Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 2000
- Issue
- No. 69 (2000)
- Date
- 2000-01-01
- Page
- Seite 17 (sequence 1612)
- Language
- German
- Belongs to
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Geschichte and Schicksal Juden in Böhmen Von Rudolf M. Wlaschek Die Zeit in Österreich-Ungarn Die Geschichte des böhmischen Judentums hängt eng mit der Geschichte der Donaumonarchie zusammen, gehörte doch Böhmen bis zur Gründung der Tschechoslowakischen Republik im Jahre 1918 zu Österreich-Ungarn. Die ersten Juden siedelten sich etwa im zehnten Jahrhundert in Böhmen an, wenn auch zu verschiedenen Zeiten. Sie kamen zunächst als Kaufleute, als Händler nach Prag, und sie siedelten sich später mit Genehmigung des Herrschers nicht nur in Prag, sondern auch in anderen Städten des Landes an. Von den herrschenden Schichten wurden sie als Finanziers und als Geldverleiher gerne gesehen. Trotzdem bildeten sie eine Gruppe suigeneris, und sie blieben Außenseiter der Gesellschaft. Sie wurden zahlreichen Diskriminierungen ausgesetzt und wiederholt aus dem Lande vertrieben, wenn es dem Landesherrn^gefiel. Sie durften immer wieder zurückkommen, aber unter erschwerten Bedingungen, unter diskriminierenden Bestimmungen. Erst in den Jahren 1848/49 erhielten sie die volle Freiheit, die Gleichberechtigung mit den anderen Bürgern. Nun war der Weg frei zum wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Aufstieg, zur uneingeschränkten Emanzipation. War bis dahin jüdischen Kindern der Besuch von höheren Schulen nur beschränkt möglich und ein gesellschaftlicher Aufstieg nur unter großen Schwierigkeiten erreichbar, so änderte sich das in den folgenden Jahren radikal. Die jungen Juden verfolgten - oft unter unwürdigsten Bedingungen - mit Eifer ihr Ziel: den Weg aus dem Ghetto in die Freiheit und die gesellschaftliche Gleichstellung mit den Deutschen und Tschechen im Lande. Natürlich gab es noch eine Reihe von Hindernissen zu überwinden. In den kleinen jüdischen Gemeinden, die im ganzen Land verstreut waren, fehlten die Voraussetzungen für eine höhere schulische Bildung. In Prag und in den größeren Städten Böhmens waren die Voraussetzungen günstiger, allerdings war es auch hier nicht einfach, sich aus der Gemeinschaft zu lösen. In diesem Entwicklungsprozeß durchbrachen schließlich von Jahr zu Jahr mehr Männer die Barrieren und eigneten sich das Wissen an, das Voraussetzung für ihren Aufstieg war. Zur gleichen Zeit, als die Bindungen vieler jüngerer Juden lockerer oder gar gelöst wurden, begann sich - zuerst in Prag - eine Gegenbewegung zu entwickeln: der Zionismus. Der Zionismus entstand gewissermaßen als Reaktion auf besonders in Österreich auftretende antisemitische Tendenzen, aber auch gegen die Lauheit in Glaubensfragen bei den zur Assimilation tendierenden Schichten. Auf Prager Hochschulboden fanden sich jüdische Studenten zusammen und gründeten im Jahre 1894 die Studentenverbindung "Makabäa". Nachdem sich diese etwa zwei Jahre später aufgelöst hatte, wurde eine neue akademische Verbindung, "Bar Kochba", gegründet. Wenige Jahre später gründeten jüdische Studenten in Prag die farbentragende schlagende Korporation "Barissia". Ihr Ziel war es, wachsame, klar und kompromißlos denkende Zionisten heranzubilden und die jüdische Ehre an den Hochschulen zu verteidigen. Eine Sonderstellung im Kampf gegen liberale Tendenzen und gegen Assimilation nahmen in Böhmen jahrzehntelang die "Bar Kochbaner" ein. Unter der Führung hervorragender Erzieher, Philosophen, Historiker und Politiker wurde die "Bar Kochba" Träger der zionistischen Theorie, Begründer und