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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1999-01-01 · No. 67 (1999) · p. Seite 5

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1999
Issue
No. 67 (1999)
Date
1999-01-01
Page
Seite 5 (sequence 1553)
Language
German
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5 “Krankheit ist ein Versagen" (Vor 61 Jahren wurden jüdische Ärzte ausgestoßen) Vom 25. Oktober 1946 bis zum 20. August 1947 dauerte das erste und einzige Strafverfahren gegen zwanzig Nazi-Ärzte und drei hohe Beamte aus dem NS-Gesundheitswesen vor einem amerikanischen Kriegstribunal in Nürnberg. Sieben Angeklagte wurden zum Todes verurteilt, neun erhielten Haftstrafen, in sieben Fällen erkannte das Gericht auf Freispruch. Ein Jahr nach dem Prozeß beauftragte der Deutsche Ärztetag in Stuttgart den Frankfurter Psychoanalytiker Alexander Mitscherlich, eine Dokumentation über die Ärzte im Nazistaat zu schreiben. Zusammen mit Fred Mielke entstand so der Band "Wissenschaft ohne Menschlichkeit", der 1948 an 10.000 Ärzte verschickt wurde. Die Reaktion war eisiges Schweigen. Längst hatten die meisten deutschen Ärzte ihre Vergangenheit verbogen oder verborgen. Mit dem Nürnberger Prozeß sei das Kapitel NS-Ärzteverbrechen abgeschlossen, obwohl Mitscherlich und Mielke nachgewiesen hatten: "Von ungefähr 90.000 damals in Deutschland tätigen Ärzten haben etwa 350 Medizinverbrechen begangen." Heute, ein halbes Jahrhundert später, wissen wir, daß es viel mehr waren. Doch die deutschen Ärzte machen um die braune Vergangenheit ihres Berufsstandes noch immereinen weiten Bogen. Nicht einmal das Vorbild der deutschen Historiker, die soeben in Frankfurt a.M. die Aufarbeitung ihrer Geschichte beschlossen haben, bewirkt einen Sinneswandel. Dabei gibt es in diesem Monat ein Datum, daß sie eigentlich dazu zwingen müßte, vor der eigenen Tür zu kehren. Am 30. September 1938, ging nämlich die glanzvolle Geschichte jüdischer Ärzte in Deutschland zuende. Keiner der 3125 jüdischen Ärzte durfte weiter Kranke behandeln, auch nicht als Heilpraktiker. Gut 700 jüdische Ärztinnen und Ärzte erhielten eine Sondergenehmigung, jüdischen Patienten als "Krankenbehandler" zu helfen. Dahinter verbarg sich nach Überzeugung des kanandischen Historikers Michael H. Kater die Befürchtung der Nazis, in der jüdischen Bevölerung könne es zu Seuchen kommen, weil Juden keinen nichtjüdischen Arzt mehr konsultieren durften. Der 30 September war weder der Anfang noch das Ende der antijüdischen Maßnahmen im NS-Staat. Nachdem schon am 23. März 1933 die Spitzenfunktionäre der deutschen Ärzteschaft beschlossen hatten, sich mit der NSDAP "gleichzuschalten", also voll auf NS- Kurs zu gehen, verlangte am 2. April 1933 der Vorsitzende des Ärztebundes, Gerhard Wagner, "die Entfernung von Juden und Marxisten aus den Vorständen und Ausschüssen". Der 2. April wurde deshalb gewählt, weil am Tag zuvor der erste Boykottaufruf gegen jüdische Geschäfte, Praxen und Kanzleien zumindest unter Ärzten und Rechtsanwälten auf lebhafte Zustimmung gestoßen war. Am 5. April 1933 empfing Hitler die ärztlichen Spitzenfunktionäre, am 7. April trat das Gesetz zum Schutz des Berufsbeamtentums in Kraft. Politische Gegner und Juden wurden aus dem öffentlichen Dienst verstoßen, vom 20. April 1933 an, Hitlers erstem Geburtstag als Regierungschef, erhielten jüdische Ärzte keine Zulassung mehr zur Behandlung