind eben Orte des Anstoßes. Sie machen deutlich, wie leicht demokratische Strukturen angegriffen werden können und wie schwer es ist, diese zu verteidigen. Gedenkstätten helfen uns dabei; denn sie zeigen nicht nur Repression und Terror der einen deutschen Diktatur, sondern sie zeigen auch, welche Handlungsmöglichkeiten und -Spielräume der einzelne Mensch in dieser Diktatur besaß. Gedenkstätten fordern so oder so auf zum demokratischen Engagement, zur Partizipation und zur Einmischung in die Belange der demokratischen Gesellschaft. Deutschland war in den Jahren 1933 bis 1945 das Land der Täter. In Deutschland liegen die Gedenkstätten für die Opfer der nationalsozialistischen Konzentrationslager, hier gibt es auch die Orte der Schreibtischtäter (Topographie des Terrors , Haus der Wannsee- Konferenz, Inspektion der Konzentrationslager) und die Gedenkstätten für den Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Die authentischen Orte, vor allem die Gedenkstätten in den Konzentrationslagern, sind vom Verfall bedroht, wie etwa in Sachsenhausen, Buchenwald oder Ravensbrück, einige Gedenkstätten, wie etwa Dachau, haben eine vollkommen unzureichende personelle und materielle Ausstattung, an anderen Orten; wie etwa in Fiossenbürg, findet fast keine politische Bildungsarbeit statt. Wenn wir uns um diese authentischen Orte kümmern, Entscheidungen treffen, was wir von der historischen Substanz erhalten wollen, und nicht alles verfallen lassen, benötigen wir in Deutschland keine konstruierten Museen für dieses Geschehen der nationalsozialistischen Zeit. Selbst wenn klar ist, daß nicht jeder Rest der historischen Substanz in den großen Flächen von Ravensbrück und Sachsenhausen erhalten werden kann, so müssen doch die Entscheidungen über das, was erhalten werden soll, bald fallen - sonst ist alles ver- oder zerfallen, und man hat die Entscheidung nicht getroffen, sondern dem Zahn der Zeit überlassen. Dies wäre allerdings ein total unangemessener Umgang mit der Vergangenheit. Historische Stätten verlangen aber Sensibilität. Wenn wir uns etwa daran erinnern, daß im Eingangsgebäude von Fiossenbürg einige Zeit lang Sozialwohnungen untergebracht waren, daß auf weiten Teilen von Neuengamme eine Jugendstrafanstalt steht,und uns zudem die Diskussion über den Supermarkt in Ravensbrück und den unwürdigen Umgang mit dem Hafen und dem Klinkerwerk in Sachsenhausen, wo Tausende von Menschen starben und heute Betonmischanlagen stehen, vor Augen halten, dann wird deutlich, wieviele Fehler hier schon gemacht worden sind. Darum sollte man zumindest zu konzeptionellen Überlegungen kommen, welche Teile historischer Substanz man erhalten will und welche man verfallen lassen muß. Gedenkstätten in den neuen Bundesländern waren nicht nur Ort der Erinnerung an die Opfer der nationalsozialistischen Herrschaft, sondern zugleich auch immer Orte der Selbstdarstellung des zweiten deutschen Staates. Hinzu kommt hier an vielen Stellen die Verquickung von nationalsozialistischem Lager und sowjetischem Internierungslager. Die architektonische Überhöhung der Gedenkstätten in der früheren DDR hat in vielen Fällen die historischen Reste verdeckt und zerstört. Es gilt, sorgfältig abzuwägen, in welcher Art und Weise hier noch die echten Spuren der Vergangenheit der Lager sichtbar gemacht werden können. Wenn wir bei der Interpretation nationalsozialistischer Texte schon fast auf die Techniken der mittelalterlichen Quellen Interpretation zurückgreifen müssen, weil die Überlieferung so lückenhaft ist, warum sollten wir dann nicht die Kenntnisse der Archäologie für den Umgang mit diesen Stätten nutzen? Grundsätzlich gilt also: 55 Jahre danach ist, die Erinnerung an den Nationalsozialismus nicht beendet, können wir von einer "Bewältigung" der Vergangenheit nicht sprechen, sondern bestenfalls intensive Versuche der Aufarbeitung konstatieren. Die Situation der Gedenkstätten ist in Ost und West vor dem Hintergrund der finanziellen Lage der öffentlichen Hand schwieriger denn je geworden. Wer aber länger oder kurzfristig an Gedenkstätten sparen will, sollte sich der Folgen für die demokratische Kultur in unserem Land bewußt sein. Besuche in Gedenkstätten sind kein Allheilmittel gegen die Versuchung totalitärer Ideen; sie können aber Anregungen geben, sich für die vielfältigen Strukturen einer demokratischen Gemeinschaft einzusetzen. Die nationalsozialistische Diktatur kann heute in Gedenkstätten nicht als ein abstraktes Herrschaftssystem dargestellt werden. Seitdem sind zudem - historisch gesehen - mindestens zwei Generationen herangewachsen, die dieses Geschehen nicht mehr miterlebt haben. 55 Jahre sind eine lange Epoche. Daher muß heute immer deutlich werden, daß uns das Beispiel des Nationalsozialismus vor Augen führt, wie sich ein Mensch in einer Diktatur verhalten kann: Er kann als Täter, Mitläufer, Denunziant oder Oppositioneller agieren, er kann aber auch ausgegrenzt und zum Opfer definiert werden. Die grundsätzliche Frage nach den Motiven, die Menschen zu ihrem Verhalten in einer Diktatur veranlassen, weist aber weit überden Nationalsozialismus hinaus. ("Die Mahnung", 1.4.1996) ftWÄW:#

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