Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1999
- Issue
- No. 67 (1999)
- Date
- 1999-01-01
- Page
- Seite 13 (sequence 1561)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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13 Es geschah im November von Heinzwerner Goldstein Es ist gut, daß viele unserer Generation Erinnerungen haben, Kindheits- und Judenderlebnisse, die nicht nur auf die persönliche Entwicklung bestimmend waren, und deren Schatten oft auftauchen. Es ist zu bedauern, daß Menschen, die heute das Sagen haben, trotz aller Schul- und Universitätsbildung nichts von den Ereignissen der Vergangenheit lernten oder lernen wollen, wie es die pragmatische Geschichtsbetrachtung lehrt, die durch die Vergangheit die Gegenwart zu erkennen sucht. - Der Monat November hat es in sich. Ohne ihn kann man keine Geschichte der Juden, oder jüdische Geschichte schreiben. Beginnen wir mit dem 9. November 1799. Zehn Jahre nach der französischen Revolution, ein Ereignis, das das 19. Jahrhundert einläutete, das der jüdischen Bevölkerung, den Gemeinden wie dem einzelnen Juden Gleichberechtigung und Emanzipation brachte, als Napoleon mit einer kleinen Gruppe Soldaten das Direktorium auflöste, und damit die zehnjährige Schreckensherrschaft beendigte und sich zum Ersten Konsul für zehn Jahre einsetzte. Die nachfolgenden Kriege brachten für die Juden der von seinen Armeen besetzten Gebiete viele Erleichterungen, die nach seiner Niederlage und Abdankung durch die Bestimmungen des Wiener Kongreßes praktisch fast alle annuliert wurden. In unserem Jahrhundert meldete sich der Schicksalsmonat am 9. November 1918, als das deutsche Heer nach dem Ersten Weltkrieg zusammenbrach, der Kaiser fluchtartig das Land verließ, und die anderen regierenden Fürsten abdankten. In Deutschland wurde die Republik ausgerufen, am 11. November der Waffenstillstand mit den alliierten Mächten unterzeichnet. Die junge Republik, später als Weimarer Republik bekannt, hatte das Pech, daß in Frankreich eine Gruppe verbohrter Reaktionäre herrschte, welche mit den politisch schwachen Briten, der jungen Republik einen Vertrag aufoktruierte mit den Bedingungen, die einfach nicht einzuhalten waren. Die Franzosen wollten durch die Besetzung des Ruhrgebietes am 11. Januar 1923 ihr scheinbar länger geplantes Ziel erreichen. Durch Finanzmanipulationen wurde eine rapide Inflation ausgelöst, die nicht mehr zu stoppen war. Aus der Mark wurden Millionen, Billionen. Ein Dollar wurde mit 4,2 Billionen Reichsmark gehandelt. (Eine deutsche Billion: eine Eins mit 12 Nullen). Der damalige Finanzminister Dr. Schacht hatte den Einfall, die "Rentenmark" zu proklamieren. Sie basierte auf dem Grundbesitz des Staates als Garantie. Keine Zauberei aber ein gelungener psychologischer Trick, den die Bürger gerne akzeptieren. Seit dem 15. November 1923 konnte die Bevölkerung wieder mit einer Mark etwas einkaufen. Das wirtschaftliche, aber auch das gesellschaftliche und kulturelle Leben blühten wieder auf. Es begannen die "Goldenen Zwanziger Jahre", die leider nur sechs Jahre anhielten. * In Bayern, dem südlichen Gebiet Deutschlands, konnte ein Österreicher, Adolf Hitler, eine verhältnismäßig kleine Gruppe zusammenbringen, mit Erich von Ludendorff, dem ehemaligen Generalstabschef, die am 8. und 9. November 1923, den "Marsch durch München" organisierten, die den Kampf gegen den Vertrag von Versailles zu ihrer Parole gemacht hatten. Politiker und Bürger der Bundesrepublik sollten glücklich sein, daß ihnen nach 1945 kein Friedensvertrag aufgezwungen wurde, der einer späteren "Dolchstoßlegende" einer Opposition eine "ideologische" Basis geliefert hätte.