von Kassenpatienten. "Die Ärzte hatten, im Verhältnis zu allen anderen Berufsgruppen, den höchsten Prozentsatz an Parteimitgliedern (45 Prozent)." In der "Enzyklopädie des Holocaust" heißt es weiter zu diesem Berufsstand: "Das zahlenmäßige Verhältnis ihrer Mitgliedschaft in SA und SS lag zwei- bzw. siebenmal höher als z.B. das der Lehrer. Diese hatte seinen Grund sowohl in den autoritären und nationalsozialistischen Tendenzen der deutschen Ärzte als auch in der Betonung einer 'biologisch-medizinischen Vision nationaler Gesundung' von Seiten der Nationalsozialisten." Die Hitlerjugend konnte in ihren Gesundheitsbüchern lesen: "Jeder Deutsche hat die Pflicht, so zu leben, daß er gesund und arbeitsfähig bleibt. Krankheit ist ein Versagen." 1933 und 1934 war es der deutschen Ärzteschaft gelungen, um die 3000 jüdischen Kollegen und Kolleginnen in die Emigration oder in den Suizid zu treiben. Hinzuzufügen ist, daß die Konkurrenz unter den Ärzten der 30er Jahre stetig zunahm. 1932 praktizierten in Deutschland 52.000 Mediziner. Die etwa 9000 jüdischen Kollegen arbeiteten vor allem in großen Städten, viele in Elendsquartieren. In Berlin, Frankfurt a.M., München, Hamburg, Köln und Breslau war ihr Anteil besonders groß. In Karikaturen wurde der Bevölkerung vorgegaukelt, die von Juden beherrschte "Schulmedizin" unterdrückte die von den Nazis geförderte "Volksheilkunde". Das Gegenteil war demgegenüber der Fall. Neben diesen antisemitischen Aktivitäten hat die deutsche Ärzteschaft auch ihr blutiges Standeskapitel noch nicht aufgearbeitet: Die direkte Beteiligung an medizinischen Verbrechen und Morden. Es begann im Juni 1933 mit dem "Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses". In Folge wurden zwischen 200.000 und 350.000 Männer und Frauen zwangsweise sterilisiert. Die Auswahl trafen Ärzte. Mit der Vernichtung "lebensunwerten Lebens" begann der Massenmord an Kranken in Heil- und Pflegeanstalten. Ältere Ärzte bestimmten die Opfer, jüngere Kollegen bedienten die Gaskammern. In Auschwitz und Majdanek waren es Ärzte, die über Leben und Tod entschieden. Die "Arbeit" an den Gaskamern überließen sie einfachen SS- Dienstgraden. Gleichwohl mordeten sie auch in den Lagern, indem sie Häftlinge zu medizinischen Versuchen mißbrauchten. Den 60. Jahrestag der Ausgrenzung jüdischer Ärzte aus der deutschen Gesundheitsfürsorge haben die Spitzenfunktionäre der deutschen Ärzteschaft bewußt übergangen. Vergessen haben sie ihn jedenfalls nicht. Denn in München hat der kleine Ärztliche Kreis- und Bezirksverband an den Jahrestag erinnert. Hauptredner war Ignatz Bubis. "Erinnerung dient dazu, für die Zukunft eine Lehre zu ziehen, Rassismus und Totalitarismus zu erkennen", zitierte die "Süddeutsche Zeitung" den Vorsitzenden des Verbandes, Wolf von Römer. Wie wahr, wenngleich die Spitzenverbände der deutschen Ärzte mehr davon zu halten scheinen, alles zu verdrängen oder zu vergessen. Heiner Lichtenstein ("Die Mahnung", 1.10.1998) ★★★★★★★★★★★★★★★★★★★★★★★★★★★★ Suchanzeigen Ich suche seit vielen Jahren meinen Cousin Norbert Liebermann aus Breslau. Er soll zwischen 1935 noch nach Israel ausgewandert sein und dort in Tel-Aviv oder Haifa bei der Polizei oder im öffentlichen Dienst gewesen sein. Seine Mutter hieß Martha Liebermann und war eine geborene Steinmetz (Schwester meiner Großmutter). Sie wurde mit ihrem Ehemann ermordet. 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