Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 2000
- Issue
- No. 69 (2000)
- Date
- 2000-01-01
- Page
- Seite 12 (sequence 1607)
- Language
- German
- Belongs to
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12 Auschwitz war keine Naturkatastrophe (Rede des Bundeskanzlers auf der Eröffnungsveranstaltung des Internationalen Holocaust-Forums am 26. Januar 2000 in Stockholm) Der Name Auschwitz steht heute als schreckliche Metapher für nationalsozialistischen Rassenwahn, für den geplanten, kaltblütigen Mord an Millionen Menschen: Juden zuallermeist, aber auch Sinti und Roma, Homosexuelle, Behinderte, Kriegsgefangene. An Menschen, deren Leben eine verbrecherische Ideologie sich angemaßt hatte, als "lebensunwert" zu vernichten. Auschwitz war keine Naturkatastrophe. Menschliche Wesen, meist Deutsche, hatten diesen Ort Schritt für Schritt in eine Mordstätte verwandelt - in einen Ort des Zivilisationsbruchs schlechthin, einen Ort des namenlosen, andauernden Entsetzens. (....) Heute, mehr als ein halbes Jahrhundert "danach", gilt es auch, Weg und Praxis des Erinnerns zu besprechen. Uns zu unterstütrzen in einer Erziehung zu Menschlichkeit und Zivilcourage - damit niemals wieder gewöhnliche Menschen im Namen verbrecherischer Ideologien gewöhnliche Orte zu grausamen Hinrichtungsfabriken machen. In einer Zeit, da neonazistische Gruppen die modernen, weltweiten Kommunikationsmittel nutzen, um ihre menschenverachtenden Ideen zu verbreiten, müssen wir unsere internationale Zusammenarbeit bei der Bekämpfung von Haßpropaganda und Gewaltverherrlichung verbessern. Aber angesichts der zunehmenden Bereitschaft dieser Gruppen, ihre Hetze auf die Straßen zu tragen, angesichts ihrer Gewaltbereitschaft bis hin zum Mord, denke ich auch, daß wir sowohl die polizeiliche als auch die geistige Auseinandersetzung mit Rassismus und Neonazismus verstärken müssen. Wie soviele aus meiner Generation, die ja ungefähr so alt ist wie die demokratische Bundesrepublik Deutschland, bin auch ich in meiner politischen Entwicklung nachhaltig geprägt von der Auseinandersetzung mit dem Holocaust, von der Debatte um Schuld und Verantwortung, die sich aus der Vergangenheit ergibt. Ganz gewiß hat diese, seit Mitte der 60er Jahre sehr intensive politische Diskussion zur Stabilität der demokratischen Ordnung und zur Wertebindung in der bundesdeutschen Von Gerhard Schröder Gesellschaft beigetragen. Trotz mancher öffentlicher Erregung, die es um einzelne Kontroversen und Meinungsäußerungen immer wieder gegeben hat, haben doch gerade auch diese Debatten gezeigt: Einen Schlußstrich unter die deutsche Geschichte kann niemand ziehen, und die überwältigende Mehrheit der Deutschen will das auch nicht. Einige Entscheidungen, die die Politik zu treffen hatte, werden gerade in diesen Tagen wirksam. (...) Praktische Politik kann aber nicht die tagtäglich zu leistende Arbeit des Erinnerns ersetzen. "Arbeit" schon deshalb, weil das Erinnern an so dunkle Momente unserer Geschichte stets auch ein Kampf des menschlichen Gedächtnisses gegen den menschlichen Stolz ist. Es bleibt unsere vordringliche Aufgabe, einem "Nachgeben" des Gedächtnisses entgegenzuwirken. Das ist nicht allein dadurch zu erreichen, daß wir die Verbrechen aufklären und das Gedenken an die Opfer wachhalten. Immer wieder - ich erinnere an die Diskussion über das gescheiterte Attentat auf Hitler durch Johann Georg Elser - zeigen uns zeitgeschichtliche