Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 2000
- Issue
- No. 69 (2000)
- Date
- 2000-01-01
- Page
- Seite 7 (sequence 1602)
- Language
- German
- Belongs to
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7 Deutsche und jüdische Geschichte in Breslau Maciej Lagiewski: "Das Pantheon der Breslauer Juden. Der jüdische Friedhof an der Lohestraße in Breslau", Nicolaische Verlagsbuchhandlung, Berlin 1999, 259 S., DM 58, Bereits 1988 hatte Maciej Lagiewski die 36 Seiten umfassende Broschüre “Der alte jüdische Friedhof in Wroclaw/Breslau" veröffentlicht. 1991 war eine polnische Buchausgabe erschienen. Jetzt legt die "Stiftung Schlesien“ das Werk in der Übersetzung von Anna Stroka, Germanistin der Universität Breslau, und mit Aufnahmen des schon mehrfach ausgezeichneten Fotografen Stefan Arczynski in einer im Querformat ansprechend aufgemachten Fassung vor. Im Vorwort schreibt Friedrich-Carl Schultze-Rhonhof als Vorsitzender der Stiftung: "Der Lohefriedhof ist nicht nur einen Ruhestätte für etwa 12.000 Brelauer Juden, die hier zwischen 1856 und 1942 beigesetzt worden sind. Er ist Denkmal und Zeugnis eines Jahrhunderts Kulturgeschichte von deutschen Juden, jüdischen Deutschen - heute leider oft mit der Trennung in Deutsche und Juden fälschlich dargestellt -, die sich um Breslau und Schlesien verdient gemacht haben." Maciej Lagiewski; 1955 in Breslau geboren, heute Direktor des "Historischen Museums" in der Hauptstadt Schlesiens, hat sich um die zu Beginn der 80er Jahre in Angriff genommene Restaurierung des Jüdischen Friedhofs, so muß man es ausdrücken, die größten Verdienste erworben. Zusammen mit ihm einen Gang über den Friedhof zu machen eröffnet einem ein Jahrhundert jüdischen Lebens und Wirkens in Breslau, das seit 1933 während der nationalsozialistischen Diktatur drangsaliert, verfolgt und schließlich gewaltsam ausgelöscht worden ist. All das, was man über diesen Friedhof und die darauf ruhenden Toten wissen oder zumindest sich geistig aneignen sollte, findet sich in Wort und Bild in diesem Band. Man kann es nur jedem Besucher der Stadt wärmstens ans Herz legen und zur Lektüre und als Begleiter empfehlen. Es ist, wie es einmal in dem Buch heißt, "ein ungewöhnlicher Friedhof", und dies gerade auch wegen der vielen Namen bedeutender und berühmter Persöhnlichkeiten, die in diesem "Pantheon der Breslauer Juden" ruhen. Da der Gründer der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, Ferdinand Lassalle, in der früheren Namensfassung Lassel, zusammen mit seinen Eltern auf dem Friedhof in einer Gruft liegt, hat sich die SPD, sobald dies möglich war, um die Wiederherstellung und Pflege der Grabstätte bemüht. Und noch zwei andere Sozialdemokraten der ersten Stunde liegen hier: Max Kayser, Mitglied des Reichstages und mit 35 Jahren verstorben, sowie Bernhard Schottländer, 1920 während des dann niedergeschlagenen Kapp-Putsches erschlagen. Aus der seinerzeitigen Provinz Posen stammt einer der berühmtesten Historiker des Judentums, Heinrich Graetz, der in Breslau, wo er 1891 gestorben ist, die erste umfassende Geschichte der Juden verfaßt hat. Ferdinand Julius Cohn, hochangesehener Professor der Botanik, war nicht nur der erste ordentliche Professor jüdischen Glaubens in Preußen, sondern auch "Ehrenbürger der Stadt Breslau", wie es auf dem Grabstein zu lesen ist. Von den hervorragenden Professoren der Breslauer Universität seien nur noch zwei namentlich erwähnt: der Augenarzt Hermann Ludwig Cohn und der Dermatologe Albert Neisser, dessen Vater hier beigesetzt ist, während der Sohn, 1916 verstorben, im Testament verfügte, daß seine Asche im Garten seines Hauses beim Scheitniger Park beigesetzt werde. Das Haus Neisser war um die Jahrhundertwende ein Mittelpunkt des geistigen und künstlerischen Lebens der Stadt. Und dieses Buch überden Jüdischen Friedhof in Breslau zeichnet sich vor allem dadurch aus, daß Maciej Lagiewski gründlich erarbeitete Informationan über die eigens herausgegriffenen Persönlichkeiten ausbreitet. Das betrifft nicht nur die Kurzbiographien der Politiker und Gelehrten, sondern in gleicherweise auch der Künstler und Schriftsteller, der Kaufleute und der besonders verdienten Bürger. Hier ruhen Friederike Kempner, auch "Schlesische Nachtigall", "Schlesischer Schwan" genannt, deretwegen sich der berühmte Berliner Theaterkritiker Alfred Kerr, der eigentlich auch auf den Namen Kempner hörte, seinen neuen Namen zugelegt hat, und die Familie Pringsheim, Vorfahren der Frau von Thomas Mann, Katja Pringsheim. Auch die Eltern von Edith Stein, 1891 in Breslau als deutsche Jüdin geboren, 1998 durch Papst Johannes Paul II. heiliggesprochen, in Auschwitz 1942 ermordet, haben ihr getrenntes Grab auf dem Friedhof. Über den prozentuellen Anteil der Juden in der Bevölkerung ist zu erfahren, daß es 1880 15.500 Juden (=6,4%) waren, nach Berlin die zweitgrößte jüdische Gemeinde. 1925 wird Breslau als drittgrößte Gemeinde angeführt mit 23.200 Juden nach Berlin und Frankfurt am Main , das einem Anteil von 4,2% entspricht. In einem mitabgedruckten Vorwort zur polnischen Ausgabe von Professor Karol Jonca wird die Geschichte der Juden in Breslau knapp dargestellt, aber in dem detaillierten Anmerkungsapparat ist auf weiterführende Literatur verwiesen. (Bedauerlich, daß das 1998 von Dagmar Nick verfaßte Buch "Jüdisches Wirken in Breslau" noch nicht eingearbeitet werden konnte.) Zur Geschichte Breslaus gehört die Geschichte des jüdischen Bürgertums, das in dieser Stadt Großartiges geleistet hat. Darum ist man auch für diese verdienstvolle Edition sehr dankbar, auch wenn noch weit mehr aufzuarbeiten und nachzuholen wäre. Herbert Hupka (KK 1103, 25.2.2000) Heinrich Graetz, Historiker, Dozent am Jüdisch-Theologischen Seminar und Prof, an der Universität in Breslau; Verfasser der elfbändigen Gesamtdarstellung der "Geschichte der Juden von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart", die erstmals 1853 bis 1876 erschien; geb. 1817 in Xions, Prov. Rosen, gest. 1891 in München.