Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 2000
- Issue
- No. 69 (2000)
- Date
- 2000-01-01
- Page
- Seite 15 (sequence 1610)
- Language
- German
- Belongs to
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15 Die Geschichte einer jüdischen Familie aus Deutschland vom Anfang des 20. Jahrhunderts bis nach dem 2. Weltkrieg. (Felix the Fixer von Yael Vered, Semora- Betan Verlag, Tel-Aviv) Vor uns liegt ein historisch-dokumentarischer Roman, in dessen Mittelpunkt Felix Goldschmidt steht. Felix' Vater stammt aus Frankfurt am Main und ist Absolvent der "Samson Raphael Hirsch Schule". Aus geschäftlichen Gründen siedelt er nach Paris über und heiratet die Tochter eines Rabbiners aus dem Elsaß. In der jüdisch-orthodoxen Familie herrscht zugleich "preußische Ordnung und Disziplin". 1913 wird Felix nach Absolvierung der Schule in Paris nach Halberstadt (Deutschland) geschickt, um in den Konzern "Hirsch Kupfer" als Lehrling einzutreten. Diese Firma gehörte streng orthodoxen Juden und war am Schabat und an jüdischen Feiertagen geschlossen. Im Jahre 1914 mußten die Eltern und Geschwister, als "feindliche Ausländer" (sie waren deutsche Staatsbürger), Frankreich verlassen. Felix wurde zum deutschen Militär mobilisiert. Aber der Hauptteil des Buches ist den Ereignissen von 1938 bis zum Ende des zweiten Weltkrieges gewidmet. Die Familie, die auch in Deutschland an verschiedenen Plätzen lebte, wurde nun in verschiedene Länder zerstreut. Felix hatte noch das Glück, vor dem Novemberpogrom 1938 nach Frankreich zu flüchten und es gelang ihm auch, seine Familie dahin zu retten. Da er in Frankreich geboren war, bemühte er sich die französische Staatsbürgerschaft zu erwerben, was ihm auch nach vielen Bemühungen gelang. In Frankreich bemühte ersieh mit allen Kräften, verfolgten, jüdischen Flüchtlingen zu helfen. Am Anfang des Krieges siedelt die Familie in ein Försterhaus in einem einsamen Wald in einem abgelegenen Teil Frankreichs über. Trotz großer Entfernung von jeder jüdischen Gemeinde gelingt es der Familie, alle religiösen Gebote strikt einzuhalten. Nicht nur, daß kein Fleisch - denn es gibt kein koscheres - auf den Tisch kommt, auch die Milch, die die Familie beim Bauern kauft, wird nur dann genossen, wenn eines der Kinder beim Melken dabei ist. Die Kinder, die in eine allgemeine Schule gehen, essen still ihr armseliges Gemüse, das sie von daheim mitbrachten, während die anderen Kinder warme Mahlzeiten aus der Schulküche erhalten. Das Verhältnis zu den nichtjüdischen Nachbarn ist korrekt, aber immer "Ehre ihn, aber nimm Dich vor ihm in acht". Durch seine handwerkliche Gewandheit und sein technisches Wissen ist Felix in der Umgebung sehr gefragt. Auch steht er in Konnex mit der Untergrundbewegung und hilft dort mit Rat und Tat. Da die Familie so abgelegen wohnt, nehmen sie Verwandte und sogar gute Bekannte aus Leipzig, die nach Frankreich geflohen sind, auf. Eine spannende Darstellung gibt die Verfasserin des Buches über die Inhaftierung von Felix in einem der von den Nazis errichtetn Konzentrationslager in Frankreich. Von diesen Lagern wurden tausende von Juden in Viehwagen nach Auschwitz verschickt. Felix und noch 18 Männer flüchteten durch ein Loch, das im Dach des Waggons war, während der Fahrt in die Freiheit. Felix Goldschmidt und seine Familie hatten das Glück zu überleben und nach Israel zu kommen. Das Buch ist spannend geschrieben und der Briefwechsel zwischen den verschiedenen Familienmitgliedern ist in vielen Seiten mit dem Text des Buches verflochten. M. E. Koree Das Verhängnisvolle J über die Geschichte des J -Stempels in Ausweisen Fast ein halbes Jahrhundert haben die Eidgenossen in der Gewißheit gelebt, mit der Nazizeit und dem Zweiten Weltkrieg, dem Rassenwahn und der Shoah nichts zu tun gehabt zu haben. Als im Frühjahr 1995 der 50. Jahrestag des Kriegsendes näher kam, entbrannte in der Schweiz eine heftige öffentliche Debatte um die Frage, ob der