Schrittmacher einer neuen Ideologie. Einblick in die Tätigkeit dieser Verbindungen gibt die von der "Barissia" anläßlich ihres Stiftungsfestes 1928 in Prag herausgegebene Festschrift "Fünfzig Semester Barissia". Trotz gewisser Assimilationstendenzen herrschte in den jüdischen Kultusgemeinden ein reges religiöses Leben. Über das Ausmaß der Aktivitäten können wir aus einer statistischen Übersicht aus dem Jahre 1872 (Statistik des Judenthums in den im Reichsrathe vertretenen Königreichen und Ländern nach den vom k.k. Ministerium des Innern angeordneten Erhebungen und nach sonstigen Quellen. Bearbeitet von Gustav Adolf Schimmer, Wien 1873) folgende Angaben anführen: Es gab in Böhmen 315 Kultusgemeinden und Kultusvereine mit 33.625 Mitgliedern, 345 Synagogen, 67 Rabbiner und Prediger, 113 Cantoren, 238 Lehrer, 133 Elementarschulen und 117 Religionsschulen. Der steigende Wohlstand und das Hineinwachsen in die neue Gesellschaft führten zu einer intensiveren Beschäftigung mit Kultur und Politik. Das hatte zur Folge, daß sich das religiöse Gefühl lockerte und der Einfluß der jüdischen Kultusgemeinden sank. So können wir aus späteren Jahren noch zwei Zahlen nennen: Im Jahre 1921 gab es in Böhmen noch 205 jüdische Kultusgemeinden und im Jahre 1930 nur noch 170. Zwischen den Juden der östlichen Provinzen der Österreichisch-Ungarischen Monarchie und den emanzipierten Juden in Böhmen und Mähren/Schlesien gab es nur wenig Kontakte. Als aus den Kriegsgebieten im Osten im Ersten Weltkrieg einige tausend Juden nach Böhmen und Mähren einströmten, traten so viele Gegensätze auf, daß die ursprüngliche Bereitschaft der böhmischen Juden, den Flüchtlingen zu helfen, bald abnahm. Jüdisches Leben in der Ersten Tschechoslowakischen Republik Die Österreichisch-Ungarische Monarchie war, wie Menachem Zentner schreibt, in den Augen der Juden der Gipfel der Toleranz, der sozialen Sicherheit und der stillen Einkehr. Als sich jedoch das Ende des Ersten Weltkrieges abzeichnete und die Tschechen einen selbständigen Staat anstrebten, nahmen auch die Juden Kontakte zu den tschechischen Parteien auf, um die eigenen Wünsche für den neuen Staat geltend zu machen. Am 23. Oktober 1918 wurde in Prag der Jüdische Nationalrat gegründet. Eine Stunde vor der Ausrufung der Tschechoslowakischen Republik am 28. Oktober 1918 überreichte er dem Tschechischen Nationalausschuß ein Momorandum, in dem er seine Wünsche für das Zusammenleben mit den anderen Nationen der Republik formulierte. Der erste Präsident des neuen Staates, Thomas Garigue Masaryk, war bei den Juden in hohem Ansehen, hatte er doch in einem Prozeß gegen den Juden Hilsner, der eines Ritualmordes angeklagt war, dessen Freispruch erwirkt und auch in seiner politischen Tätigkeit die Interessen der Juden vertreten. Am 18. Dezember 1918 empfing Masaryk die Vertreter der Juden, die ihm ihr Programm erläuterten und ihn besonders auf die Notwendigkeit der Anerkennung einer eigenen jüdischen Nationalität hinwiesen. Die Tschechoslowakei wurde schließlich der erste Staat überhaupt, der das jüdische Volk als eigene Nation anerkannte. Die Zahl der Juden, die sich zur jüdischen Nation bekannten, stieg allmählich an. In Böhmen gab es im Jahre 1921 79.777 Glaubensjuden, von denen sich 11.253 (14,6 Prozent) zur jüdischen Nationalität bekannten, und 1930 waren von insgesamt 76.301 Juden 12.731 (16,6 Prozent) jüdischer Nationalität. Im Jahre 1919 gründeten die tschechoslowakischen Juden eine eigene Partei; sie errang aufgrund ihrer Verbindung mit der Deutschen Sozialdemokratischen Partei zwei Abgeordnetenmandate im Parlament. (Fortsetzung auf Seite 18)