Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 2000
- Issue
- No. 69 (2000)
- Date
- 2000-01-01
- Page
- Seite 16 (sequence 1611)
- Language
- German
- Belongs to
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16 Spuren und Fragmente: Jüdische Bücher, jüdische Schicksale in Nürnberg Wer die Ausstellung "Spuren und Fragmente: Jüdische Bücher, jüdische Schicksale in Nürnberg" im Peilerhaus besucht oder wer in dem umfangreichen, mit Liebe und Akrebie gemachten Katalog zur Ausstellung blättert, bei dem wird Betroffenheit entstehen. Denn hier wird ein dunkles Kapitel der Stadtgeschichte aufgeschlagen, wird Vergangenheit an Opfern eines unseligen Gewaltregimes greifbar festgemacht. Ausstellung und Katalog beantworten Fragen und werfen doch # Essemveinstr. 7. j*. gleichzeitig neue Fragen auf. Die israelitische Kultusgemeinde und die Stadtbibliothek öffneten zum Jubiläumsjahr der Stadt Nürnberg ihre Archive und ermöglichen so den Zugang zu der einmaligen, rund 8.000 Titel umfassenden Schriftensammlung, die seit Kriegsende in den Magazinen ruhte. Julius Streicher, der berüchtigte und verbrecherische Judenhasser und Herausgeber der Hetzschrift "Der Stürmer", hatte die Bücher und Schriften aus jüdischem Gemeinde- oder Privatbesitz beschlagnahmen lassen und sammelte sie in der Bücherei der Schriftleitung des "Stürmers". Die Historiker werden sich mit der Frage beschäftigen müssen, warum Streicher dies tat. Wollte er Material und Belege sammeln für seine Schmähartikel oder war es schlichte Sammel-Leidenschaft? Auf jeden Fall entging diese heute so wertvolle Judaica-Sammlung der Vernichtung. Die Amerikaner stellten sie zum Ende des Krieges sicher und gaben sie später an die Israelitische Kultusgemeinde zurück. So blieben wichtige Spuren jüdischen Denkens und Lebens, die vollkommen verloren schienen, der Nachwelt erhalten. Der Journalist Leibi Rosenberg übernahm die schwierige und komplexe Aufgabe, diesen Nachlaß in mühevoller Kleinarbeit zu sichten, zu katalogisieren und von Wolfgang Stöckel zu analysieren. Bis zum 2. Juli sind ausgesuchte Stücke der Sammlung zum ersten Mal einer breiten Öffentlichkeit zuänglich. Die in der Ausstelung gezeigten Ergebnisse sind vielschichtig. Denn dem bibliophilen Menschen können diese Bücher gleich mehrere Geschichten erzählen. Da sind zum einen die Hinweise auf Druck- und Verlagsorte. Publikationen aus ganz Europa und darüber hinaus finden sich in der Sammlung. In Avignon oder St. Petersburg, in Danzig, Frankfurt und Wien, ja sogar in Chicago gedruckte jüdische Schriften fanden den Weg nach Nürnberg, das vor der Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten ein bedeutendes Zentrum jüdischen Denkens und Glaubens war. Eine ganze Reihe der Judaica stammt aber auch aus Nürnberger Druckereien und Werkstätten und erlaubt so Rückschlüsse auf die historische Vielschichtigkeit des Nürnberger Verlagswesens. Die Bücher ermöglichen über ihre Inhalte aber auch wichtige Aufschlüsse über jüdische Kultur, über Brauchtum sowie die Wurzeln und die Entwicklung des jüdischen Glaubens. Sie sagen etwas aus über die Intensität der Beziehungen, ms&m v>f.7 toK'K* Exlibris' die so viele jüdische Mitbürger vor ihrer Vertreibung zu ihrer Heimatstadt Nürnberg unterhielten, lassen jüdisches Leben von 1850 bis heute wieder ins Bewußtsein rücken und sie schreiben Familiengeschichte(n). Denn die damals noch viel stärker als heute verbreitete Gewohnheit, Bücher aus dem eigenen Besitz durch gestempelte oder geklebte Bucheignerzeichen, sogenannte Exlibris, zu kennzeichnen, erlaubt die Zuordnung zu ihren einstigen Eigentümern und gibt die Chance zu ganz persönlichen Begegnungen mit den ehemaligen jüdischen Mitbürgern, in deren Bücherregalen die Schriften einstmals standen. Wie das Gedenkbuch für die Nürnberger Opfer der Schoah leisten diese Ausstellung und dieser Katalog einen entscheidenden Beitrag dazu, die Lebenslinien vieler jüdischer Bürger und deren Bedeutung für Nürnberg aufzuzeigen. Diese Schriften sind auch ein Beleg für eine heute unfaßbare Heimatliebe. Es erschüttert den Betrachter, wie übel diese Liebe belohnt wurde... Jeder einzelne Besucher der Ausstellung wird für sich selbst das Gesehene und Geschehene aufarbeiten müssen. Für Nürnberg und die Bemühungen, zu einer Stadt der Toleranz, des Friedens und der Menschenrechte zu werden, ist diese Judaica- Ausstellung ein wichtiger Baustein. Selbst wenn alte Wunden neu aufbrechen, diese Therapie der direkten Konfrontation ist der erste Schritt zur Heilung. Diese Ausstellung vermittelt eine Botschaft. Wenn es ihr gelingt, nicht nur bei den vom eigenen Erleben Betroffenen, sondern vor allem auch bei jungen Menschen Ressentiments abzubauen, Gräber zuzuschütten und i gleichzeitig Interesse und Verständnis füreinander zu wecken, für ein friedliches Miteinander der Religionen zu werben, dann hat sie ihr Ziel erreicht. (Aus "Nürnberg Heute" 68 - Sommer 2000) 'mm