Kontroversen, daß das öffentliche Nachdenken über den Widerstand gegen die nationalsozialistische Diktatur noch längst nicht abgeschlossen ist. Mir geht es dabei vor allem um den zivilen, um den nicht organisierten Widerstand gegen Hitler. Es ist wichtig, daß unsere Schüler über die Funktionsweisen des nationalsozialistischen Terror-Regimes Bescheid wissen. Und wir wollen, daß sich die Jugendlichen in unseren Ländern mit dem Grauen des Holocaust auseinandersetzen. In der Bundesrepublik ist dies seit langem fester Bestandteil des Unterrichts für alle Schüler. Aber ich denke, es wäre auch nützlich, wir würden unsere Jugend ähnlich umfassend unterrichten über Menschen wie den Reviervorsteher Krützfeld oder den Pfarrer Poelchau. Der eine war - einfach durch beherzte Anwendung der Vorschriften - in der Pogromnacht 1938 gegen die SS-Horden eingeschritten. Er wurde später zur Rede gestellt, geschehen ist ihm nichts. Der andere hat unter mancherlei Vorwänden etliche Verfolgte vor der Gestapo schützen können. Menschen wie diese haben vielleicht nicht die "ganz großen" Heldentaten vollbracht. Aber siehaben uns gezeigt, daß elementar menschliches, ziviles Verhalten auch unter den Bedingungen von Diktatur und Volksverhetzung zumindest in Grenzen möglich ist. Wir sollten dies unserer Jugend zum Ansporn ihres Gedächtnisses, aber auch ihres Stolzes sagen. Niemand kann und will die heutige deutsche Jugend in Haftung nehmen für Taten, die sie nicht zu verantworten hat. Aber ihnen die grausamen Verbrechen der Vergangenheit vor Augen führen und ihnen die Beispiele nennen, wie dem Unrecht widerstanden werden kann - das sollten und das müssen wir tun. Denn gerade die Vorbilder des Widerstandes gegen Terror und Unrecht können Leitbilder für die heutige Jugend sein. Deshalb auch haben all diejenigen, die, etwa bei den "Lichterketten" auf Deutschlands Straßen, ihren Bürgerwillen für Freiheit und Toleranz demonstriert haben, meinen Respekt. Genau so wie all die meistens Ungenannten, die eben nicht wegsehen, wenn Skinheads und Rechtsextremisten gegen Ausländer oder Behinderte pöbeln oder gar Gewalt anwenden. Daß der Holocaust mitten in der sogenannten "zivilisierten" Welt möglich war, zeigt uns: Wir können eine aufgeklärte, frei und friedlichtolerante Gesellschaft nie für selbstverständlich halten. Wir müssen um diese Freiheit Jahr für Jahr und Tag für Tag kämpfen. Wir sollten uns vordem Glauben hüten , daß die Zugehörigkeit zu einer Nation oder Kultur - und sei sie noch so fortschrittlich und zivilisiert - immun machen könnte gegen die Fehlbarkeit und Verführbarkeit der Menschen. Deshalb müssen wir unsere Vergangenheit und Gegenwart immer wieder kritisch betrachten und zur aktiven Toleranz, zur friedlichen Konfliktlösung, zum Respekt für alle Menschen und ihre unveräußerliche Würde erziehen. Dazu gehört selbstverständlich auch eine internationale Politik, die sich die Verteidigung der Menschenrechte und der Demokratie, der Rechtsstaatlichkeit und der Toleranz zum höchsten Anliegen macht. Dazu gehört als gemeinsame Verpflichtung unserer Regierungen eine Erziehung, die die Erinnerung an den Holocaust wachhält und dem Haß und der Menschenverachtung den Kampf ansagt. Zugleich dürfen wir aber nicht vergessen, daß eine solche Erziehung nur dann gelingen kann, wenn jeder einzelne sich aktiv für eine tolerante, offene und friedliche Gesellschaft einsetzt! (AVS=lnformationsdienst, Nr. 1, Februar 2000)