Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 2000
- Issue
- No. 68 (2000)
- Date
- 2000-01-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Mentioned entities
- Głogów 3× ep/1047915
- Wrocław 3× ep/1002369
- Arnold Zweig 1× ep/1009291
- Frederick William IV of Prussia 1× ep/1025018
- Gershom Scholem 1× ep/1004643
- Gerson von Bleichröder 1× ep/1004649
- Michael Sachs 1× ep/1006104
- Salomon Munk 1× ep/1024069
- Ukraine 1× ep/1001131
- Walther Rathenau 1× ep/1025499
- Wilhelm II 1× ep/1025770
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4 Zur Geschichte des Judentums in Schlesien (Fortsetzung von Seite 3) die Voraussetzung gegeben, ihren Wohnsitz frei zu wählen. 1817 lebten in Breslau 4.409 jüdische Bürger, d.h. 5,7% der Gesamtbevölkerung der Stadt, in Berlin hingegen nur 3.699, die 2% der Einwohner ausmachten. An einem unkontrollierten Zuzug hatte die Berliner jüdische Gemeinde kein Interesse, sie bevorzugte vor allem wohlhabende Zuwanderer mit "einwandfreiem Leumund". Den Judenbürgerbüchern, die nicht nur in Berlin, sondern auch in Königsberg und Frankfurt a.d. Oder geführt wurden, ist die Abstammung der jüdischen Bürger Berlins zu entnehmen. 730 stammten aus Berlin selbst, 532 aus Brandenburg, 612 aus dem Großherzogtum Posen und 330 aus Schlesien (je 74 aus Breslau und Glogau, 16 aus Zülz, 11 aus Rosenberg, die übrigen kamen aus 70 verschiedenen Orten und dörflichen Ansiedlungen). Die meisten Personen, die sich in Berlin niederließen, blieben auch dort; das Bürgerrecht hatten sie oft schon in ihrem Heimat- bzw. Geburtsort erworben, waren dort schon länger ansässig und Mitglied in der Gemeinde, bevor sie sich entschlossen, nach Berlin zu ziehen. Die im Laufe der Zeit zunehmende Abwanderung der Menschen aus der schlesischen Provinz in die Hauptstadt wurde insbesondere in den kleinen Gemeinden durchaus als Problem wahrgenommen. "Die gewaltige Anziehungskraft, welche Berlin ausübt, führt fort und fort tüchtige und wackere Männer aus kleinen und mittleren Städten nach der Residenz und schafft besonders in den jüdischen Gemeinden Lücken, die schwer auszufüllen sind. ...So haben sich jetzt im Laufe der letzten fünfundzwanzig Jahre mehrere hundert jüdische Familien in Berlin niedergelassen, die alle in Glogau ihre Wurzeln haben." (Allgemeine Zeitung des Judentums, 60 (1896), Nr. 37, Beilage) Die Bürgerbücher geben neben dem Herkunftsort auch Auskunft über die Motive für den Antrag auf Einbürgerung in Berlin. Vor allem wirtschaftliche Gründe, d.h. bessere Bildungs- und Berufschancen, machten die Großstadt für die Juden aus Schlesien attraktiv. Daneben spielten auch verwandtschaftliche Beziehungen und das gesellschaftliche Leben Berlins eine Rolle. Berlin, das sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts mehr und mehr zum Zentrum des deutschen Judentums entwickelte, versprach natürlich weitaus bessere Entfaltungsmöglichkeiten. Einerseits hatte es einen relativ großen jüdischen Bevölkerungsanteil, andererseits fanden sich dort neben der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums und dem Rabbinerseminar zahlreiche Synagogen, Altersheime, Waisenhäuser sowie die Hauptniederlassung der jüdischen Spitzenverbände, des Centralvereins, des Deutsch-I$raelitischen Gemeindebundes oder der Zionistischen Vereinigung. So verwundert es nicht, daß sich eine ganze Reihe bekannter Berliner Juden mit schlesischen Wurzeln nennen läßt. Schon 1657 war einer der ersten Juden überhaupt, die sich in Berlin niederließen, Israel Aron aus Glogau. Der Philosoph und Kabbalaforscher Gershom Scholem (1897-1982) betonte Zeit seines Lebens, daß seine Vorfahren aus Glogau stammten. Aber auch Persönlichkeiten wie Michael Sachs, Arnold Zweig, Salomon Munk oder Lina Morgenstern gingen nach Berlin oder wirkten zumindest zeitweilig dort. Dr. Nathan Friedländer aus dem oberschlesischen Czieschowa war der erste jüdische Privatdozent für Medizin an der neugegründeten Berliner Universität. Die Provinz Schlesien war für den preußischen Staat von Beginn an von großem wirtschaftlichen Interesse, als Handelszentrum zu Osteuropa und als Anziehungspunkt für Händler aus Polen, Galizien, Mähren, Litauen, der Walachei und der Ukraine. Im Handel