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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1999-01-01 · No. 67 (1999) · p. Seite 8

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Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1999
Issue
No. 67 (1999)
Date
1999-01-01
Page
Seite 8 (sequence 1556)
Language
German
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8 “Sie wirken in einer Gemeinde, die einen historischen Namen besitzt“ Zu Leben und Werk des letzten Glogauer Rabbiners Leopold Lucas (1872-1943) von Margret Heitmann Mehr als eine "Annäherung" an Dr. Leopold Lucas, den letzten Glogauer Rabbiner, können diese Ausführungen nicht geben, eine Annäherung an einen Vertreter der letzten Rabbinergeneration vor der Shoa, der seine familiären Wurzeln in Marburg hat und 40 Jahre in Glogau (Glogow) lebte und wirkte. Sein Name wurde weit über die niederschlesische Stadt hinaus bekannt, inder er sich besonders für die "Wissenschaft des Judentums" große Verdienste erwarb. Über seine Wirsamkeit in Glogau sind, abgesehen von einigen persönlichen Dokumenten und Predigten, die sich im Besitz seines Sohnes Franz D. Lucas in London befinden, keine Akten oder Dokumente erhalten, die Aufschluß über seine 40jährige Tätigkeit als Rabbiner geben könnten. Lucas selbst hat seine persönlichen Dokumente vor der Deportation vernichtet. Vernichtet wurde auch mit dem Brand der Glogauer Synagoge die Mehrzahl der Akten der jüdischen Gemeinde. Daß es umfangreiche Bestände gab, dieser Hinweis ist Rabbiner Bernhard Brilling zu verdanken, der in seiner Funktion als Archivassistent mit der Aufgabe betraut war, die Glogauer Gemeindeakten leihweise zu Registrierung und Durcharbeitung in das Breslauer Gemeindearchiv, das zugleich das Schlesische Provinzialarchiv war, zu überführen, um sie "im Interesse ihrer besseren Aufbewahrung und (zugunsten) der jüdischen Geschichtsforschung dem Breslauer Gemeindearchiv als schlesisch-jüdischem Provinzialarchiv (evtl, als Leihgabe) zu überlassen". Die behördliche geführten Akten der Glogauer Gemeinde befanden sich im Staatsarchiv in Breslau, einige wenige Bestände waren an das Gesamtarchiv der deutschen Juden in Berlin übergeben worden, einige waren über das Breslauer Jüdische Museum in das Breslauer Gemeindearchiv gelangt. Reichhaltige Aktenbestände befanden sich in der Glogauer Synagoge selbst. Doch waren einige Akten an den Historiker Professor Marcus Brann und den Rabbiner Dr. Louis Levin in Breslau ausgeliehen und nicht mehr zurückgegeben worden. Akten, die sich im Gesamtarchiv befanden, hatte der Glogauer Synagogendiener J. Neustadt wieder zurückschicken lassen. Von einem kleinen Bestand, der sich zu dieser Zeit im Vorraum der Synagoge in einer verschlossenen Eisenkiste befand, war es Brilling gelungen, eine Übersicht anzufertigen. So ist unter anderem zumindest noch bekannt, daß es ein Totenbuch gab, das bis ins 17. Jahrhundert zurückging. Zu einer Überführung des Gesamtbestandes nach Breslau, an der die Glogauer Gemeinde offensichtlich kein großes Interesse hatte, kam es nicht. Zu dieser Zeit war nicht vorhersehbar, daß der Archivbestand der Gemeinde ein Jahr später vernichtet werden würde. So muß eine Geschichte der Juden in Glogau zwangsläufig große Lücken aufweisen, und so läßt sich Leben und Wirken des Rabbiners Lucas nur bruchstückhaft rekonstruieren. Die Familie Lucas ist eine alteingeseßene Marburger Familie, die sich über Generationen bis ins 17. Jahrhundert zurückverfolgen läßt. 1710 wird in einer "Specifikation aller Juden an Männern, Weiber, Kinder und Gesinde des Oberfürstentums Hessen" der Schutzjude Lucas mit Frau und drei Kindern erwähnt. Dies war offensichtlich der priviligierte Schutzjude Abraham Lucas; dessen Sohn Aaron Lucas war ebenfalls wohlbestallter und