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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1999-01-01 · No. 67 (1999) · p. Seite 9

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9 "Sie wirken in einer Gemeinde, die einen historischen Namen besitzt" (Fortsetzung von Seite 8) und mehr bemerkbar. Dies wurde besonders in den kleinen Gemeinden durchaus als Problem wahrgenommen: "Die gewaltige Anziehungskraft, welche Berlin ausübt, führt fort und fort tüchtige und wackere Männer aus kleinen und mittleren Städten nach der Residenz und schafft besonders in den jüdischen Gemeinden Lücken, die schwer auszufüllen sind. So haben sich im Laufe der letzten 25 Jahre mehrere hundert jüdische Familien in Berlin niedergelassen, die alle in Glogau ihre Wurzeln haben". Einer der ersten Juden überhaupt, die sich in Berlin niederließen, war 1657 Israel Aron aus Glogau. Der Philisoph und Kabbalaforscher Gershom Scholem (1897-1982) war stolz darauf, daß seine Vorfahren aus Glogau stammten. Aber auch Persönlichkeiten wie Michael Sachs, Abraham Geiger, Israel Levy, David Cassel oder der Schriftsteller Arnold Zweig betonten stets, daß sie aus Glogau oder aus anderen kulturellen jüdischen Zentren der schlesischen Provinz kamen. So wundert es kaum, daß sich eine ganze Reihe prominenter Berliner Juden mit schlesischen Wurzeln nennen lassen. Leopold Lucas ging den umgekehrten Weg: Nach einer fundierten Ausbildung in Berlin ließ sich der promovierte Rabbiner in Glogau nieder, um hier als Prediger, Wissenschaftler und Förderer der Wissenschaft zu wirken. Die enge Beziehung zu Berlin blieb dabei sein Leben lang erhalten. In Glogau übernahm Lucas das Rabbineramt von Dr. Benjamin Rippner, der am 27. November 1898 in Glogau gestorben war. Rippner war 1842 im nahegelegenen posenschen Lissa (Leszno) geboren worden. Rippners Vater, Vorsteher der jüdischen Gemeinde in Lissa, war mit dem Vater Leo Baecks, Samuel Baeck, befreundet. Sein Sohn wiederum war ein begeisterter Anhänger des Großonkels von Leopold Lucas, Salomon Ludwig Steinheim, dem er mehrere Abhandlungen in der "Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums" (MGWJ) widmete. Leopold Lucas seinerseits stand Zeit seines Lebens zu Leo Baeck in engem persönlichen und wissenschaftlichen Kontakt. Rippner und Lucas verkörperten eine neue Rabbinergeneration, die, akademisch gebildet und promoviert, über viele Jahre in einer Gemeinde amtierten. Lucas' Wahl für eine Rabbinerausbildung dürfte auf seine Jugendzeit in Marburg zurückgegangen und von verschiedenen Persönlichkeiten beeinflußt worden sein: dem Marburger Rabbiner Dr. Leo Munk, der von 1876 bis 1918 amtierte, dem langjährigen Gemeindelehrer Abraham Strauß, vor allem aber von dem Philosophen und Begründer des Marbuger Neukantianismus Hermann Cohen, der nach seiner Emeritierung 1912 in Berlin an der "Hochschule (Lehranstalt) für die Wissenschaft des Judentums" lehrte. Außer durch die bereits genannten Lehrer wurde er durch David Cassel beeinflußt. David Cassel, am 7. März 1818 in Glogau geboren, starb am 23. Januar 1893 in Berlin. In Glogau als Sohn eines Bildhauers geboren, besuchte er lange Zeit als einziger jüdischer Schüler das katholische Gymnasium. Sein Studienwunsch, jüdische Theologie und klassische Geisteswissenschaften, führte ihn nach Berlin. Er leitete 33 Jahre die Dina-Zaduck-Nauen- Cohnsche Erziehungsanstalt, die, 1789 gegründet, als die älteste jüdische Wohltätigkeitseinrichtung Berlins gilt, und wurde später auf den Lehrstuhl für Bibelexegese, jüdische Geschichte und Literatur an die "Hochschule (Lehranstalt) für die Wissenschaft des Judentums" berufen. Er gehörte gemeinsam mit Abraham Geiger, Israel Levy und Heymann Steinthal dem Kollegium der neugegründeten Hochschule an. Als Cassel 75jährig starb und mit großer öffentlicher Anteilnahme auf dem Jüdischen Friedhof Weißensee beerdigt