- ★ Die Katastrophe, rückblickend gesehen, der Anfang vom Ende oder die Weiterentwicklung, begann in New York am 13. November 1929, als die Kurse der New Yorker Börse in den Keller fielen. Ende Oktober gab es bereits ein Vorbeben, einen Alarm, vom 21. bis 29. Oktober, irgendwie nahmen es die Verantwortlichen nicht ernst genug und ergriffen keine Schritte, einer weltweiten Panik vorzubeugen. Die Seuche sprang nur zu schnell auf die Börsen - und Wirtschaftsbetriebe Europas über, die schon soweit verflochten waren, daß vereinzelte Zusammenbrüche und Konkurse von Unternehmen, die ihren Verpflichtungen nicht mehr nachkommen konnten, eine Kettenreaktion auslösten. Das brachte den November 1929 in die Weltgeschichte. Die - oder eine - Antwort zeigten die Reichstagswahlen vom 20. September 1930, als die Nationalsozialisten mit 107 Abgeordneten zur zweitstärksten Partei Deutschlands gewählt wurden; 1928 hatten sie nur 12 Mitglieder im Parlament. Ein Zeichen für das politische und gesellschaftliche Ende der "Goldenen Zwanziger". * Die wirtschaftliche Lage in Deutschland führte zur Katastrophe. Fast ein Jahrzehnt später wurde die "Pogromnacht" inszeniert, von den Nazis höhnisch die "Kristallnacht" genannt, wegen der Scherben und der eingeworfenen Fensterscheiben, obwohl Kristall etwas schönes sein soll, mit dem man den festlichen Tisch schmückt. (Noch immer benutzt man das Wort, auch im Lande, ohne auf die Bedeutung zu achten). Man kann die Nacht vom 9. November 1938 als Generalprobe bezeichnen, oder als Test der damaligen Regierungskreise, um die Reaktion der deutschen Bevölkerung sowie die Reaktion des Auslandes zu prüfen. Die Ergebnisse konnten von den Veranstaltern - leider - nur positiv bewertet werden. * Es sollen auch positive Daten genannt werden, die der November gebracht hat: der 29. November 1947 an dem die Generalversammlung der Vereinten Nationen beschloß, das britische Mandat zu beenden und aus Palästina zwei Kleinstaaten zu schaffen, was am 14. Mai zur Proklamierung des Staates Israel geführt hat. Ein anderes Datum, entscheidend und wichtig für Deutschland, für Europa und letzten Endes für die Welt ist der 9. November 1989, an dem die seinerzeitige Regierung der Deutschen Demokratischen Republik die Berliner Mauer öffnete und den freien Verkehr für West- und Ostbürger gestattete, ein Vorgang, der die Spannungen zwischen den Staatenblocks beseitigte, der fast ein Jahr später, am 1. Oktober 1990 durch die Erklärung der Außenmister der vier Siegerstaaten in New York bestätigt wurde, und ihre "Siegerrechte" aufgaben. In der Nacht vom 2. zum 3. Oktober 1990, Null Uhr, vereinigten sich Ost- und Westdeutschland. ★ Viele wichtige Ereignisse der Weltgeschichte haben sich im November ereignet: angefangen von Napoleon, der sowohl die innere Ruhe der französischen Revolution beendete, andererseits durch seine Kriege zum "Schlächter Europas" wurde, der aber auch die jüdische Bevölkerung in den von ihm besetzten Ländern zu Menschen machte, gleichberechtigten Bürgern, Gesetze und Vorschriften, die nach seiner Gefangennahme schnell vergessen wurden, der Europa den Code Napoleon gab, auf dem noch heute viele Gesetze der europäischen Länder basieren. Zwischen den hier erwähnten Ereignissen liegen glücklicherweise ruhige Zeiten, in denen die Bevölkerung, auch die jüdische, ein zufriedenes und ruhiges Leben führen konnte, darunter die übermütigen "Goldenen Zwanziger", die mit dem Holocaust grausam endeten. * Der Monat November wurde zum Monat unseres Schicksals. Wir wollen hoffen, daß kein weiteres Kapitel hinzugefügt werden muß....