priviligierter Schutzjude. Der Sohn von Aaron Lucas wiederum war Loeb Aron Lucas (1764-1838), Munizipalrat in Marburg und Landesvorsitzender der Hessischen Judenschaftlichen Korporation. Der Sohn von Loeb Aron Lucas war Aron Loeb Lucas (1792-1873) und dessen Sohn schließlich Bernhard Lucas (1836-1906), Bürger der Stadt Marburg und Uhrmacher von Beruf, war der Vater von Leopold. Seine Frau Bertha Lucas geb. Falkenstein, stammte aus der Familie Bassevi von Treuenburg. Bassevi lebte von 1570 bis 1634 und war als erster Jude vom Kaiser in den erblichen Adelsstand erhoben worden. Zahlreiche Mitglieder der Familie wurden auf dem Jüdischen Friedhof am Alten Kirchheiner Weg in Marburg bestattet. Namentlich bekannt sind noch die Großmutter von Leopold Lucas, Fanny Lucas, geb. Hellwitz (1802-1869), und die Urgroßmutter Berle Lucas, geb. Hertz (1760- 1832), sowie Fanny Frieda Lucas (1869-1936), in deren Grabstein auch der Name von Dina Lucas, der Schwester von Leopold Lucas eingarviert ist. Dina Lucas hatte als Dentistin im elterlichen Haus Bahnhofstraße 10 ihre Praxis und wurde 76jährig von Marburg aus nach Theresienstadt (Terezin) deportiert und im Lager Maly Trostinec ermordet. Verwandtschaftliche Beziehungen der Familie bestanden auch zu Heinrich Heine und den Physikern Heinrich und Gustav Hertz. Leopold Lucas' Großonkel war Salomon Ludwig Steinheim, Arzt, jüdischer Religionsphilosoph und Emanzipationspolitiker des 19. Jahrhunderts (1789-1866). Leopold Lucas wurde am 18. September 1872 in Marburg geboren, legte 1892 am Marburger Gymnasium Philippinum das Abitur ab und studierte Orientalistik, Geschichte und Philosophie in Berlin. Er promovierte 1895 mit dem Thema "Geschichte der Stadt Tyrus zur Zeit der Kreuzzüge" bei Bernhard von Kugler in Tübingen. Sein Rabbinerdiplom erhielt er 1899 nach zwölfsemestrigem Studium am Berliner Rabbinerseminar und der "Hochschule (Lehranstalt) für die Wissenschaft des Judentums" in Berlin. Von hier aus führte sein Weg direkt nach Glogau, wohin er den Ruf als Rabbiner erhalten hatte. Hier heiratete er Dorothea Janower aus Breslau; dem Ehepaar wurde zwei Söhne geboren: Werner und Franz D. Lucas. In einem Bericht über die Glogauer Gemeinde aus dem Jahre 1853 heißt es: "Die jüdische Gemeinde war ehedem sowohl durch die große Anzahl ihrer Mitglieder als auch durch die ausgezeichneten Talmudisten, welche in ihrer Mitte lebten, weithin berühmt". Heinrich Graetz, der bedeutende jüdische Historiker des 19. Jahrhunderts, war der Ansicht: "In Glogau, der Stadt Munk's und anderen Männern, die eine Zierde des Judentums bilden, herrschte.... innige Frömmigkeit, gehoben durch eifrige Beschäftigung mit der heiligen Schrift und der neuhebräischen Poesie...Hier traf man nicht wenige, welche ohne dem Gelehrtenstande anzugehören, an der Literatur innigen Anteil nahmen, hebräische Verse machten oder zierliche Briefe in hebräischer Prosa an gleichgestimmte Freunde richteten." Der Ruf der Glogauer Rabbiner, ihre Gelehrsamkeit und ihr Scharfsinn brachten ihnen eine weite Anerkennung, so daß Rabbiner, die nach Glogau gerufen wurden, die Auszeichnung gerne annahmen. Sich dieser Tradition bewußt, dürfte es dem jungen Rabbiner Lucas nicht allzuschwer gefallen sein, das gelehrte Berlin zu verlassen. Die jüdische Gemeinde in Glogau, deren Geschichte etwa 600 Jahre währte und die einst als "Stadt der Weisen und Schriftgelehrten" in der jüdischen Welt gefeiert wurde, hatte zu dieser Zeit bereits einen starken Rücklauf ihrer Mitglieder zu verzeichnen. Zwar lebten in Glogau nie mehr als 2000 Juden, und die Stadt gehörte damit nicht zu den Großgemeinden, doch machte sich die Attraktivität der Hauptstadt Berlin wie überall in der Provinz Schlesien mehr (Fortsetzung auf Seite 9)

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