zwischen Polen und Rußland spielten jüdische Kaufleute und Händler seit alters her eine tragende Rolle. Zwar war Friedrich der Große bestrebt, den jüdischen Handel durch den christlichen zu ersetzen, doch stellte sich bald heraus, daß er auf die Erfahrungen und wirtschaftlichen Beziehungen seiner jüdischen Untertanen kaum verzichten konnte. In Schlesien war es vor allem der Provinzialminister Karl Georg Heinrich Graf von Hoym, der sich seit 1770 intensiv dafür einsetzte, die soziale und wirtschaftliche Lage der Juden in der Provinz zu verbessern. Ein Beispiel für die liberale Politik der preußischen Beamtenschaft in Schlesien ist der Aufstieg der Familie Jonas Fränckel (1721-1793). Fränckel, der zugleich königlicher geordneter Landesrabbiner (1755) war, gehörte zu dem kleinen Kreis wohlhabender schlesischer Juden, die per Generalschutz und Handesprivileg in ihren wirtschaftlichen Aktivitäten vom König unterstützt wurden. Er begründete das Breslauer Handelshaus gleichen Namens, das hundert Jahre bestand und von seinen Nachfolgern nach seinem Tode erfolgreich weitergeführt wurde. Seinem Enkel Jonas Fränckel (1773- 1846) wurde von König Friedrich Wilhelm IV. der Titel Königlicher Kommerzienrat verliehen. Er war der Stifter zahlreicher wohltätiger Einrichtungen sowie des Jüdisch-Theologischen Seminars in Breslau (Fraenckel'sche Stiftung). Die Verflechtungen zwischen Gewerbe und Industrie in Schlesien mit der Handels- und Finanzmetropole Berlin stieg nach 1740 kontinuierlich. Hieran hatten jüdische Unternehmer, deren Fähigkeiten sich seit Friedrich II. alle preußischen Regenten bedienten, einen erheblichen Anteil. Der Beitrag schlesischer Juden zur preußischen Wirtschaft wird an hTa nd zahlreicher Unternehmerbiographien deutlich. Zu den jüdischen Bürgern Berlins, die sich in den Jahren 1809-1850 in der Stadt ansiedelten, zählen z.B. der erfolgreiche Bankier Gustav Kuczynski, der 1844 von Breslau nach Berlin zog, und Carl Heymann aus Glogau (1835). In Heymanns Verlag erschienen vor allem amtliche Entscheidungssammlungen oberster Gerichte. Der Verlag hat heute seinen Hauptsitz in Köln als Fachverlag für Rechts- und Staatswissenschaften. Die Berliner Familie Reichenbach besaß Mitte des 19. Jahrhunderts in Wüstegiersdorf, Kreis Waldenburg/ Niederschlesien, eine Woll- und Garnspinnerei und -Weberei und zeichnete sich besonders durch ihre Wohltätigkeit aus. Jüdische Unternehmer waren maßgeblich im schlesischen Textilgewerbe engagiert, wie Salomon Kauffmann, der die Firma Meyer Kauffmann gemeinsam mit seinen drei Brüdern Julius, Robert und Wilhelm zu einem Großunternehmen werden ließ. Überregionale Bedeutung erlangte aber auch die von Samuel Fränkel (1801-1881) in Neustadt/Oberschlesien gegründete Tischzeug- und Leinwandfabrik. Der führende Unternehmer im Eisengroßhandel, Leo Lustig, war maßgeblich an dem Breslauer Osteuropa-Institut zur Förderung der' Beziehungen mit den osteuropäischen Ländern beteiligt. Für seine unternehmerischen Leistungen wurde er mit dem Titel Kommerzienrat geehrt und von der Breslauer Universität zum Doktor h.c. ernannt. Die engen wirtschaftlichen Beziehungen zwischen der preußischen Hauptstadt und dem Industriestandort Schlesien über mehrere jüdische Unternehmergenerationen zeigt auch das Beispiel der Familie Friedländer in der Montanindustrie. Moritz Friedländer war 1840 Mitgründer des Koks-Hochofenwerks Friedens- Eisenhütte, und auch seine Söhne blieben im Eisenhüttenwesen. Ein Verwandter, Emanuel Friedländer, gründete 1866 eine Kohlengroßhandlung, sein Sohn Fritz wurde mit diesem Unternehmen einer der bedeutendsten Industriemagnaten Oberschlesiens in den Bereichen Kohlebergbau und Kohleveredelung. Er expandierte 1888 nach Rußland und gründete mit Unterstützung der Berliner Handelsgesellschaft die Russische Montan-Industrie AG und die Russische Eisenindustrie AG, an der auch Georg Caro, Carl Fürstenberg, Gerson Bleichröder und Walther Rathenau beteiligt waren. "Friedländers Leistung als Konzerngründer und -lenker fand im kaiserlichen Deutschland die entsprechende Resonanz und Anerkennung. Wilhelm II. verlieh ihm nicht nur den Titel eines Geheimen Kommerzienrates, sondern auch das erbliche (Fortsetzung auf Seite 5)