wurde, war es Leopold Lucas, der aufgrund seines rednerischen Talents die Trauerrede auf seinen Lehrer halten durfte. "Geprägt durch seine Lehrer im Berliner Rabbiner-Seminar" - so schreibt Franz D. Lucas über seinen Vater - "bildete sich bei Lucas früh eine konservativ-liberal religiöse Haltung heraus. Sie blieb, verbunden mit einer dezidiert humanistischen Einstellung, unter besonderer Betonung des Toleranzgedanken, sein ganzes Leben lang bestimmend". Eine Haltung, die sich auch in seiner Glogauer Antrittspredigt widerspiegelt: "So wird der Boden geschaffen, auf welchem alle gerechten Parteien ihren Platz finden, und auf welchem alle gemeinsam wirken können für die großen Aufgaben unserer geschichtlichen Sendung, den Tag herbeizuführen, da ein Glaube herrscht, der keine Fesseln schmiedet und keine Scheidewand errichtet, den Tag auch herbeizuführen, da der Abgrund überbrückt wird, der heute zu den Füßen der Menschheit gähnt und der von Zeit zu Zeit widerhallt vom Schmerzensschrei der ringenden und entbehrenden Menschheit, den Tag des Heils, da Israel im Verein mit allen Möglichkeiten, im Verein mit aller wahren Religion durch den Friedensbund des allmächtigen Gottes, das Böse entfernt aus dem Herzen des Menschen und das Schwert aus den Händen der Völker". Nicht ohne Pathos, war diese Rede getragen von einem messianischen Hoffnungsglauben, der den deutschen Juden seiner Zeit nicht fremd war. Zwar lebten sie in einer Epoche, in der sie ihre politisch-rechtliche Gleichstellung erhalten hatten, doch zeichneten sich bereits antisemitische Tendenzen in der deutschen Gesellschaft ab, die jüdischerseits zu Stellungnahme und Gegenwehr aufforderten. Hier spielte die Stadt Marburg eine besondere Rolle. Die Marburger Ereignisse dürften auch auf Lucas einen bleibenden Eindruck hinterlassen haben. Schließlich gingen von seiner Geburtsstadt Ende des 19. Jahrhunderts starke antisemitische Strömungen aus, die zur Gründung der "Deutschen Antisemiten-Partei", deren Vorsitzender der Kustos der Marburger Universitätsbibliothek, Otto Böckel, wurde, und jüdischerseits zur Gründung einer Ortsgruppe des "Vereins zur Abwehr des Antisemitismus" führten (gegründet von Abraham Strauß und dem Rabbiner Leo Munk). Auch Schlesien blieb von dieser Entwicklung nicht unberührt. Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte sich bei einem Teil der schlesischen Bevölkerung eine antisemitische Haltung, die in der Schlesischen Antisemitischen Partei ihr politisches Sprachrohr fand. Die jüdische Presse nahm anfänglich diese Entwicklung nicht ernst. Als beispielsweise der Hofprediger Adolf Stöcker am 19. Juni 1891 in Breslau einen antisemitischen Vortrag hielt, vermutete sie noch, daß ein Rückgang der Antisemiten zu verzeichnen war, doch wurde sie bald eines besseren belehrt. Sogenannte "Weihnachtsflugblätter" mit der Aufforderung "Kauft nicht bei Juden" wurden verteilt. In Oels (Olesnica) traten dem neugegründeten antisemitischen Verein 64 Personen bei. Am Sommerfest der Antisemiten Schlesiens im Juli 1893 in Zobten (Sobotka) nahmen 500 Personen teil, darunter auffallend viele Frauen; die Festansprache hielt Professor Förster aus Friedenau (Wygoda). Die 400 Teilnahmer einer Veranstaltung in Münsterberg (Ziebice) fordert Förster zur Gründung eines antisemitischen Vereins auf. Doch nur wenige traten bei und man glaubte, die Ablehnung der meisten Teilnehmer noch dem "gesunden Sinn der hiesigen Bevölkerung" zuschreiben zu können, die für "die antisemitische Hetzarbeit" nicht empfänglich sei. Von jüdischer Seite blieben Reaktionen auf den sich an vielen Orten öffentlich etablierenden Antisemitismus nicht aus. Durch verstärkte Hinwendung zu jüdischer Kultur und Religion war man um ein Selbstverständnis bemüht, das Schutz vor Anfeindungen und Argumente (Fortsetzung auf Seite 10)

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