Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 2000
- Issue
- No. 69 (2000)
- Date
- 2000-01-01
- Page
- Seite 8 (sequence 1603)
- Language
- German
- Belongs to
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8 Soziale Fürsorge, Wohlfahrts - und Krankenpflege in der jüdischen Gemeinde Breslau (Judentum und Wohlfahrtspflege in Deutschland - > Das jüdische Krankenhaus in Breslau 1726 -1944 von findreas Reinke) Von M. E. Haaschner Schimon Hazadik sagte: Auf drei Grundpfeilern steht die Welt: Auf der Lehre, auf dem Gottesdienst und auf der Ausübung von Liebeswerken (Sprüche der Väter 1/2). Unsere Weisen in der Tossephta Peah (4/19) fügten zu den Liebeswerken (Gemiluth Chessed) noch die Wohltätigkeit (Zedaka) hinzu. "Wohltätigkeit (Zedaka) für die Lebenden; Liebeswerke (Gemilut Chassidim) für Lebende wie auch für Tote; Wohltätigkeit (Zedaka) für Arme; Liebeswerke (Gemilut Chassidim) sowohl für Arme wie auch für Reiche". In allen jüdischen Gemeinden zur ganzen Welt und in allen Zeiten waren die Wohlfahrtsinstitutionen eine der wichtigsten Bestandteile der Gemeinde. Auch zur Zeit der Emanzipation, in welcher viele Gemeinden ihren traditionellen Charakter verloren hatten, erreichten viele Gemeinden gerade auf dem Gebiet der sozialen Fürsorge ihren Höhepunkt. Da das Judentum in Deutschland im allgemeinen sozial und wirtschaftlich gut situiert war, hatten auch die Fürsorgeinstitutionen der Gemeinden die pekuniären Mittel für die Minderbemittelten zu sorgen. Die Breslauer Gemeinde, in welcher es am Anfang des 19. Jahrhunderts zu großen Aueinandersetzungen zwischen Orthodoxen und Reformern kam, welche in den 1850er Jahren durch neue Gemeindestatuten beendigt wurden, wurde zum Vorbild vieler Einheitsgemeinden. Die Errichtung und Erweiterung vieler sozialer Einrichtungen erhielten jetzt einen neuen Aufschwung. Das vor uns liegende Buch von Dr. Andreas Reinke, ist eine hervorragende Darstellung der sozialen Institutionen der Gemeinde Breslau vom Jahre 1726 - 1944. Das Buch enthält fünf Kapitel, welche systematisch die Entwicklung der Wohlfahrts¬ und Krankenpflege in der Breslauer jüdischen Gemeinde darstellen. Das erste Kapitel behandelt die traditionelle Armen- und Krankenpflege durch die Chewra Kadischa und Hekdesch, im 18. und am Anfang des 19. Jahrhunderts. Die Chewra Kadischa kümmerte sich im allgemeinen nur um das Bestattungswesen und Krankenpflege. Aber im Laufe der Zeit dehnte sich ihr Bereich auch auf die Wohlfahrtspflege aus. Frankfurt/Oder und Halle waren zunächst die einzigen Universitäten, welche Juden zum Medizinstudium zuließen. Der erste Arzt am Breslauer jüdischen Hospital war der in Prag geborene Dr. Abraham Kisch (1755). Die jüdische Krankenpflege in Breslau stand auf einem hohen Niveau. Eine der Statuten der Chewra sagte, daß alle Gemeindemitglieder Anspruch auf kostenlose Krankenbehandlung haben, sowie deren Ehefrauen, Kinder, Hauspersonal, Dienstboten u.a.m. Die Chewra hatte damals vier Geldquellen zur Bestreitung ihrer Ausgaben: Beiträge der Mitglieder, Gemeindezuschüsse, Einnahmen aus dem Beerdigungswesen sowie auch Legate und Stiftungen. Im zweiten Kapitel lesen wir über die Umwandlung des alten Hospitals in ein modernes Krankenhaus im Laufe des 19. Jahrhunderts. Dazu kommt die Neuformierung . ' * w,? Das jüdische Krankenhaus in Breslau (Zustand 1991), Hauptfassade der Chewra Kadischa