Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 2000
- Issue
- No. 69 (2000)
- Date
- 2000-01-01
- Page
- Seite 10 (sequence 1605)
- Language
- German
- Belongs to
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10 Bunkermentalität beenden Naumann will Offenheit beim Rot-Kreuz-Suchdienst Länger als 50 Jahre blieben sie hermetisch verschlossen - die Akten über geraubtes jüdisches Eigentum. Sie lagerten in Archiven der Oberfinanzdirektionen. Erst eine Ausstellung über die Versteigerung dieses Raubgutes Anfang des Jahres in Düsseldorf veränderte alles. Nach Nordrhein-Westfalen öffnete Hessen der Forschung die Pforten, und nun wird das auch in Bayern vorbereitet. Öffentlicher Druck kann gelegentlich viel bewirken. Kulturminister Michael Naumann schwebt offenbar dergleichen vor, als er sich im Kölner Presseclub über den Internationalen Suchdienst vom Roten Kreuz (ITS) äußerte. Diese Einrichtung in Arolsen nahe Kassel hat nicht ihresgleichen. Es handelt sich um das größte Dokumentationsarchiv über die Nazizeit. Jahrelang half der ITS nicht nur NS-Opfern, wenn sie für Renten- oder Versorgungsansprüche Haftbescheinigungen brauchten. Das fast 900 Seiten umfassende "Verzeichnis der Haftstätten unter dem Reichsführer - SS (1933-1945)" war das erste Nachschlagewerk über die Konzentrationslager und deren viele tausend Außenkommandos. Auch Wissenschaft und Forschung fanden in Arolsen immer offene Türen. Das änderte sich Ende der 70er Jahre von einem auf den anderen Tag, und seitdem herrscht in den weitläufigen Gebäuden eine Art von Bunkermentalität. Anfragen werden - wenn überhaupt - erst nach Monaten beantwortet. Die mehr als 17.000 Meter Dokumentenmaterial, etwa 90.500 Meter Mikrofilme und 31.300 Microfiche sind für Außenstehende unzugänglich - und das, obwohl der Betrieb von der Bundesregierung finanziert wird. 20 Millionen DM stehen dafür im Etat des Bundesinnenministers. Naumann will längerfristig versuchen, das Archiv ins Land der Verursacher zu holen, hiesiger Obhut zu unterstellen. Wenn damit sichergestellt würde, daß dann Wissenschaft, Forschung und Journalismus die gewaltigen Archivbestände wieder nutzen könnten, verdient Naumann jede Unterstützung. Die Ursprünge dieses Archivs des Grauens und der Humanität reichen bis ins Kriegsjahr 1943 zurück. Ein Komitee in London beschäftigte sich damals mit dem Schicksal der Millionen Menschen, die von den Nazis verschleppt wurden oder vor diesen geflohen waren. Wie, so wurde u.a. gefragt, kann Menschen geholfen werden, ihre Angehörigen wiederzufinden. Im Juli 1945 griff der Alliierte Kontrollrat für Deutschland diesen Gedanken auf und weitete die Fragen aus auf die Schicksale der KZ-Häftlinge und der Displaced Persons, also auch der nach Deutschland verschleppten Zwangsarbeiten Als kurz darauf das Internationale Komitee vom Roten Kreuz sich ebenfalls mit den NS-Opfern zu beschäftigen begann, übernahm es diesen humanitären Bereich des Kontrollrats. Die Suchanträge und Haftbescheinigungsanträge schwollen bereits 1945 gewaltig an. Der Suchdienst brauchte dringend viel Platz und viele Mitarbeiter, für die gleichzeitig Wohnungen bereitstehen mußten. So kam man auf Arolsen, das nicht bombardiert worden war und in dem es ein repräsentatives Schloß sowie einen großen SS-Kasernenkomplex gab. Anfang 1946 begann die Arbeit in Arolsen - nahe dem geographischen Mittelpunkt Deutschlands. Da die meisten Häftlinge, Verschleppten und Zwangsarbeiter aus Osteuropa stammten und Zeugen oft nur phonetisch Auskunft über Namen und Vornamen geben konnten, wurden Experten aus fast allen Staaten Ost- und Südosteuropas nach Arolsen geholt. Vor allem im Polnischen gab es oft zahlreiche verschiedene Schreibweisen für einen Namen, vergleichbar etwa dem deutschen Namen Schmidt / Schmitt / Schmid / Schmiedt / d / tt. Auf diese Weise wuchs Arolsen zum wichtigsten Informations-, Hilfs und Forschungszentrum der Welt. Unvergessen ist die Arbeit des wohl erfolgreichsten Direktors von Arolsen, Albert de Cocatrix. Er hat es bis zu seinem Tode nicht verwunden, beim Besuch einer Rot-Kreuz- Delegation im KZ Theresienstadt der Nazi- Propaganda auf den Leim gegangen zu sein. Das war 1943. Kollegen von Cocatrix haben sich damals für die Gelegenheit, Therensienstadt zu überprüfen, bedankt und der SS einen Persilschein ausgestellt. Erst daraufhin wurde der Propagandafilm "Der Führer schenkt den Juden eine Stadt" gedreht. A. de Cocatrix wollte Arolsen zu einem deutschen, vielleicht sogar europäischen Dokumenta t i ons-Zen t r um über Rechtsradikalismus, Antisemitismus, Neonazismus und Faschismus erweitern, selbstverständlich ohne die Hauptaufgaben zu vernachlässigen. Bei zahlreichen Informationsgesprächen war ihm breite Unterstützung von Verfolgtenverbänden, Parteien und anderen Organisationen zugesagt worden. Der Rot-Kreuz-Zentrale in Genf paßte es offenbar nicht, wie de Cocatrix aus der NS-Zeit Lehren zog. Das Zentrum hätte sich u.U. mit der Rolle des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) beim Holocaust beschäftigen können: was später anderweitig geschah und für das IKRK äußerst negativ ausfiel. Albert de Cocatrix wurde in den Ruhestand versetzt und verbrachte seine letzten Jahre verbittert in der Schweiz. Sein Nachfolger im Amt veränderte alles, und so begann die Zeit der Bunkermentalität. Allgemeine Fragen wurden gar nicht mehr beantwortet, versteckt hinter dem Datenschutz erhielten nur noch Angehörige Antworten auf "personenbezogene Anfragen". Sollte Naumann hier längerfristig wieder mehr Offenheit durchsetzen, würde das den ohnehin stark beschädigten Ruf des ITS verbessern. Im Mai 1985 hatten sich nach einer Tagung die Leiter und Leiterinnen aller Gedenkstätten der Bundesrepublik an den Bundesinnenminister mit der Bitte gewandt, für eine neue Informationspolitik in Arolsen Impulse zu geben. Nichts geschah. Im Dezember 1995 protestierten 70 Wissenschaftler aus zahlreichen Staaten nach einer Tagung in Weimar bei Bundesinnenminister Manfred Kanther gegen die Bunkerpolitik in Arolsen. Nichts hat sich seitdem geändert. Wenn Naumann jetzt endlich überhaupt etwas unternimmt, ist das zumindest ein Silberstreif am nachtschwarzen Himmel über Arolsen. Heiner Lichtenstein ("Die Mahnung", 1. Mai 1999)