Bundespräsident sich für die Einführung des "J"-Stempels in die Pässe von Juden entschuldigen solle oder nicht. Für eine Entschuldigung machte sich vor dem Nationalrat Helmut Hubacher stark, der zuvor der Geschichte dieses Stempels nachgegangen war. Seine Erkenntnis: Diesen Stempel haben nicht die Nazis, sondern Schweizer erfunden. Da kurz zuvor der Schweizer Polizeioffizier und berühmte Judenretter Paul Grüninger endlich rehabilitiert worden war, wollte die Mehrheit der Alpenrepublik nicht schon wieder mit ihrer nicht gerade rühmlichen Rolle während der Shoah konfrontiert werden. Das stachelte kritische Zeitgenossen freilich erst recht an, der Frage nachzugehen. An ihre Spitze setzte sich der Basler Historiker Prof.. Georg Kreis..Er.studierte Akten, ging in Archive und fand heraus, daß der Vorschlag, Pässe von Juden besonders zu markieren, aus der Schweiz stammt und mit dem hochbejubelten "Anschluß" Österreichs ans "Dritte Reich" im März zusammenhing. Bis Ende März 1938 waren viele Juden aus der "Ostmark", wie Österreich nach dem "Anschluß" hieß, in die Schweiz geflüchtet. Bis man den Juden drohte, Schweizer und deutsche Behörden wollten diese Fluchtbewegung stoppen, wußten aber nicht, wie. Um sich vor zu vielen Juden zu schützen, schlug Bern im April und Mai 1938 Berlin vor, ein Kennzeichen in jüdische Pässe zu stempeln. Dann bekämen sie keinen Ariernachweis, und den brauchten sie für ein Schweizer Visum. Im August meldete die Schweizer Botschaft in Berlin, die deutsche Seite sei bereit, der Schweiz weit enjtgegenzukommen. Zwei Monate später, im Oktober 1938 erging in Deutschland der Erlaß, Pässe von Juden ab sofort mit dem "J" zu versehen. Um lebende oder bislang unbescholtene Schweizer Bürger und Behörden aus jedem Verdacht herauszunehmen, irgendetwas mit diesem infamen Vorschlag zu tun zu haben, wurde alles dem Polizeikommandanten des Kantons St. Gallen, Paul Grüninger, angelastet. Der war ja ohnehin als Nazischerge gebrandmarkt. Doch nach dess_en_ Rehabilitierung als Freund und Fluchthelfer ungezählter Juden ging die Angelegenheit von vorn los. Nun stieß man auf Heinrich Rothmund, in der fraglichen Zeit Chef der Polizeiabteilung. des Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartementes. Er gehörte nach dem gültigen Stand der Forschung zum engeren Kreis der Väter dieses meist tödlichen Stempels, die internen Zusammenhänge sind aber komplizierter. Rothmund hat immer wieder versucht, seine Mitverantwortung zu minimieren - in eigenen Veröffentlichungen und als Informant anderer Autoren. So hätten Mitglieder der jüdischen Gemeinschaft der Schweiz nach einem seiner Vorträge über die Fremdenpolitik Beifall bekundet, was einem Judenfeind wohl nicht gelungen wäre. Dazu sagte Georg Kreis kürzlich der Wochenzeitung "Jüdische Rundschau" aus Basel: "Den damals anwesenden Juden kann in ihrer Geiselsituation nicht viel anderes übrig geblieben sein." Das allerdings ändert nichts an der nun feststehenden Tatsache, daß ausnahmsweise eine judenfeindliche Maßnahme nicht in Berlin, sondern in Bern ersonnen worden ist. Deutschland wird dadurch keineswegs entlastet. 1938 gab es noch keine Vernichtungslager. Die "Endlösung" dürfte zwar schon vorbereitet worden sein, aber die Gaskammern kamen erst später. So können besonders aktive Schweizer Revisionisten nach den Forschungen von Kreis sich nur auf die Position zurückziehen, Konzentrationslager in Deutschland seien zwar bekannt gewesen, vom bevorstehenden Massenmord habe man aber nichts wissen können. "Die Rückkehr des 'J'-Stempels. Zur Geschichte einer schwierigen .Vergangenheitsbewältigung" von Georg Kreis zieht einen Schlußstrich unter dieses Kapitel Schweizer Zeitgeschichte mit dem bedrückenden Beweis, daß es Antisemitismus auch in anderen Staaten gegeben hat. Aktuell ist das Buch deshalb, weil die Feindschaft gegen Juden derzeit gerade in der Schweiz wieder zunimmt. Heiner Lichtenstein ("Die Mahnung", 1.7.2000)