in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, zu einem modernen philantropischen Verein: Aus der Chewra Kadischa wurde nun die "Israelitische Kranken- Verpflegungs-Anstalt und Beerdigungs- Gesellschaft zu Breslau". In dieser Zeit erreichte der Streit um die frühe Beerdigung ihren Höhepunkt. Die assimilierten, reformfreudigen Kreise der Gemeinde, mit Unterstützung der preußischen Regierung, verlangten eine Zeitspanne von drei Tagen vom Tage des Todes bis zur Beerdigung. Dagegen protestierte der traditionelle Teil der Gemeinde, welcher die Fortsetzung der sofortigen traditionellen Bestattung forderte. Dieser Streit um die frühe Beerdigung fällt zusammen mit dem Rabbinerstreit, als man Abraham Geiger als zweiten Rabbiner an der Seite von Rabbiner Salomon Tiktin engagierte. Bis zum Jahre 1853 stieg die Zahl der orthodoxen Gemeindemitglieder auf 945 an, welche sich weigerten, die Gemeindebeiträge zu zahlen. Diesen standen 648 reformorientierte Mitglieder gegenüber. Das brachte mit sich, daß die Gemeinde ihren finanziellen Verpflichtungen nicht nachkommen konnte. 1848 kündigte der Gemeindevorstand sämtlichen Gemeindeangestellten, auf Grund der "nicht unbekannten finanziellen Verhältnisse unserer Gemeindekasse". Das wirkte sich besonders krass auf die Wohlfahrtseinrichtungen der Gemeinde aus. Im Mai 1849 wandte sich die "Israelitische Kranken-Verpflegungs-Anstalt und Beerdigungs- Gesellschaft zu Breslau" (IKVA) in einem Spendenaufruf an alle Gemeindemitglieder, um so die Mittel für die Wohlfahrtsinstitutionen aufzubringen. Dieser Streit zwischen Orthodoxen und Liberalen wurde in den 50. Jahren des 19. Jahrhunderts beendigt, nicht zuletzt durch den Weggang des militanten Reformrabbiners Abraham Geiger und die Berufung des mehr traditionsgebundenen Manuel Joel an seiner Stelle. Von da an wurde die Breslauer Gemeinde das Vorbld der Einheitsgemeinden. Das dritte Kapitel beschreibt die Entwicklung des Sozialwesens im 19. Jahrhundert, wobei sich der Verfasser besonders mit den karitativen Stiftungen der Brüder David und Jonas Fraenkel befaßt. Der Höhepunkt der sozialen Stiftungen, wie das Zufluchtshaus auf der Friedrich- Wilhelmstraße u.a.m., war die Gründung eines modernen Krankenhauses für die Jüdische Gemeinde (1.9.1844) und die Eröffnung des bedeutenden Rabbinerseminars (10.8.1854) in Breslau. Im Neubau des Krankenhauses gab es auch eine Synagoge, die Israelitische Waisen- Verpflegungs-Anstalt, eine Bibliothek sowie ein Beth-Midrasch. Am Ende des 19. Jahrhunderts hatte das Krankenhaus drei Aufgabenbereiche: 1. H o s p i t a I k r a n k e n p f I e g e , 2. Hausarmenkrankenpflege und 3. Poliklinik. Aus dem vierten Kapitel lernen wir viel über die Wohlfahrtseinrichtungen der jüdischen Gemeinde vom Anfang des 20. Jahrhunderts bis zum Jahre 1933. Diese Zeit zeichnete sich durch einen bestimmten Wohlstand der jüdischen Bürger in Deutschland aus. Das hatte einen großen Einfluß auf die Gründung der diversen Wohlfahrtseinrichtungen und die Stiftungen und Spenden von wohlhabenden Gemeindemitgliedern. Am 27. April 1903 wurde der Neubau des jüdischen Krankenhauses in Breslau festlich eröffnet. Der Verfasser des Buches, Dr. Reinke, macht uns mit allen Einzelheiten über die Spender und ihre Spenden, sowie die verschiedenen Abteilungen im neuen Krankenhaus bekannt. Auf Grund seiner technisch apparativen Ausstattung galt (Fortsetzung auf Seite 9) 4